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Gesundheitspolitik 24. April 2009

„Alle Zusatzzuckerln nur über Zusatzversicherung“

Pharmig-Präsident Dr. Hubert Dreßler plädiert für eine Finanzierung des Gesundheitssystems aus einer Hand, die Zusammenlegung von Krankenkassen und den Abbau von Spitälern.

Die Krankenkassen und das Gesundheitswesen haben weiterhin großen Reformbedarf. Bisher sind neue Ideen meist an der Kritik verschiedener Akteure im Gesundheitssystem gescheitert. Die Ärzte Woche fragt nun alle Stakeholder im Gesundheitswesen nach ihren Rezepten und konfrontiert sie auch mit der Kritik an ihnen.

Die Interessensvertretung der pharmazeutischen Industrie in Österreich, kurz „Pharmig“ genannt, spielt bei den laufenden Diskussionen über eine Gesundheitsreform eine gewichtige Rolle. Nicht zuletzt als Lieferant von teils hochpreisigen Therapeutika muss sich die Pharmig mit Ärztekammer und Hauptverband der Sozialversicherungsträger, aber auch mit Gesundheitspolitikern streiten: Obwohl Medikamentenkosten nur 12,64 Prozent der 27,5 Mrd. Euro Gesamtkosten im Gesundheitswesen ausmachen – der Rest geht u.a. für Personal und Verwaltung drauf –, ist die Pharmaindustrie stets im Visier der Sparer. Pharmig-Präsident Dr. Hubert Dreßler wehrt sich dagegen und skizziert seine Visionen einer Gesundheitsreform.

Woran krankt es derzeit im Gesundheitssystem?

Dreßler: Derzeit krankt es primär an den unterschiedlichen Zahlungsströmen und daraus resultierend an einer Verwirrung aller Beteiligten über Serviceangebote und Investitionen, die gemacht werden sollten.

Und wie soll eine Finanzierung aus einer Hand funktionieren?

Dreßler: Natürlich wäre es sinnvoller, wenn die Finanzierung aus einer Hand erfolgen würde, wobei in diesem Fall sofort darüber zu streiten wäre, wer denn diese eine Hand sein soll. Ich bin nicht der Meinung, dass dies nicht eine Krankenkasse sein sollte, sondern dies, wegen diesem elenden Föderalismus, eine separate Behörde sein müsste.

Was sind denn die Herausforderungen der kommenden Jahre und welche Lösungen gibt es dafür?

DREßLER: Das ist in jedem Fall die Sicherstellung der Finanzierung. Damit führt auch kein Weg an der Spitalsfrage vorbei. Wir müssen uns überlegen, ob wir diese Anzahl von Spitälern mit all dieser Ausstattung überhaupt brauchen. Wenn wir genau wissen, dass wir einen akuten Mangel an Pflegebetten haben, warum gehen wir dann nicht her und beginnen, zunächst einmal Abteilungen, in letzter Konsequenz aber ganze Spitäler in Alten- und Pflegeheime umzubauen? Und parallel dazu müsste man natürlich massiv in die Schwerpunktkrankenhäuser gehen und dort je nach Region und Bedarf das Leistungsangebot anpassen und verbessern.

Welche Visionen haben Sie eigentlich in Bezug auf das Gesundheitssystem im Allgemeinen?

Dreßler: Meine Vision ist, dass sich dieser Staat endlich einmal gesellschaftspolitisch aufrafft und sich die Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit der Politik überlegen, was sie wollen: Was für ein Gesundheitssystem will die Gesellschaft haben und was ist sie bereit, dazu beizutragen? Man muss sich das auf jeden Fall gesellschaftspolitisch ansehen. Man kann nämlich hergehen und sagen, man führt eine Minimalversorgung ein, und die reicht, den Rest muss sich dann jeder selber finanzieren. Oder man kann hergehen und sagen, man will eine hundertprozentige Versorgung, und zwar finanziert. Das muss dann abgedeckt werden, entweder durch Steuern oder Beiträge oder ein Mischsystem. Ich persönlich möchte weder noch. Ich denke, man braucht eine Basisversorgung und dazu ein gerechtes System von Selbstbehalten für die Masse an geringfügigen Leistungen, mit denen die wenigen extrem teuren Leistungen finanziert werden können. Aber alle Zusatzzuckerln, die jeder haben will, wie etwa Einzelzimmer und Ähnliches, sollten ausnahmslos über Zusatzversicherungen laufen und nicht von der Allgemeinheit zu finanzieren sein.

Apropos Finanzierung: Derzeit sollen etliche hundert Millionen für die Krankenkassen ausgeschüttet werden, wobei dieses Steuergeld nur die maroden Kassen erhalten sollen, nicht aber solche, die im Vorjahr positiv gewirtschaftet haben. Im Klartext: Wien bekommt Cash, Vorarlberg schaut durch die Finger. Eine Zwei-Klassen-Politik?

Dreßler: Die, die am meisten Schulden haben, muss ich natürlich zuerst finanzieren, damit da endlich einmal eine Ruhe ist. Dann muss ich mich aber gleich fragen, wo die Schulden überhaupt herkommen. In Wien steht fest, dass die Stadt der Gebietskrankenkasse überdurchschnittlich hohe Kosten aufgebrummt hat im Vergleich zu Vorarlberg. Es ist also nicht nur die Schuld des Wiener Gebietskrankenkassen-Managements. Dazu kommen natürlich auch Kostenfaktoren wie eine ältere Bevölkerung und dergleichen mehr. Aber das ist ein internes Problem, kein öffentliches, wobei ich die Vorarlberger natürlich schon verstehe, dass sie ein wenig ungehalten sind darüber. Generell sehe ich aber aufgrund der vielen verschiedenen Krankenkassen in diesem kleinen Land eine sinnlose Überdehnung des Verwaltungsapparates. Hier ist einiges an Sparpotenzial vorhanden. In Österreich könnte man dieses System leicht auf einige wenige Kassen reduzieren, im Extremfall sogar auf eine Krankenkasse für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

In der Diskussion um die Gesundheitsreform wird der Pharmaindustrie vorgeworfen, nur am Profit, also an den Preisen für Medikamente, interessiert zu sein und mit Zahlen zu argumentieren, die nicht nachvollziehbar seien. Was halten Sie dem entgegen?

Dreßler: Das können höchstens Leute sagen, die sich nicht auskennen. Die Zahlen, die produziert werden, kommen von Apothekenverband und Hauptverband, sind also nicht unsere Zahlen. Der Hauptverband, der ja nicht nur die österreichischen Medikamentenpreise kennt, sondern auch jene in anderen EU-Ländern, weiß ganz genau, dass er in Österreich um ein Stück weniger bezahlt als andere Kassen in anderen Ländern. Kurz: Unsere Zahlen stammen nicht von uns und sind so transparent wie jene Organisationen, die diese Daten generieren, und außerdem sind die Medikamentenpreise hierzulande niedriger als in den meisten anderen EU-Ländern. Ganz abgesehen davon muss auch einmal festgehalten werden, dass nicht die Pharmafirmen die Medikamentenpreise festlegen, sondern der Hauptverband. Wenn der sagt, dass er für ein Medikament nur soundsoviel zahlt und damit basta, dann kann ein Pharmaunternehmen entweder darauf eingehen und bleibt am Markt, oder es kann sagen, dass der Preis dafür viel zu niedrig sei und es da nicht mitspielt. Dann ist es vom Markt weg. Der Hauptverband verhandelt jedes Präparat mit jeder Herstellerfirma.

Dennoch wird der Pharmaindustrie immer vorgeworfen, zur Absicherung ihrer gewaltigen Umsätze sämtliche effizienten Sparmaßnahmen bei Gesundheitsreformen zu blockieren. Zum Beispiel wenn es um die Frage nach den Generika geht oder um die Frage nach der Aut-idem-Regelung, also einem System, bei dem Ärzte nur noch den Wirkstoff, nicht aber den Namen eines Präparates auf das Rezept für einen Patienten schreiben.

