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Diagramm 1: Fazit: Hochgerechnet auf Gesamtösterreich erhalten bei uns 25.000 bis 50.000 weniger Kinder und Jugendliche Ergo-, Physio- oder logopädische Therapie als in Deutschland ■ oder in Vorarlberg ■.

Diagramm 2: Fazit: den Krankenkassen in Deutschland und dem Land Vorarlberg ist die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen ein Vielfaches mehr wert als den österreichischen Krankenkassen.

Diagramm 3: Fazit: die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland wenden für ihre Versicherten für Psychotherapie 3 x so viel Finanzmittel auf wie in Österreich. Das Versorgungsniveau bei Kindern und Jugendlichen ist in Österreich noch niedriger.

Diagramm 4: Fazit: ca. 15.000 bis 30.000 Kinder und Jugendliche erhalten in Österreich nicht die für sie notwendige Psychotherapie.

 
Gesundheitspolitik 4. März 2012

70.000 Kinder und Jugendliche ohne Therapie

Neueste Daten präzisieren die bekannte Unterversorgung von Kindern und Jugendlichen in Österreich mit Physio-, Ergo-, logopädischer Therapie und Psychotherapie

1. Einleitung

Im Rahmen der Gruppe „Politische Kindermedizin“ weisen wir seit Jahren auf große Defizite in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen (K+J) mit Physio-, Ergo-, logopädischer Therapie und Psychotherapie hin [1, 2] 2011 konnten wir in „Pädiatrie und Pädologie“ erstmals für Österreich Zahlen veröffentlichen, die den Grad der Unterversorgung beschrieben [3]. Es lagen allerdings nur von wenigen Krankenversicherungen (KV) verwertbare Zahlen vor, sodass wir nur eine erste Schätzung darüber abgeben konnten, wie viele K+J tatsächlich keine Therapie erhalten. Wir haben daher 1 Jahr später versucht, weitere Daten zu eruieren, um exaktere Aussagen über die Zahl der nicht versorgten K+J machen zu können.

2. Problemstellung

Im Gegensatz zu Ländern wie Deutschland (D) und Schweiz sind Physio-, Ergo-. logopädische Therapie und Psychotherapie in Österreich (Ö) keine Leistungen, die von den KV in ausreichender Zahl K+J weitgehend oder ganz kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Nur in Vorarlberg (Vbg) gibt es ein vom Land finanziertes Versorgungssystem (AKS), das einen örtlich und finanziell niederschwelligen Zugang und ausreichend Therapieplätze bietet [4].

Die Versicherten in anderen Bundesländern sind für kostenfreie Therapieplätze vor allem auf institutionelle Anbieter wie Entwicklungsambulatorien angewiesen. Bei diesen bestehen ausufernde Wartelisten mit Wartezeiten von bis zu 2 Jahren oder zeitweise auch gänzliche Aufnahmesperren.

 

Bei Therapien durch niedergelassene Therapeuten wird den Familien meist nur ein Teil der tatsächlichen Kosten als Erstattung oder Zuschuss refundiert, es verbleiben als Eigenleistung je nach KV und Bundesland Kosten von 15–53 €/Stunde. Wir konnten in unserer letztjährigen Publikation aufzeigen, dass bei Bestehen großer Eigenleistungen viel zu wenige K+J behandelt werden, weil sich die Familien die hohen Selbstkosten oft nicht leisten können3.

Die negativen Auswirkungen unterlassener Therapien betreffen die K+J individuell und belasten den Sozialstaat in Zukunft mehrfach.

3. Datenquellen

Basis für die in „Pädiatrie und Pädologie“ 2011 veröffentlichte Studie waren Daten, die von den KV selbst im Rahmen einer parlamentarischen Anfragebeantwortung dem Gesundheitsminister bereitgestellt wurden und betrafen Therapien im Jahr 2009 [5 6].

Die Qualität der Daten war jedoch nur von wenigen KV ausreichend, um sie für einen Vergleich mit den Angaben anderer KV oder mit Zahlen aus D verwenden zu können. Gleichzeitig war vom Minister in seiner Antwort angekündigt worden, dass ein neues Datenerfassungssystem in Einführung sei, mit dem exaktere Zahlen angegeben werden könnten.

Es wurde daher eine neue parlamentarische Anfrage initiiert und für 2010 nach der Zahl der behandelten K+J, der Menge an ganz oder teilweise finanzierten Therapien und den dafür aufgewendeten Mitteln gefragt [7].

