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Gesundheitspolitik 10. April 2012

Diagnose: Häusliche Gewalt

Familiäre Gewalt bleibt oft im Dunkeln. Als erste Anlaufstelle kommt Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten eine Schlüsselrolle zu.

Bereits vor mehr als zehn Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem Beschluss deutlich gemacht, dass Gewalt ein weltweites gesundheitliches Problem darstellt. Mitarbeiter in Spitälern oder auch niedergelassene Ärzte sind häufig erste Anlaufstelle für Betroffene und die einzigen, die Folgen häuslicher Gewalt sehen, manchmal auch nur erahnen können.

 

Allein im Bundesland Salzburg werden pro Jahr rund 1.000 Personen – davon sind etwa 900 Frauen und rund 100 Männer – aufgrund häuslicher Gewalt in den Salzburger Unikliniken behandelt. Kaum anders ist die Situation in den anderen Bundesländern, doch die Dunkelziffer ist hoch, denn nicht jedes Gewaltopfer sucht notwendigerweise auch ärztliche Hilfe auf. Und wenn doch, liegt es am Geschick des Behandlers, auch die Zeichen zu erkennen.

Erkennen, benennen und handeln

Danach ist noch ein weitaus schwierigerer Schritt erforderlich, nämlich Behörden einzuschalten und das häusliche Problem „öffentlich“ zu machen. Eine Blitzumfrage in heimischen Spitälern hat gezeigt, dass gerade hier der Handlungsbedarf in Sachen Aufklärung und Schulung noch groß ist.

Unklare Zuständigkeiten, vor allem wenn es um erwachsene Opfer von häuslicher Gewalt geht, sind nur eine Schwachstelle. Wie ein innovatives Fortbildungsprojekt in der SALK zeigt, ist die Schulung des medizinischen Personals in Sachen häusliche Gewalt ein wichtiger Erfolgsfaktor, um die Behandler zu sensibilisieren, Gewaltopfer zu erkennen und einen professionellen Umgang mit betroffenen Patienten an den Tag zu legen.

Mehrere internationale Studien haben erhoben, welche Erfahrungen Betroffene mit körperlichen, sexuellen und psychischen Übergriffen haben. Demnach erlebt etwa jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner. Rund ein Drittel hat körperliche Gewalterfahrungen unterschiedlichen Ausmaßes gemacht, und knapp die Hälfte gibt an, von psychischer Gewalt wie Einschüchterungen, Drohungen, Demütigungen bis hin zum Psychoterror betroffen zu sein. Doch häusliche Gewalt betrifft längst nicht nur Frauen, sondern alle Menschen, die in einem Haushalt zusammenleben, es kommt auch zu Gewalt gegen Kinder, zu Gewalt von Kindern gegenüber ihren Eltern, zu Gewalt zwischen Geschwistern und zu Gewalt gegen im Haushalt lebende ältere Menschen.

Kosten häuslicher Gewalt

Nicht nur das persönliche Leid für die Betroffenen ist groß, sondern die Auswirkungen häuslicher Gewalt kosten auch den Staat und die Öffentlichkeit enorme Summen. So hat etwa das österreichische Institut für Konfliktforschung im Jahr 2006 erhoben, dass die gesellschaftlichen Folgekosten von akuter Gewalt 78 Millionen Euro pro Jahr betragen. Davon entfallen 14 Millionen Euro auf das Gesundheitswesen, Langzeitfolgen noch nicht mit einberechnet. Kosten konnten in den Bereichen Polizei, Justiz, Sozialhilfe, Arbeit, Gesundheit und soziale Einrichtungen erfasst werden.

Das Gesundheitssystem nimmt insofern eine Schlüsselrolle ein, als Menschen, die häusliche Gewalt erleben, irgendwann auch die Leistungen des Systems in Anspruch nehmen, sei es, um ihre Verletzungen zu versorgen, gesundheitliche Probleme oder chronifizierte Symptome behandeln zu lassen. Und hier lassen Zahlen aus der Schweiz aufhorchen, wo 90 % der befragten Patientinnen sich wünschen würden, aktiv auf die erlebte Gewalt angesprochen zu werden.