Dreßler: Das ist ein Scherz. Hier vergisst jeder, dass es in Österreich ein automatisiertes System gibt, wonach beim Erscheinen des dritten Generikums das Original und vorherige Generika mit diesem preisgleich sein müssen. Maximal sechs Monate nach Erscheinen des ersten Generikums ist das Original noch um sechs bis sieben Prozent teurer. Dann kommt bald das dritte Generikum, und dann ist der Preis gleich. Und gegen die Auti-idem-Regelung bin ich nicht aus finanziellen Gründen. Die meisten Medikamente werden von Menschen im Alter ab 60 Jahren eingenommen. Bei einer Aut-idem-Regelung hätten die dann jeden Monat andere Tabletten zur gleichen Zeit einzunehmen. Das verwirrt, schafft Komplikationen, hier ist die Compliance nicht gegeben.

Das Gespräch führte Andreas Feiertag

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie Stakeholder im Gesundheitswesen:

Im Interview Mag. Dr. Hans-Jörg Schelling, Verbandsvorsitzender im Hauptverband der Sozialversicherungsträger: "Ohne Kassensanierung braucht es keine Visionen"

Im Interview Mag. pharm. Heinrich Burggasser, Vorstand der Österreichischen Apothekerkammer: "Zu viele Seiten reden mit"

Im Interview Dr. Walter Dorner, Präsident der Österreichischen Ärztekammer: "Nein, die Ärztekammer ist nicht reformresistent"

Im Interview Mag. Monika Maier, Sprecherin der ARGE Selbsthilfegruppen Österreich: "Ein Gesamtbudget ist unbedingt notwendig"

Im Interview Dr. Otmar Peischl, Obmann des Generikaverbands: "Gleicher Zugang für alle zum Gesundheitssystem"

Im Interview Mag. Christoph Sauermann, Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI): "Daumenschrauben für den Föderalismus"

Wordrap
Kurz gefragt
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- ... vor eineinhalb Jahren.
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- ... sie in unserer alternden Gesellschaft allen anderen Bereichen den Rang abläuft.
• Gesundheit bedeutet für mich ...
- ... möglichst lange das tun zu können, was ich will.
Hintergrund:
Die Pharmig ist die Interessensvertretung der heimischen pharmazeutischen Industrie

Die Pharmig wurde 1954 als freiwillige Interessenvertretung der österreichischen Pharmaindustrie gegründet. Heute hat der Verband rund 120 Mitglieder, die den Medikamenten-Markt zu fast 100 Prozent abdecken. Die Pharmig ist parteipolitisch unabhängig, alle Funktionäre arbeiten ehrenamtlich. Sie will jene Rahmenbedingungen mitgestalten, die eine hohe Qualität des Gesundheitswesens garantieren.
Zur Person

Dr. Hubert Dreßler, Präsident der Pharmig Österreich.

Geboren 1956 in Wien, studierte Hubert Dreßler nach der Matura an der Wiener Universität Humanmedizin. Auch wenn der promovierte Mediziner danach drei Jahre lang an Kliniken und Krankenhäusern im Ausland arbeitete, so durchlief er jedoch nicht die Turnusausbildung, holte sich kein Jus Practicandi als Arzt. Im Ausland arbeitete Dreßler in einem Universitätsspital in Neuseeland, dann in einem Hospital in Kalifornien und dann zehn Jahre lang für das international tätige Pharmaunternehmen Hoechst und alle seine Nachfolgefirmen. Für HoechstMarionRoussel kehrte Dreßler als Manager für Zentraleuropa nach Österreich zurück. Als Chef von Sanofi-Aventis Österreich zog der Mediziner aus der Pharmabranche schließlich in den Vorstand der Pharmig ein, bleibt bis 2010 Pharmig-Präsident.
Pharmig, 1090 Wien, Garnisongasse 4; www.pharmig.at

Andreas Feiertag, Ärzte Woche 17/2009

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