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Gesundheitspolitik 7. Mai 2009

„Nein, die Ärztekammer ist nicht reformresistent“

Ärztekammer-Präsident Dr. Walter Dorner plädiert für eine Finanzierung-Neu des Gesundheitssystems aus zwei Töpfen: Kassen für ambulanten Sektor und Steuern für Spitäler.

Die Krankenkassen und das Gesundheitswesen haben weiterhin großen Reformbedarf. Bisher sind neue Ideen meist an der Kritik verschiedener Akteure im Gesundheitssystem gescheitert. Die Ärzte Woche fragt nun alle Stakeholder im Gesundheitswesen nach ihren Rezepten und konfrontiert sie auch mit der Kritik an ihnen.

Die Interessensvertretung der heimischen Ärzteschaft, die Österreichische Ärztekammer, spielt bei den laufenden Diskussionen über eine Gesundheitsreform eine gewichtige Rolle. Dabei sehen sich die Mediziner einerseits mit den Krankenkassen konfrontiert, mit denen es entsprechende Verträge abzuschließen gilt, die den Praktikern ein geregeltes Einkommen verschaffen. Andererseits stehen die Ärzte einer Gesundheitspolitik gegenüber, die die Rahmenbedingungen für die medizinische Praxis insbesondere in den Spitälern aufstellt. Dass es hier zu Spannungen kommt, liegt auf der Hand. Ärztekammer-Präsident Dr. Walter Dorner zeigt diese auf und skizziert seine Visionen einer Gesundheitsreform.

Woran krankt es derzeit im Gesundheitssystem?

Dorner: Das österreichische Gesundheitssystem ist nicht krank: Die Gesundheitsversorgung ist besser als in den meisten EU-oder OECD-Ländern. Die Kosten für das System sind in den vergangenen Jahren, gemessen am BIP, kaum gestiegen. Das wird in der öffentlichen Debatte sehr oft verdrängt. Dennoch: Eine Weiterentwicklung ist notwendig. Schon allein deshalb, weil die Krankenkassen in ihrer Existenz gefährdet sind und das Sozialversicherungssystem als solches in Organisation und Finanzierungsstruktur hinterfragt werden muss. In Österreich werden zu viele Menschen zu oft in den Spitälern behandelt, bei Pflegebetten besteht akuter Nachholbedarf. Das Ungleichgewicht zwischen muralem und extramuralem Bereich wirkt sich negativ aus und belastet die Kostenstrukturen. Das Gesundheitssystem unterliegt zudem zu vielen und unterschiedlichen Interessenseinflüssen: Notwendig sind Verschlankung, Entbürokratisierung und eine gezielte Lenkung der Finanzströme.

Und wie soll diese aussehen?

Dorner: Wir haben ein Zwei-Topf-System vorgeschlagen. Finanzierung des ambulanten Sektors einschließlich Spitalsambulanzen durch Krankenkassen, des stationären Bereichs durch Steuergelder. Zuführung der Mittel, die bisher in Ambulanzen flossen, an die Sozialversicherungen. Das schafft Transparenz, ist realistisch und mittelfristig umsetzbar.

Was sind denn die Herausforderungen der kommenden Jahre und welche Lösungen gibt es dafür?

Dorner: Wir sind auf dem Weg in eine Alternsgesellschaft. Menschen werden älter, anspruchsvoller, gleichzeitig aber multimorbid. Die Autoimmunerkrankungen nehmen zu, denken Sie nur an die Prognosen hinsichtlich der Alzheimer-Demenz. Die Ärztekammer startet gerade eine österreichweite, große Informationskampagne. Das bedeutet auch eine stärkere Fokussierung auf den Pflegebereich und die Schaffung von adäquaten sozialen Umfeldern für ältere Menschen. Der nächste Punkt ist die Vorsorge, in die wir künftig mehr investieren müssen, um die allgemeinen Gesundheitsstandards zu verbessern. Damit lässt sich langfristig viel Geld einsparen. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass eine flächendeckende Gesundheitsversorgung Geld kostet und wegen des medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritts in Zukunft noch mehr kosten wird. Wir müssen die Krankenkassen radikal entschulden und gleichzeitig dafür sorgen, dass höheres Kostenbewusstsein entsteht. Bei allen Beteiligten: weniger Aufenthalte in Krankenhäusern, Verlagerungen von Behandlungen in den niedergelassenen Bereich bei gleichzeitiger Bereitstellung von mehr Pflegekapazitäten.

Welche Visionen haben Sie eigentlich in Bezug auf das Gesundheitssystem im Allgemeinen?

Dorner: Die Vision ist simpel: barrierefreier Zugang für jeden Menschen zur Spitzenmedizin, und zwar weitestgehend kostenlos. Das muss ein Gesundheitssystem im 21. Jahrhundert leisten. Das bedingt eine neue, effiziente Umverteilung. Daraus resultieren auch die Schlüsselbereiche für die Weiterentwicklung: Bessere Vernetzung des muralen und extramuralen Bereichs, Stärkung des Allgemeinmediziners als Erstdiagnostiker und „Guide“ durch das Gesundheitssystem, umfassende Prävention und Gesundenuntersuchung auf hohem Standard, umfassend ausgestattete Schwerpunkt-Krankenhäuser, die technisch und ressourcenbezogen „on Top“ sind und gleichzeitig flexible, den lokalen Bedürfnissen entsprechende wohnortnahe und regionale Einheiten. De facto bedeutet dies eine Stärkung zentraler Kräfte bei gleichzeitig höherem Spielraum für lokale Entscheidungen und mehr Selbstverantwortung für die Ärzte. Alle Veränderungen sollten jedoch die prinzipielle ärztliche Behandlungs- und Diagnosefreiheit sichern – sie ist doch die Konsequenz unserer uralten Ethik und unserer Kompetenz.