Vertrauen versus Anzeige

Nach mehreren Todesfällen und schweren Misshandlungen gewinnt die Diskussion der Gewalt gegen Minderjährige zunehmend an Bedeutung. Besonders in die Kritik geraten sind Jugendämter, Gerichte und Gutachter, die selbst bei offensichtlichen Misshandlungen anscheinend zu zögerlich reagierten. Geht es um Gewalt gegen Kinder, werden die Angehörigen von Gesundheitsberufen daher vor besonders große Herausforderungen gestellt. Daher haben sich bereits im Jahr 2004 in den Spitälern multiprofessionelle Kinderschutzgruppen etabliert, um eine hausinterne Vernetzung zum Thema zu erreichen. Die Zahl dieser Gruppen ist nicht normiert und variiert von Haus zu Haus, das Engagement der Teilnehmer ist freiwillig. Teil der Arbeit ist unter anderem die Vernetzung von Instanzen, die sich mit den eingebrachten Fällen auch nach dem Krankenhausaufenthalt weiter beschäftigen. „Das Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und Behandlern ist eine Grundlage für die Behandlung. Gerade deswegen enthält die Rechtsordnung eine Vielzahl von Regelungen, die eine Verschwiegenheitspflicht normieren. Patienten müssen darauf vertrauen können, dass ihre Geheimnisse dort auch sicher sind“, erklärt Dr. Maria Kletecˇka-Pulker, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Geschäftsführerin am Institut für Ethik und Recht in der Medizin an der Medizinischen Universität Wien. Die Juristin hat in den letzten Jahren zahlreiche Kinderschutzgruppen in Krankenhäusern begleitet und weiß um die Schwierigkeit der Situation genau Bescheid. Themen wie Gesprächsführung und Selbstreflexion müssten den Angehörigen von Gesundheitsberufen ebenso nahe gebracht werden wie das Wissen um rechtliche Grundlagen, Spurensicherung und gerichtsverwertbare Dokumentation oder die täterbezogene Intervention und Kooperation mit der Polizei. „Im Fall der Kinderschutzarbeit kommt neben dem Geheimhaltungsinteresse auch noch der Schutz der körperlichen Integrität und Sicherheit hinzu. Hier muss der Arzt in bestimmten Fällen die Verschwiegenheitspflicht durchbrechen und eine Meldung an das Jugendamt oder eine Anzeige an die Sicherheitsbehörde erstatten“, sagt Kletecˇka-Pulker.

Graubereiche machen Lösungen schwierig

Eine wichtige Handlungsempfehlung für Ärzte findet sich im Hamburger Leitfaden für Arztpraxen für den Umgang mit Gewalt am Kind: Im Vordergrund müsse die ärztliche Versorgung und das Wohl des Patienten stehen, nicht jedoch der Gedanke, ein Gewaltproblem aufzudecken. Eine Grenzziehung erscheint für den juristischen Laien schwierig, denn wo endet diese Versorgungspflicht und beginnt die Aufdeckungsarbeit – vor allem im Hinblick auf mögliche weitere oder nachhaltigere Verletzungen? „Der § 54 Ärztegesetz schafft bei Verdacht auf Missbrauch einen gewissen Handlungsspielraum, ob die Schweigepflicht durchbrochen wird oder nicht. Das Sichern von Beweismitteln empfiehlt sich auf alle Fälle“, betont die Juristin.

Ein standardisiertes Vorgehen in den Spitälern in Sachen häuslicher Gewalt ist österreichweit nicht normiert. Viel hängt daher vom Geschick, der fachlichen Versiertheit und der Empathie des Gesundheitspersonals ab, wie mit Problemfällen – unabhängig ob Kind oder Erwachsener – umgegangen wird. Das Thema in der breiten Öffentlichkeit zur Sprache zu bringen und das Gesundheitspersonal intensiv zu schulen, sind Maßnahmen, die das Bemühen vieler einzelner Behandler jedenfalls unterstützen können.

Von R. Haiden, Ärzte Woche 15 /2012

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