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Gesundheitspolitik 8. Mai 2012

Schweiz: Freie Arztwahl soll in Zukunft teurer kommen

Ärzte stellen sich gegen die Pläne der Politik, möglichst viele Krankenversicherte in das integrierte Gesundheits-Versorgungsnetz zu bekommen.

Möglichst viele Krankenversicherte sollen sich in der Schweiz einem integrierten Gesundheits-Versorgungsnetz anschliessen. Der Weg zu diesem Ziel des Bundesrats ist jedoch umstritten. Gegen die vom Parlament beschlossenen Pläne haben Ärztekreise und Gewerkschaften das Referendum ergriffen.

Die Stimmberechtigten müssen deshalb am 17. Juni entscheiden, ob sie die in eine Revision des Krankenversicherungsgesetzes gegossenen Regeln zur Förderung integrierter medizinischer Versorgungsnetze unterstützen oder nicht.

Managed Care Modelle

Bei diesen so genannten Managed-Care-Modellen schliessen sich Leistungserbringer - etwa Hausärzte, Spezialärzte, Physiotherapeuten, Apotheken und Spitäler - zum Zweck der Koordination der medizinischen Versorgung zusammen.

Patientinnen und Patienten, die einem solchen Netzwerk angeschlossen sind, geben ihre frei Arztwahl teilweise auf. Sie werden von den Leistungserbringern behandelt, die dem Netzwerk angehören oder die vom Netzwerk bestimmt werden.

Dadurch soll sich die Kommunikation zwischen den an der Behandlung beteiligten Fachkräften verbessern. Mehrfachbehandlungen, Missverständnisse und Fehler sollen so verhindert werden.

Gesundheitskosten bremsen

Das Managed-Care-Netzwerk übernimmt auch Budgetmitverantwortung. Diese soll sich kostendämpfend auswirken. Konkret einigt sich ein Netzwerk mit einer Krankenkasse auf ein Gesamtbudget, innerhalb dessen die Behandlungen der Patienten organisiert werden soll. Liegen die effektiven Kosten unter Budget, erhalten die Netzwerke einen Teil gutgeschrieben.

Ziel des Bundesrats ist es, dass sich 60 Prozent der Versicherten einem solchen Netzwerk anschliessen. Zurzeit gehören laut dem Befürworter-Komitee erst 17 Prozent oder rund 1,3 Millionen Versicherte einem Netzwerk mit Budgetmitverantwortung an.

Überzeugt werden sollen die Versicherten auch über das Geldbörsel. Das Parlament in der Schweiz beschloss dazu einen differenzierten Selbstbehalt. Nur wer sich einem Managed-Care-Modell anschliesst, soll neben der Franchise wie heute einen Selbstbehalt von zehn Prozent zahlen. Dieser soll aber - als Anreiz - bei 500 Franken gedeckelt werden.

Wer dagegen auf der freien Arztwahl beharrt, soll künftig 15 Prozent Selbstbehalt bezahlen. Zudem wird der Deckel auf insgesamt 1.000 Franken angehoben.

Gegner warnen vor Zweiklassenmedizin

Die Einschränkung der freien Arztwahl und der differenzierte Selbstbehalt stießen in Ärztekreisen und bei Gewerkschaften auf starken Widerstand. Sie ergriffen das Referendum. Unterstützt werden sie auch vom Pflegepersonal, dem Spitalverband H+, gewissen Patientenorganisationen und der SP. Aber auch die Basis von SVP und BDP lehnen die Reform ab, welche von den Fraktionen beider Parteien im Parlament unterstützt worden war.

Vor allem die Ärzte argumentieren, dass die Budgetmitverantwortung zu einer Einschränkung bei Diagnose und Therapie und damit zu einer Zweiklassenmedizin führt. Auch werde die Beziehung zwischen Arzt und Patient durch das «Korsett des Budgetzwangs» beschädigt.

De facto würden die Versicherten nicht nur gezwungen, die freie Arztwahl aufzugeben. Auch die freie Wahl von Spital, Pflegeheim und Apotheke werde abgeschafft, da die Netzwerke mit diesen Exklusivverträge abschliessen könnten.

Zweifel an Wirksamkeit

Benachteiligt würden auch die Randregionen, da es dort bislang keine solchen Netzwerke gebe. Das Parlament habe es verpasst, die Versicherungen zu zwingen, Managed-Care-Modelle anzubieten, monieren die Gegner.

Nicht zuletzt stellen sie auch die von den Befürwortern beschworenen Vorteile von Managed Care in Frage. Es gebe keinen Beweis, dass die Generalisierung von Managed Care zu Einsparungen führe. In vielen angelsächsischen Ländern sei Managed Care «ein Fehlschlag» und «ein finanzielles Fiasko».

Befürwortet wird die Vorlage vom Bundesrat, den bürgerlichen Parteien FDP, CVP, GLP und EVP sowie von vereinzelten Vertretern von SVP, BDP, SP und Grünen. Für sie bringt die Reform den lange erhofften Schub für Managed Care.

Optimale, statt maximale Versorgung

Das heutige Tarifsystem belohne jene Ärzte, die möglichst viele Patienten möglichst intensiv behandelten. Versorgungsnetze dagegen hätten ein finanzielles Interesse, ihre Patienten optimal und nicht maximal zu versorgen, argumentieren die Befürworter.

Viel versprechen sie sich dabei insbesondere für Chronischkranke, denen ein Netzwerk auch Behandlungen verschreiben kann, die von der Grundversicherung eigentlich nicht gedeckt sind. Durch die finanzielle Mitverantwortung steige auch der Anreiz für Präventionsanstrengungen.

Vorteile bringe die Vorlage zudem für Schwangere. Sämtliche Leistungen, die während der Schwangerschaft, der Niederkunft und einer gewissen Zeit danach erbracht werden, sollen von der Kostenbeteiligung befreit werden.

Nicht zuletzt könne dank der Gesetzesrevision auch der Risikoausgleich zwischen den Krankenkassen verfeinert werden. Damit soll die Jagd nach «guten Risiken» weiter erschwert werden.

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