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Patienten sollen selbst aktiv werden, denn schließlich sind sie die einzigen, die den gesamten Behandlungsprozess miterleben.
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Dr. Peter Gausmann Geschäftsführer, Gesellschaft für Risiko-Beratung mbH, Deutschland

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Prof. Dr. Robert Fischer, Institut für Sozialmedizin, Medizinische Universität Wien

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Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte Österreichs

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Dkfm. Dr. Eugen Hauke, Institut für Krankenhausorganisation, Karl Landsteiner Gesellschaft, Wien

Patientenperspektive – ein neuer Ansatz für die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems Holzer Elke, Offermanns Guido, Hauke Eugen (Hrsg.) 288 Seiten, € 29,- facultas Verlag 2012 ISBN 9783708907932 Die Interessen der Bevölkerung sollten deutlich spürbar in ein für die Zukunft zu gestaltendes Gesundheitssystem einfließen. Dies bedeutet mehr Demokratie im Gesundheitssystem, was allerdings nicht wenigen Playern Angst machen dürfte. Das Feld darf, so die Herausgeber, aber nicht nur den „Platzhirschen“ überlassen werden. Mehr Demokratie im Gesundheitssystem macht die Weiterentwicklung nicht leichter, würde aber den einzigen Finanziers, nämlich der Bevölkerung, zustehen.

 
Gesundheitspolitik 28. März 2012

„Sicher ist sicher“

Ein neuer Folder der Plattform Patientensicherheit will Patienten zur aktiven Mitarbeit im Krankenhaus motivieren.

Unter dem Arbeitstitel „Involve Yourself In Your Care“ hat sich die Plattform für Patientensicherheit erstmals in Österreich mit der Frage auseinandergesetzt, welchen Beitrag Patienten selbst leisten können, um während ihres Krankenhausaufenthaltes – und auch im Anschluss daran – ein möglichst hohes Maß an Sicherheit zu erreichen.

Patientensicherheit und Risikomanagement haben in den letzten Jahren einen großen Stellenwert in den nationalen Gesundheitssystemen erhalten, räumt der Sprecher der Patientenanwälte Österreichs, Dr. Gerald Bachinger, ein. Auch in Österreich hätte sich in diesem Bereich viel Erfreuliches getan. Allerdings, schränkt Bachinger ein, waren alle Initiativen bisher expertengetrieben, die Rolle des Patienten im System wurde weitestgehend vernachlässigt: „Dass auch Patienten einen positiven Beitrag zu mehr Patientensicherheit leisten könnten, rückt erst langsam in das Bewusstsein der Verantwortlichen.“ Für Prof. Dr. Eugen Hauke vom Institut für Krankenhausorganisation der Karl Landsteiner Gesellschaft ist dieser Schritt aber wesentlich: „Es ist wichtig, Patienten zu sensibilisieren und zu animieren, selbst aktiv zu werden. Ihre Beobachtungen und Erfahrungen sind für das Gesundheitspersonal sehr wertvoll, denn schließlich sind sie die einzigen, die den gesamten Prozess des Krankenhausaufenthaltes miterleben.“

Dr. Peter Gausmann, Geschäftsführer der Gesellschaft für Risiko-Beratung (GRB) in Deutschland, wertet seit mehr als 15 Jahren Schadensfälle im Gesundheitsbereich aus und ist dabei auf einen Widerspruch gestoßen: „Wir haben in der Vergangenheit zweifelsohne enorm viel in das Sicherheitsniveau von Krankenhäusern investiert. Gleichzeitig ist aber leider festzustellen, dass die Patienten immer weniger Vertrauen in unser Angebot haben.“ Diesen Widerspruch aufzulösen bzw. zu entschärfen, hat sich die Plattform Patientensicherheit zum Ziel gesetzt, sagt Gausmann: „Mit unserer Initiative wollen wir verlorenes Vertrauen wieder zurückgewinnen und das Bild zurechtrücken, das in der Öffentlichkeit vorherrscht.“

Auf internationaler Ebene gibt es schon vereinzelt Modelle, die versuchen, Patienten beim Thema Sicherheit mit einzubeziehen. In Dänemark etwa hat die Danish Society for Patient Safety ein aufwendiges Handbuch für Patienten entwickelt, das auf 129 Seiten die zentralen Punkte zur Erhöhung der Patientensicherheit zusammenfasst. Auch in der Schweiz läuft auf Betreiben der Stiftung Patientensicherheit bereits eine ähnliche Initiative. Gausmann hat sich die Beispiele sehr genau angeschaut und dabei eine immer wiederkehrende Schwäche festgestellt: Die Instrumente sind zu komplex und umfangreich! Das würde die Patienten oftmals schlicht und einfach überfordern. Ein gelungenes Gegenbeispiel hat er in den USA gefunden, wo die University of California ein „auf Patientensicherheit fokussiertes und gleichzeitig beeindruckend einfaches Instrument“ in Form eines Flyers entwickelt hat.

