zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 25. April 2012

Experten: "Klassenmedizin" in Gynäkologie und Geburtshilfe

Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft zu bezahlen - Fehlende Erstattung für HPV-Impfung   

"Wir reden hier von klassischer 'Klassenmedizin'." - Diese harten Worte fand Mittwochvormittag der Präsident des Berufsverbandes der österreichischen Gynäkologen, Michael Elnekheli, zu offenbaren Mängeln in der Versorgung der Frauen in Sachen Gynäkologie und Geburtshilfe.

Die größten Defizite, laut den Experten: kostenlose Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft und der fehflende Kostenersatz für die HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs zumindest bei Mädchen.

Pränataldiagnostik

"Baustelle Nr. 1 ist die Pränataldiagnostik. Es ist in der Tat so, dass früher die gynäkologischen Abteilungen diese Leistungen (Ultraschalluntersuchungen auf mögliche Defekte beim Ungeborenen) kostenlos angeboten haben. In Wien wird das pro Jahr von rund 20.000 Geburten nur noch rund 7.000 Frauen angeboten. Der Rest muss diese Leistungen einkaufen. (...) Es geht hier um 300 Euro pro Untersuchung. Wir fordern einen niederschwelligen Zugang." Es könne nicht sein, dass "arme Leute kranke Kinder" müssten.

Speziell geht es um die zusätzliche Möglichkeit eines zusätzlichen Ultraschall-Screenings in der zwölften bis 14. Schwangerschaftswoche mit Nackenfaltenuntersuchung (Hinweis auf Trisomie 21-Verdacht, Anm.) und das sogenannte Organ-Screening etwa um die 22. Schwangerschaftswoche. Der oberösterreichische Gynäkologe Dr. Gerald Michael Radner (Steyr) betonte die absolute Notwendigkeit dieser Untersuchungen, da das Durchschnittsalter der Schwangeren immer höher werde und damit das Risiko für Fehlbildungen und genetische Schäden steige: "Zwölf Prozent aller Gebärenden sind über 35 Jahre alt, ein Drittel bereits zwischen 30 und 40." Zum Teil waren an der Entwicklung, dass immer weniger Gynäkologen und Spitalsabteilungen diese Untersuchungen durchführen auch Schadenersatzprozesse schuld.

HPV-Impfung

Die offenbar zweite und im internationalen Vergleich mittlerweile bereits mehr als auffällige "Baustelle": die offene Bezahlung der HPV-Impfung zumindest für um die zwölfjährige Mädchen zur Verhinderung von Gebärmutterhalskrebs bzw. dessen Vorstufen und vieler anderer mit dem Human Papilloma Virus verbundenen Erkrankungen. Die Kremser Gynäkologin Doris Linsberger: "Österreich ist das einzige Land (unter vergleichbaren Industriestaaten, Anm.), in dem die Impfung nicht im nationalen Kinderimpfprogramm enthalten ist. Das ist eine Schande, das ist ein Skandal. (...) In Österreich erkranken pro Jahr 500 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Pro Jahr sterben rund 180 daran. Wir haben in Österreich pro Jahr 60.000 pathologische Krebsabstriche. Rund 6.000 Frauen müssen sich (wegen Krebsvorstufen, Anm.) einer Konisation unterziehen." Die Hälfte davon wäre per HPV-Impfung verhinderbar.

Der vergleichsweise hohe Preis für den Impfstoff mit derzeit rund 191 Euro für jede der drei Teilimpfungen führt in Österreich dazu, dass bisher nur zwei bis höchstens fünf Prozent der Mädchen geimpft sind. In Australien sind es um die 90 Prozent. Elnekheli: "Das ist Zwei-Klassen-Medizin."

Aus Australien mit einem umfassenden Impfprogramm kommen mittlerweile fast schon regelmäßig wissenschaftliche Daten über den Rückgang bei den HPV-bedingten Erkrankungen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben