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Grafik: iStockphoto
Der Krankenanstaltenverbund setzt auf Personalabbau und die Streichung interner Weiterbildungsmaßnahmen – sehr zum Missfallen der Gewerkschaft.
 
Gesundheitspolitik 29. April 2012

Rasenmäher-Management

Die Gewerkschaft ließ die Arbeitsbedingungen in Wiens Gemeindespitälern erheben und fordert nun vom Management des Krankenanstaltenverbundes Verbesserungen.

Laut einer im März 2011 veröffentlichten Studie der Arbeiterkammer sind die Belastungen für Mitarbeiter im Gesundheitsbereich besonders hoch. Jeder zweite Mitarbeiter klagt über massive Überlastung, jeder dritte sieht sich selbst Burnout-gefährdet. „Nach Bekanntwerden der alarmierenden Ergebnisse hatten wir die Hoffnung, dass die Verantwortlichen wachgerüttelt und zum Handeln gezwungen würden“, erinnert sich Bernhard Harreither, Vorsitzender der Hauptgruppe II in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, die mehr als 30.000 Mitarbeiter im Krankenanstaltenverbund (KAV) vertritt. Die Hoffnung erfüllte sich nicht, im Gegenteil, das Management reagierte laut Harreither mit zusätzlichem Personalabbau und der Streichung interner Weiterbildungsmaßnahmen. Harreither nennt das ein „flächendeckendes Rasenmäher-Management.“

 

Die Gewerkschaft mobilisierte daraufhin die Belegschaft, rief die Kampagne „Zeit für Menschlichkeit“ ins Leben, sammelte im „Wiener Appell“ 8.000 Unterschriften und erzwang die Rücknahme der Einsparungsmaßnahmen. Bürgermeister Häupl erklärte daraufhin die Arbeitszufriedenheit der KAV-Beschäftigten zum gleichrangigen Ziel wie die Erfüllung des Wiener Spitalskonzeptes 2030.

Im Rahmen der Kampagne „Zeit für Menschlichkeit“ wurde auch eine Studie initiiert, die mittels qualitativer Befragung die spezifischen Probleme der einzelnen Berufsgruppen und Abteilungen identifizieren sollte, um daraus Lösungsvorschläge abzuleiten.

Rund 1.500 Mitarbeiter haben betreffs des Arbeitsdrucks an ihrem speziellen Arbeitsplatz über 6.500 Punkte angeführt. Dabei traten im Wesentlichen drei große Schwachstellen zutage: eine mangelhafte Unternehmenskultur, eine zum Teil ineffiziente Arbeits- und Arbeitsablauf-Organisation sowie ein eklatanter Personalmangel, Letzteres beklagten immerhin 70 Prozent der Befragten.

Personalmangel

Der Personalmangel sei nicht nur auf fehlende Dienstposten an sich zurückzuführen, sondern oft auch darauf, dass zwar laut Dienstplan genug Mitarbeiter eingeteilt wären, diese aber nicht anwesend sind. Gründe dafür sind unter anderem die hohe Zahl an Krankenstandstagen aufgrund der überdurchschnittlichen Belastungen – im KAV stehen psychische Überlastungen inzwischen an erster Stelle bei den Krankheitsursachen – und des hohen Durchschnittsalters der Belegschaft. Dieses liegt etwa im Geriatriebereich bei über 50 Jahren, erklärt Harreither: „Nach so vielen Arbeitsjahren steigen natürlich auch die krankheitsbedingten Abwesenheiten. Dadurch stimmen mitunter die Dienstpläne, aber es fehlt an realen Personen.“

In wieder anderen Abteilungen würde zwar die Personalausstattung ausreichen, dafür aber die zu erbringenden Leistungen explodieren. Zudem nähme der bürokratische Aufwand dermaßen überhand, dass immer weniger Zeit für die Arbeit mit den Patienten bleibt – zusätzliches Frustpotenzial für die Mitarbeiter. Die Gewerkschaft fordert daher als Sofortmaßnahme „80 zusätzliche Stationssekretäre für die Wiener Spitäler“. Dienstposten dafür wären bereits vorhanden, nun müsse die Führung des KAV sie dringend mit Leben füllen.

Denn wenn die genannten Faktoren dann noch zusammenfallen, könne dies rasch „zu Situationen führen, die gefährlich sind“, warnt Harreither. Als eine Art „Selbstschutz“ für die Mitarbeiter, die Verantwortung für das Wohl der Patienten tragen, hat die Gewerkschaft daher das Instrument der „Gefährdungsanzeigen“ aus Deutschland importiert. Darin können Mitarbeiter dem Management potenzielle Gefahrenquellen in schriftlicher Form aufzeigen, auf die sie im Spitalsalltag aufmerksam werden und die intern vor Ort nicht lösbar sind. Nach Anlaufschwierigkeiten hätte sich das Instrument inzwischen gut etabliert, sagt die Gewerkschaft.

Gangbetten

Ein altbekanntes und viel zitiertes, deshalb aber um nichts weniger brisantes Problem in den Wiener Akutspitälern des KAV ist die steigende Zahl an Gangbetten. Allein in den Monaten Jänner und Februar dieses Jahres waren mehr als 6.700 Zusatzbetten auf den Gängen der KAV-Häuser geparkt, das sind um 1.000 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Harreither sagt: „Das ist für Patienten und Personal schlichtweg unmenschlich.“ Verantwortlich für die bedenkliche Entwicklung sind laut Harreither einerseits die steigende Zahl an Rettungszufahrten und andererseits Probleme, Patienten aus den Spitälern in den extramuralen Bereich zu entlassen.

Alarmierend ist aber auch das Ergebnis der Studie „Aggression und Gewalt in Krankenhäusern und Geriatriezentren innerhalb des KAV“ von Dr. Dorfmeister und Dr. Stefan. Demnach sind 78 Prozent der Befragten schon Opfer von verbaler Aggression und Gewalt geworden, 44 Prozent waren sogar tätlichen Angriffen ausgesetzt. Besonders in den Bereichen Psychiatrie, Unfallchirurgie, Notaufnahmen und Geriatrie kommt es immer wieder zu körperlichen Übergriffen gegen das Personal. Betroffen sind in überwiegender Zahl Mitarbeiter des Pflegebereiches (80 Prozent), eher selten dienen Ärzte als Zielscheibe. „Diese Entwicklung ist den Kollegen nicht länger zumutbar. Sie müssen geschützt werden“, sagt Harreither und fordert den Einsatz von Security-Diensten an bekannten „Hotspots“ sowie eine massive Ausweitung des Angebots an Deeskalationstraining.

Die Gewerkschaft will nun mit dem Management über Initiativen zur Minderung des Arbeitsdrucks für die Belegschaft verhandeln. Zentrale Forderungen betreffen die Etablierung einer neuen Unternehmenskultur, die auf mehr Transparenz und Kommunikation setzt, das „Löschen evidenter Brandherde“ (Harreither: „Eine Liste der vordringlichsten Brandherde haben wir bereits an die Personalverantwortlichen in den Krankenhäusern geschickt“) sowie den Abbau einer überbordender Bürokratie.

KAV: Kein Kommentar

Mit der Stadt Wien soll über eine transparente Leistungsplanung aller Wiener Krankenanstalten sowie über Modelle altersgerechter Arbeitsplätze diskutiert werden. Zudem müssten die Rettungsdienste zukünftig besser koordiniert und die Rettungskontingente gerechter aufgeteilt werden. Vor allem aber müsse der niedergelassene Bereich gestärkt werden, um die Spitäler insgesamt zu entlasten.

Das KAV-Management wollte trotz mehrmaliger Nachfrage die Studienergebnisse und die daraus abgeleiteten Forderungen nicht kommentieren. Immerhin hätte sich das Management aber bereit erklärt, sagt Harreither, im Mai konkrete Gespräche darüber aufzunehmen, dann, wenn die Ergebnisse der eigenen Studie „Arbeitsbedingungen gemeinsam gestalten“ ebenfalls am Tisch liegen werden. „Eines kann ich aber schon vorweg sagen“, so Harreither, „die Ergebnisse sind zu 90 Prozent deckungsgleich.“

Von V. Weilguni, Ärzte Woche 17 /2012

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