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Gesundheitspolitik 13. März 2012

Leiden statt leiten?

Die Ärztekammer ließ in einer Blitzumfrage die Befindlichkeiten der heimischen Spitalsärzte erheben. Die Ergebnisse sind alarmierend.

Die Diskrepanz zwischen einer konstant hohen Zufriedenheit mit dem Beruf und der immer höher werdenden Unzufriedenheit mit den Rahmenbedingungen wird im Spital immer größer.

Als „lauten Warnschrei“, als ein Zeichen, dass sich „ganz schnell etwas ändern muss“, interpretiert Dr. Harald Mayer, Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, die Ergebnisse der Blitzumfrage. Zufriedene Ärzte wären nämlich langfristig die Voraussetzung für zufriedene Patienten. Permanent frustrierte Ärzte hingegen würden zwar Patienten deswegen nicht schlechter behandeln, aber sie würden zusehends versuchen, aus dem System auszubrechen, wodurch insgesamt viel Erfahrung und Kompetenz verloren gehen könnte.

Arbeitsbedingungen verschlechtern sich

Die repräsentative Blitzumfrage „Ärztezufriedenheit“ wurde im Auftrag der Bundeskurie Angestellte Ärzte vom Institut für empirische Sozialforschung (IFES) durchgeführt. 500 Ärzte wurden telefonisch befragt, ihre Antworten entsprechend ausgewertet.Drei Viertel aller Befragten zeigten sich dabei mit Art und Inhalt ihrer beruflichen Tätigkeit sehr oder eher zufrieden, lediglich fünf Prozent waren unzufrieden.

Das ist im Vergleich zu anderen Berufsgruppen ein hoher positiver Wert, sagt IFES-Studienleiter Georg Michenthaler. Einen „negativen Ausreißer“ bilden die Turnusärzte zum Allgemeinmediziner. Bei ihnen lag die Zufriedenheit mit lediglich 36 Prozent weit unterhalb des Durchschnitts. Die Ausbildungsdefizite in diesem Bereich und ihre immer wieder beklagte Rolle als Systemerhalter und administrative Hilfskraft im Spitalsalltag dürften hier zum Ausdruck kommen.

Ein ganz anderes – deutlich negativeres – Bild wird ersichtlich, wenn Spitalsärzte nach den Rahmenbedingungen ihrer täglichen Arbeit gefragt werden. Positive (36 Prozent) und negative (31 Prozent) Beurteilungen halten sich beinahe schon die Waage. Signifikante Unterschiede etwa zwischen Turnusärzten und Ober- bzw. Primarärzten konnten in dieser Fragestellung nicht festgestellt werden.

Die Frage, ob sich das Arbeitsklima in den letzten Jahren verbessert oder verschlechtert habe, beantworteten 40 Prozent negativ. Dieser an sich schon schlechte Wert schnellt bei den leitenden Ärzten noch einmal deutlich nach oben, auf knapp 50 Prozent bei den Ober- und Primarärzten und gar auf 58 Prozent bei den Fachärzten.

Michenthaler sieht in dieser Verteilung auch den Ausdruck einer „gehörigen Portion Frustration“, weil die leitenden Ärzte zusehen müssten, wie sich das Arbeitsklima ihrer Mitarbeiter zusehends verschlechtert und sie aufgrund der ökonomischen Zwänge und fehlenden Ressourcen als verantwortliche Vorgesetzte kaum Einfluss darauf hätten.

Fehlende Loyalität

Das Besorgnis erregende Detailergebnis der Befragung ist für Michenthaler aber die zunehmend fehlende Identifikation der angestellten Ärzte mit ihrem Dienstgeber. „Das Diktat der Ökonomie wird dafür sorgen“, befürchtet Mayer, „dass die nach wie vor hohe Qualität des österreichischen Gesundheitssystems langfristig leiden wird. Ein System, das schon jetzt in vielen Bereichen nur mehr davon lebt, dass wir Ärzte aus Leidenschaft sind.“ Es wäre nun – spätestens vor dem Hintergrund des vorliegenden Ergebnisses – höchst an der Zeit, vernünftige Arbeitsbedingungen für die Ärzte zu schaffen, damit diese ihrem Beruf in Zukunft wieder mit Freude nachgehen können, so Mayer.

Während sich 94 Prozent der Befragten mit ihrem Beruf stark oder sehr stark identifizieren und auch noch über 70 Prozent mit ihrer Abteilung bzw. 55 Prozent mit ihrem Krankenhaus, so fällt dieser Wert beim Dienstgeber bzw. Krankenanstaltenverbund auf unter 30 Prozent. „Wir wissen zwar aus vergleichbaren Studien anderer Berufe“, relativiert Michenthaler, „dass die Identifikation immer mit der größeren emotionalen oder auch räumlichen Entfernung der Institution abnimmt, aber eine so geringe Verbundenheit der Angestellten mit ihrem obersten Dienstgeber wie bei den Spitalsärzten haben wir sonst nirgendwo festgestellt.“

Michenthaler spricht in diesem Zusammenhang von einer „nahezu demonstrativen Ferne“ und dramatischen „Identifikationskrise“ der Ärzte. Erstaunlich daran sei besonders, dass es kaum erkennbare Unterschiede zwischen Turnus- und Primarärzten in dieser Frage gibt.

Auch Mayer sieht darin ein hohes Gefahrenpotenzial für das gesamte System: „Wenn sich nicht einmal ein Primar mit dem Dienstgeber identifizieren kann, für den er womöglich schon sein halbes Berufsleben lang tätig ist, dann liegt einiges im Argen.“ Man müsse daher jetzt schleunigst handeln, wiederholt Mayer seine Aufforderung an die Spitalserhalter und die politischen Entscheidungsträger, Konsequenzen zu ziehen und längst verabsäumte Verbesserungen endlich umzusetzen: „Die Folgen werden sonst dramatisch sein: Kündigungen, Abwanderungen junger Mediziner, eine stetig wachsende Last auf den Schultern der verbliebenen Ärzteschaft und damit einhergehend eine qualitativ schlechtere Versorgung der Patienten.“

Um seinen Forderungen entsprechenden Nachdruck zu verleihen, bemüht der Bundeskurienobmann Angestellte Ärzte ein drastisches Wortspiel: „Wenn Führungskräfte nicht mehr leiten, sondern nur mehr leiden, dann geht am Ende das System den Bach hinunter.“

Von V. Weilguni , Ärzte Woche 11 /2012

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