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Foto: KarlGrabherr
Information ist das A & O einer erfolgreichen Still-Beziehung. Ammenmärchen und Fehlinformationen führen zu unnötigem frühzeitigem Abstillen.
 
Gesundheitspolitik 7. Mai 2009

Stillen wird zu spät zum Thema gemacht

Frauen wünschen sich mehr Informationen – auch von Gynäkologen.

Auch wenn es wissenschaftlich gut abgesicherte Erkenntnisse zum Stillen gibt: Der Zugang zu kompetenter Beratung und Information ist nicht überall möglich, die Empfehlung zum Abstillen wird oft sehr schnell gegeben.

In der aktuellen Studie des Gesundheitsministeriums „Säuglingsernährung heute“ gaben 65 Prozent der befragten Mütter an, dass die Schwangerschaft ein sehr wichtiger Zeitpunkt für Information zum Stillen sei. Allerdings erhielten zwei Drittel von ihnen dazu keinerlei Informationen vom Gynäkologen.

„Es gibt bei vielen Müttern die Einstellung: Das Stillen wird automatisch funktionieren“, weiß Dr. Barbara Bednar IBCLC, Fachärztin für Pädiatrie an der Linzer Kinder- und Frauenklinik und geprüfte Stillberaterin. Dazu kämen unrealistische Vorstellungen über das Leben mit einem Neugeborenen, etwa das Bild des „braven Kindes“, das schnell durchschläft. Oder das Ammenmärchen, dass in den ersten Tagen keine Milch vorhanden sei und ein Anlegen keinen Sinn mache. Dabei sei gerade in dieser Zeit häufiges Anlegen wichtig, um die Milchbildung zu fördern.

„Es geht sicher nicht darum, Frauen zum Stillen zu zwingen. Vielmehr soll bereits in der Schwangerschaft ein Zugang zu guter Information und Beratung bestehen“, räumt Bednar mit einem Vorurteil auf, das mitunter auch von Pflegefachkräften und Ärzten zu hören ist, wenn es um das Thema Stillberatung geht.

Ersatz für Muttermilch?

„Für Muttermilch-Ersatzprodukte wird intensiv geworben, natürlich auch in der Schwangerschaft. Die wissenschaftlich gut abgesicherten Vorteile des Stillens für Mutter und Kind kommen in diesen Informationen, wenn überhaupt, dann nur am Rande vor“, sagt Gabriele Hörandner, Präsidentin des Verbands der Still- und Laktationsberaterinnen Österreichs IBCLC (VSLÖ – www.stillen.at). Dort sind Pflegefachkräfte, Hebammen, Ärzte und andere Gesundheitsberufe organisiert, welche die international anerkannte Zusatzqualifikation als Stillberaterin IBCLC erworben haben. Für Bednar wäre es wichtig, dass schon in der Pflichtschule, spätestens aber bei den Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft auf die Vorteile des Stillens hingewiesen wird. „Nach wie vor sind dabei die Stillempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation aktuelle Orientierungspunkte“, erklärt Bednar, „sechs Monate voll stillen, danach neben der Einführung der Beikost mindestens weiter bis zum ersten Lebensjahr und darüber hinaus, wenn es für Mutter und Kind passt.“

Prägnante Informationen liefert die Broschüre „Stillen – ein guter Beginn“, die kostenlos über das Gesundheitsministerium (0810/81 81 64) bezogen werden kann. „Gleichzeitig wäre es eine wichtige Botschaft, dass das Gelingen einer langfristigen Stillbeziehung zwischen Mutter und Kind nicht selbstverständlich ist. Ärzte sollten auf kompetente Beratungsangebote hinweisen“, betont Bednar.

Sowohl im Krankenhaus als auch im niedergelassenen Bereich wäre es wichtig, dass alle Personen, die Schwangere oder Stillende begleiten, zumindest Basisinformationen zum Thema Stillen erwerben. „Auch wenn sich manches verbessert hat: Das in den Ausbildungen von Ärzten, Pflegefachkräften und Hebammen vermittelte Wissen ist eher rudimentär. Dazu kommen immer wieder neue Erkenntnisse – wichtig ist, am State of the art zu bleiben“, betont Bednar.

Werden Vertreter von Spitalsträgern oder Leiter von Geburten- und Kinderabteilungen gefragt, betonen sie die Wichtigkeit des Stillens. Immerhin: „Inzwischen gibt es an vielen heimischen Geburtenabteilung zumindest eine IBCLC, die auch Impulse für die interdisziplinäre Weiterbildung setzt“, berichtet Bednar.

Beratung mit Ammenmärchen

Dennoch läuft die Stillberatung im niedergelassenen Bereich oft unkoordiniert ab. In der aktuellen Erhebung der Stilldaten in Österreich berichten Eltern über sehr unterschiedliche und auch widersprüchliche Informationen, die sie von den verschiedenen Stellen erhalten. Im Krankenhaus findet die Stillberatung teilweise zwischen Tür und Angel statt. Selten gibt es eigene Räumlichkeiten dafür. Dabei zeigt sich in vielen Spitälern, wie wirkungsvoll die Einrichtung einer Stillambulanz ist.

„Es gibt Stillrichtlinien, die klare Orientierungspunkte liefern und die in einigen Spitälern bereits erfolgreich umgesetzt werden“, unterstreicht Bednar. Nach wie vor würde aber bei vielen Kindern schon in den ersten Tagen unnötigerweise zugefüttert werden, und auch der Schnuller käme zu rasch zum Einsatz. Oft sei es von den jeweils Agierenden abhängig, wie viel Zeit und Raum dem Bonding gegeben wird, also dem ausgedehnten und ungestörten Hautkontakt von Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt. Dieses sei essenziell ist für die Mutter-Kind-Bindung und für einen guten Stillbeginn.

Auch kleine Dosis zählt

Wichtig ist: Wenn eine Frau nicht ausreichend Muttermilch hat oder sich entscheidet, neben dem Stillen die Flasche einzusetzen: „Muttermilch ist in jeder Dosis kostbar und sinnvoll“, betont Bednar. Sie appelliert gemeinsam mit Hörandner an Spitalsträger, leitende Ärzte und Pflegepersonal, dafür zu sorgen, dass nicht nur Mitarbeiter zu Stillfortbildungen entsandt werden, sondern dass sie ihr erworbenes Wissen auch in den Stationsalltag einbringen können.

Kasten:
Stillkongress in Linz
Unter dem Titel „Stillen im 21. Jahrhundert“ werden am 5. bis 6. Juni in Linz vielfältige Vorträge geboten. Themen sind u. a. die Bedeutung der WHO/UNICEF Babyfriendly Hospital Initiative (BFHI), perinatale Einflüsse auf das Bindungsverhalten, die Ernährung im ersten Lebensjahr, Trauerbegleitung, frühkindliche Essstörungen und Stillförderung in Österreich.
Details: www.stillen.at

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 19/2009

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