Der Minister antwortete wie im Jahr davor in Form von Stellungnahmen der einzelnen KV.8 Die darin enthaltenen Zahlen wurden mit den bereits bekannten Versorgungszahlen aus dem Vorjahr und mit denen aus D und Vbg verglichen. Es wurden primär jene Zahlen verwendet, bei denen nach den eigenen Angaben der KV keine Einschränkung der Beurteilbarkeit vorlag. Wenn eine solche nach Angaben der KV gegeben war, dann ist bei den Ergebnissen darauf entsprechend hingewiesen.

4. Datenqualität

Die vom Minister 2010 angekündigte Verbesserung der Datenqualität war in der Anfragebeantwortung 2011 noch nicht feststellbar. Es gab von einigen KV jedoch zusätzliche, von anderen leider weniger oder weiter keine vergleichbaren Informationen.

Auffällig war die Diskrepanz in den Angaben zum Vorjahr v.a. bei der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), die noch 2010 exakte Zahlen angegeben und dabei das eigene System der Datenerfassung positiv erwähnt hatte. 2011 war der WGKK eine Beantwortung der Fragen in der gleichen Form nicht mehr möglich.

Ähnliche positive Datenqualität wie im Vorjahr gab es bei der OÖGKK und der StGKK, ähnlich negative Datenqualität von der KGKK. Neu waren zumindest teilweise vergleichbare Daten von der SGKK und der BGKK, eingeschränkt auf eine Altersgruppe von der TGKK. Die NÖGKK machte 2011 im Gegensatz zum Vorjahr keine Angaben mehr. Die Zahlen der VGKK waren wegen der in Vorarlberg bestehenden Versorgung über den vom Land finanzierten AKS ohne Relevanz.

Von den bundesweiten Kassen gab es neu Zahlen ohne Einschränkung von der SVB (Bauern), mit Einschränkung von der BVA (Bund) und neu von der SVA (Gewerbe).

Zusammengefasst gab es eine Vermehrung der Datenquantität, aber keine Verbesserung der Datenqualität.

5. Ergebnisse

  • Kinder ohne Therapie bis 15 Jahre (Ergo, Logo, Physio)

 

Es ist mit den 2011 zusätzlich zur Verfügung gestellten Angaben der KV bei Ergänzung mit denen der WGKK vom Vorjahr von mehr als 62 % der in Ö versicherten K+J bis 15a bekannt, ob sie mit finanzieller Beteiligung einer KV eine Physio-, Ergo- oder logopädische Therapie erhalten. Alle diese K+J wurden als „in Therapie“ angesehen – unabhängig davon, ob die Kosten von den KV ganz - oder wie in den meisten Fällen - nur teilweise getragen wurden.

Für jede KV, die Daten ohne Einschränkung der Beurteilbarkeit angegeben hatte, wurde errechnet, wie viele der bei ihr versicherten K+J bis 15a in Therapie sein müssten, wenn ein Versorgungsgrad wie a) in Vbg oder b) wie in D bestünde. Die so für 62 % der Versicherten unter 15a errechneten Defizite wurden summiert und auf alle Versicherten dieser Altersgruppe hochgerechnet. Es wurde dabei berücksichtigt, dass etwa ein Viertel aller K+J durch Mitversicherungen mehrfach krankenversichert sind.

Diagramm 1 stellt dar, wie viele Kinder und Jugendliche in Ö mehr als jetzt eine Behandlung erhalten würden, wenn ein ausreichendes Angebot wie in D über die AOK (größte KV in D) oder in Vbg über den AKS bestünde. Die Zahlen und Balken zeigen somit, wie viele Kinder und Jugendliche im jeweiligen Vergleich keine Therapie erhielten.

 

  • Aufwand pro Versichertem unter 15 Jahren pro Jahr (Ergo, Logo, Physio)

 

Es besteht aber nicht nur die Frage, ob K+J generell eine Therapie erhalten oder nicht, sondern auch ob sie Therapien in ausreichendem Umfang erhalten. Da fast keine der KV imstande war, Aussagen über die Anzahl der (mit)finanzierten Therapiestunden zu machen, kann als brauchbare Kenngröße dafür die Höhe der aufgewendeten Mittel herangezogen werden.

Diagramm 2 zeigt, wie viel einzelne KV pro Versichertem unter 15 Jahren bzw. der AKS in Vbg pro Einwohner unter 15 Jahren in Euro pro Jahr für Ergo-, Physio- und logopädische Therapie aufwenden. Die in Klammer gesetzten KV geben an, dass ihre Angaben nicht vollständig sind. Sie werden deshalb dargestellt, weil die Zahlen im Diagramm 2 zeigen, dass auch bei den KV mit unvollständigen Angaben keine wesentlichen Unterschiede in der Bereitstellung von Mitteln für diese Therapien bestehen.*

 

  • Aufwand für Psychotherapie pro Versichertem bis 18 Jahre

Die zusätzlichen Zahlen zur Psychotherapie aus 2010 in der Anfragebeantwortung 2011 erlauben eine wesentlich umfassendere Darstellung der Versorgungssituation als im Vorjahr.