Kurz und klar

Den Grundsatz „Keep it simple and stupid“ hat der vierseitige österreichische Folder „Sicher ist sicher“ übernommen, der von der Plattform für Patientensicherheit nun präsentiert wurde. „Der Folder ist kurz, prägnant und übersichtlich, der Zugang möglichst niederschwellig gestaltet“, erklärt Bachinger.

Inhaltlich gliedert sich der Folder in vier Rubriken. In der Rubrik „Information“ geht es um die Kommunikation mit Krankenhausmitarbeitern rund um die eigene Erkrankung. Die Patienten werden aufgefordert, Fragen zu stellen und Antworten einzufordern. Die Rubrik „Hygiene“ erläutert den Wert von Hygienemaßnahmen für den Heilungsprozess und ermutigt die Patienten, auf Hygienemängel aufmerksam zu machen. Die Rubrik „Medikamente“ erinnert an die aktive „Holschuld“ der Patienten, was ausführliche Erklärungen und Hintergrundinformationen zu den eingenommenen Medikamenten bzw. zu den Therapiemaßnahmen betrifft. Die Rubrik „Gefahrenvermeidung“ schließlich bittet um aktive Mitarbeit beim Bekämpfen potenzieller Unfallrisiken, beim Fehlen benötigter Hilfsmittel oder auch beim Formulieren subjektiver Bedenken hinsichtlich der eigenen Sicherheit. Die letzte Seite des Folders widmet sich schließlich der Bedeutung eines ordentlichen Entlassungsmanagements für den weiteren Heilungsprozess.

Angst vor mündigen Patienten?

Die Initiatoren des Projekts wissen, dass dessen Erfolg davon abhängen wird, ob es gelingt, die Krankenanstaltenträger, die Verantwortlichen der einzelnen Krankenhäuser und vor allem das medizinische Personal mit ins Boot zu holen. „Die Initiative muss von den einzelnen Krankenhäusern ausgehen und getragen werden, um eine entsprechende Identifikation von Patienten und Mitarbeitern zu erreichen“, sagt Prof. Dr. Robert Fischer vom Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien. Daher ist der Folder so konzipiert, dass er von den Krankenhäusern individualisiert, adaptiert und ergänzt werden kann und in eigenem Namen verteilt wird.

Fischer weiß aber auch, dass der Folder da und dort zu Skepsis und Kritik Anlass geben wird, weil es durchaus zu „Irritationen zwischen Personal und Patient“ kommen kann. Zudem würden immer noch viele Player im Gesundheitssystem den mündigen Patienten als potenziellen Störenfried sehen. Eine Meinung, die sich empirisch allerdings nicht belegen lässt, weiß Peter Gausmann. Internationale Studien hätten klar gezeigt, dass ein involvierter, informierter Patient seltener klagt als ein uninformierter. In diesem Feld wird seitens der Plattform also noch viel Informations- und Überzeugungsarbeit zu leisten sein.

Evaluierung

Erste Erfahrungen zur praktischen Anwendung in zwei Krankenanstalten liegen bereits vor. „Es hat sich deutlich gezeigt, dass die Frage der Patientensicherheit für Patienten und Mitarbeiter gleichermaßen relevant ist“, erzählt Bachinger. 75 Prozent der Patienten beurteilen den Folder hinsichtlich Verständlichkeit, Anwendbarkeit als sehr gut bzw. gut und sind auch überzeugt, durch die Anwendung der Empfehlungen Fehler vermeiden zu können. Etwas anders sieht es bei den Mitarbeitern aus: Nur 20 Prozent meinen, durch die aktive Einbeziehung der Patienten Fehler vermeiden zu können. Damit stellen sie derzeit eines der größten Optimierungspotenziale zur Einbeziehung der Patienten in Sicherheitsfragen dar.

 

Nähere Informationen und Kontakt:

www.plattform-patientensicherheit.at

 

Von V. Weilguni, Ärzte Woche 13 /2012

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