In der Diskussion um die Gesundheitsreform wird den Ärzten immer wieder vorgeworfen, dass sie nur am Profit interessiert seien. Was halten Sie dem entgegen?

Dorner: Die Ärzte sind nicht nur am Profit interessiert. Ärzte verdienen auch nicht wesentlich mehr als andere Akademiker, gemessen an den langen Ausbildungszeiten und einer Wochenarbeitszeit, wie sie in keinem anderen Berufsstand üblich ist. Schwarze Schafe gibt es in jedem Beruf. Sie werden auch innerhalb der Kammer nicht toleriert. Ärzte sind primär daran interessiert, ihren Patienten zu helfen. Dass sie dabei zu angemessenen Therapien raten, hat nichts mit Profitgier zu tun. Ärzte sind vom Gesetz und aus haftungsrechtlichen Gründen angehalten, alle Möglichkeiten der modernen Medizin auszuschöpfen. Im Übrigen sind sich Ärzte bewusst, welche gesellschaftliche Verantwortung sie tragen.

Es wird aber auch kritisiert, die Ärztekammer benehme sich wie eine geschützte Werkstätte und sei reformresistent...

Dorner: Nein, die Ärztekammer ist nicht reformresistent, sonst könnte jemand wie ich nicht Präsident sein. Das Schlagwort der geschützten Werkstätte ist schlicht nicht richtig. Es war die Ärztekammer, die eine umfassende Gesundheitsreform angeregt hat, als die Politik die Gesundheitsreform mit einer Sparaktion für die Krankenkassen verwechselt hat. Es war die Ärztekammer, von der seit den 90er Jahren wesentliche Impulse und Ideen zur Anpassung der Strukturen und der Finanzierung ausgegangen sind. Das vergisst man gerne. Ende vergangenen Jahres haben wir ein umfassendes gesundheitspolitisches Konzept vorgelegt, in das die Analysen nationaler und internationaler Experten eingeflossen sind. Die Ärzte haben sehr wohl Änderungsbereitschaft signalisiert. Ärzte verteidigen nicht Privilegien. Aber sie können und dürfen nicht wie normale Unternehmer agieren, die mit dem Rotstift arbeiten, wenn Erträge sinken: Wir haben es täglich mit Menschen zu tun, auf die wir individuell eingehen müssen. Deshalb brauchen Ärzte gesicherte Verträge.

Apropos normale Unternehmer: Die Ärztekammer verhindert neue Strukturen wie eine Ärzte-GmbH.

Dorner: Im Gegenteil. Wir Ärzte selbst haben Modelle für Praxisgemeinschaften und Gruppenpraxen vorgeschlagen (siehe Seite 2). Bisher verhindert wurden sie von der Wirtschaft, die die Modelle auf Finanzinvestoren ausdehnen will. Wir lehnen es aber ab, dass sich unter dem Deckmantel „Arzt“ profitorientierte Finanzjongleure breitmachen, die sich nur jene medizinischen Leistungen herauspicken, die gut bezahlt sind. Das führt zur 3-Klassen-Medizin. Wir sind für Ärzteunternehmen, aber nur dann, wenn sie auch von Ärzten geführt werden und die Gesellschafter Ärzte oder Vertreter anderer Gesundheitsberufe sind.

Das Gespräch führte Andreas Feiertag

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Hintergrund:
Die Österreichische Ärztekammer hat im Gesundheitswesen eine mächtige Position.
Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) ist die Interessensvertretung aller heimischen Ärztinnen und Ärzte, die mit ihrem Jus practicandi automatisch Mitglied sind. Die Organisation finanziert sich aus den Mitgliedsbeiträgen und ist sowohl bundesweit strukturiert als auch in neun Länderkammern unterteilt. Sie vertritt nicht nur die Interessen der Mediziner nach außen, sondern fungiert auch als Kontrollinstanz und bietet verpfichtende Weiterbildung für ihre Mitglieder an.
Wordrap:
Kurz gefragt
• Unser Gesundheitswesen leistet für mich ...
- ... das Beste unter nicht wirklich guten Begleitumständen.
• Selbstbehalte sind für mich...
- ... auf bisherigem Niveau logisch, wenn sie sozial ausgewogen wären und gerechte Umverteilung garantierten.
• Meine letzte Vorsorgeuntersuchung war ...
- ... vor drei Monaten.
• Gesundheitspolitik interessiert mich, weil ...
- ... ich Humanist und Arzt bin.
• Gesundheit bedeutet für mich ...
- ... Autonomie, klarer Geist, Mobilität und richtiger Umgang mit mir und meiner Umwelt.
Zur Person

Dr. Walter Dorner, Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 

Der 1942 in Neunkirchen (NÖ) geborene Walter Dorner studierte Medizin in Wien und machte hier auch seine Fachausbildung zum Chirurgen. Spezialisiert auf Bauchchirurgie und Sporttraumatologie - Dorner war von 1970 bis 1987 Arzt des Wiener Sportclubs - war er von 1976 bis 2003 im Heeresspital in Stammersdorf tätig, dessen Leiter er mit seiner Ernennung zum Brigadier 1994 wurde. Sein Engagement in der Standespolitik begann 1981 in der Wiener Ärztekammer, der er ab 1999 als Präsident vorstand. 2003 wurde der verheiratete Arzt und Vater zweier erwachsener Kinder Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Dorner ist Träger des Großen Ehrenzeichens der Republik, ist Fußballfan, liebt die Oper und St. Martin im Südburgenland, wo er im renovierten Elternhaus jede freie Minute verbringt.
Info: ÖÄK, 1010 Wien, Weihburgg. 10-12; www.aerztekammer.at

Von Andreas Feiertag, Ärzte Woche 19/2009

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