 

Diagramm 3 zeigt, wie viel Euro einzelne KV für Psychotherapie bei K+J bis 18a aufwenden, unabhängig davon ob es sich um für die Familien kostenlose Angebote über Vereinslösungen oder um den seit vielen Jahren gleichbleibenden Zuschuss von € 21,80 pro Therapiestunde handelt. Die Angaben der 3 Säulen rechts für Ö gesamt und für die GKV D gesamt und GKV Bayern sind Zahlen für die Versicherten aller Altersstufen, da keine weiter detaillierten Zahlen vorliegen. Die in Klammer gesetzten Krankenkassen geben an, dass ihre Zahlen nicht vollständig sind.

 

  • Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre in Psychotherapie, Gegenüberstellung Ist/Soll

 

Eine ähnlich exakte Errechnung der Versorgungsdefizite wie für Physio-, Ergo- und logopädische Therapie ist für Psychotherapie nicht möglich, da uns keine Vergleichszahlen etwa aus D zur Verfügung stehen. Angaben darüber, wie viele K+J in Therapie sein sollten bzw. wie viele Therapiestunden bereitgestellt werden sollten, sind schwierig, da auch zwischen den Angaben renommierter Autoren größere Unterschiede bestehen, Zahlen zur Prävalenz psychischer Auffälligkeiten, Therapiebedürftigkeit und Therapiebereitschaft teilweise stark differieren [9 10].Ein niedriger Rahmen für die Zahl der K+J, die einer Psychotherapie bedürften und dazu auch bereit wären, liegt bei 2-3 %.

Diagramm 4 stellt dar, wie viele Kinder und Jugendliche in Österreich mit wenigstens teilweiser Finanzierung durch einzelne Krankenkassen Psychotherapie erhalten, der Wert für Österreich gesamt wurde hochgerechnet. Dem gegenübergestellt ist die Zahl jener Kinder und Jugendlichen, die bei einem Versorgungsgrad von 2 % bzw. 3 % aller Kinder und Jugendlichen eine Behandlung erhalten müssten.

6. Diskussion

Ziel dieser Nachfolgeuntersuchung war, die Zahl der in Österreich nicht adäquat behandelten K+J durch Einsatz zusätzlicher Daten noch genauer zu ermitteln. Quantität und Qualität und teilweise Unvergleichbarkeit des zur Verfügung stehenden Datenmaterials sind klar limitierende Faktoren für eine exakte Berechnung.

Auch die Unterschiede in den Versorgungssystemen zwischen D, Vbg und den anderen österreichischen Bundesländern und bei den einzelnen KV erschweren eine präzise Aussage.

Es wurde versucht, alle diese Differenzen jeweils zugunsten der Leistungen der österreichischen KV zu berücksichtigen:

  • es wurden Doppelversicherungen eingerechnet
  • für Vbg wurden die Therapien über die VGKK nicht berücksichtigt, der Versorgungsgrad ist in Vbg also noch etwas besser
  • in die Hochrechnung geht mit der OÖGKK jene KV ein, die ihren Versicherten offenbar die mit Abstand beste Versorgung anbietet
  • während in den Angaben der österreichischen KV sowohl Therapien in Institutionen als auch bei niedergelassenen Therapeuten enthalten sind, beziehen sich die Zahlen aus D nur auf die Versorgung durch Niedergelassene. Unberücksichtigt bleiben die Angebote über die ca. 130 „Sozialpädiatrischen Zentren“, die über ganz D verteilt zusätzlich viele K+J mit Therapien versorgen. Die Defizite in Österreich sind demnach noch deutlich höher anzunehmen.

Eine weitere Besonderheit in einzelnen Bundesländern dürfte die Zahl der Kinder „in Therapie“ beschönigen: die GKK in OÖ, St und S geben für Kinder mit Physiotherapie Zahlen an, die in oder sogar über dem Niveau der AOK in D und deutlich über den Zahlen des AKS in Vbg liegen. Dafür geben sie aber jeweils nur halb so viel oder etwas weniger pro Kopf aus als das AKS in Vbg oder die Gesetzlichen KV in D. Das lässt vermuten, dass diese KV relativ vielen Kindern kurze physikalische Therapien finanzieren, die im Gegensatz zu den methodisch und in der Häufigkeit aufwändigeren neurophysiologischen Behandlungen kaum Relevanz für die Entwicklung der Kinder haben. Es kann daher vermutet werden, dass in Ö noch weniger Kinder als im Vergleich darstellbar eine für ihre Entwicklung relevante Physiotherapie erhalten.

Die Summation der in den Diagrammen 1 und 4 dargestellten Zahlen für K+J ohne Therapie ergäbe einen Wert von 40–80.000, im Mittel also 60.000. Unter Berücksichtigung der angeführten methodischen Besonderheiten ist davon auszugehen, dass tatsächlich ca. 70.000 K+J nicht die ihnen zustehende Therapie erhalten.

Die große individuelle und gesellschaftliche Relevanz dieser Unterversorgung wurde mehrfach dargestellt, es darf auf die entsprechenden Arbeiten verwiesen werden [1-3].

Die erweiterten und präzisierten Daten belegen, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Mehrere Verantwortliche im Versorgungssystem haben unsere Zahlen und Argumente anerkannt: sie haben Einzug in die „Kindergesundheitsstrategie“ des Ministeriums [11] gefunden, auf mehreren Ebenen wird neuerdings der Bedarf für diese Kindertherapien erhoben [12], was eine Verzögerung dringend notwendiger Verbesserungen bedeuten kann. Es wären vielmehr konkrete Pläne für die Versorgung im institutionellen Bereich und bei niedergelassenen Therapeuten mit dem Ziel einer raschen Umsetzung eines ausreichenden Angebotes an kostenfreien Therapien nötig.

7. Zusammenfassung

Die dargestellte Erweiterung der Datenbasis im Rahmen der neuesten vorliegenden Untersuchung bringt mehrere Erkenntnisse:

  • Eine Verbesserung der Datenqualität ist entgegen der Ankündigung des Ministers bisher nicht festzustellen
  • Die 2011 in „Pädiatrie und Pädologie‘“ erstmals mit Zahlen belegte massive Unterversorgung österreichischer Kinder und Jugendlicher mit notwendigen Therapien wird bestätigt und präzisiert
  • Außer in marginalem Rahmen ist es zu keiner Änderung der Versorgungssituation gekommen
  • Realistische Annäherungen ergeben, dass 70.000 Kinder und Jugendliche in Österreich nicht die ihren Bedürfnissen entsprechenden Therapien erhalten
  • Es ist ausreichend belegt, dass dringender Handlungsbedarf besteht.
Korrespondenz: Dr. Rudolf Püspök Gesundheitszentrum Bruck/Leitha Johngasse 3, Top 7 2460 Bruck/Leitha E-Mail: ,

1 Bruck an der Leitha

2 Wien

Literatur

 

1 http://www.polkm.org/docs.htm

2 Püspök R (2010) Das Recht der Kinder auf Therapie. In: Kerbl R, Thun- Hohenstein L, Damm L, Waldhauser F (Hrsg.) Kind und Recht. Springer, Berlin Heidelberg New York, ISBN 978-3-7091-0004-2

3 Püspök R, Brandstetter F, Menz W (2011) Beträchtliche therapeutische Unterversorgung in Österreich, Pädiatrie und Pädologie 1/2011, 18-21

4 http://www.aks.or.at

5 Parlamentarische Anfrage 5078/J XXIV. GP

6 Parlamentarische Anfragebeantwortung 4949/AB XXIV. GP

7 Parlamentarische Anfrage 9187/J XXIV. GP

8 Parlamentarische Anfragebeantwortung 9068/AB XXIV. GP

9 http://www.polkm.org/puesp_therapien_0409.pdf

10 http://www.psychotherapie.at/archiv_skj

11 http://www.bmg.gv.at/cms/home/attachments/8/6/9/CH1004/CMS1317298042157/broschuere_kindergesundheitsstrategie_bf.pdf

12 Persönliche Mitteilungen

* Gründe der Unvollständigkeit: KGKK nur Kosten für Erstattung, BVA ohne Refundierung f. Wahltherapeutinnen, SVA ohne Aufwand f. institutionelle Versorger.

Zur Person
Dr. Rudolf Püspök
Jahrgang 1950
Schottengymnasium in Wien, Matura 1968
1969–1975 Medizinstudium in Wien
1976–1978 Wilhelminenspital in Wien
1978–1984 Univ.-Kinderklinik Wien
1980–1984 erster Assistentenvertreter,
Mitglied des Fakultätskollegiums
1984-2012 niedergelassener Pädiater in Bruck/Leitha, NÖ
Mitherausgeber „Weggelegt – Kinder ohne Medizin?“,
Czernin-Verlag, 2003
Mitglied des Organisationskomitees der „Politischen Kindermedizin“
Verheiratet, 3 Kinder

Rudolf Püspök1, Franz Waldhauser2, Pädiatrie & Pädologie 1/2012

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