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Foto: flickr / junkmonkey
Die Hoffnung auf das Quäntchen Glück lässt nur allzu viele viel zu lange am Spielautomaten ausharren. So lange, bis das Spiel zur Sucht geworden und behandlungsbedürftig ist. Bis Betroffene zum Arzt finden, dauert aber.
 
Gesundheitspolitik 24. April 2009

Kleines Glücksspiel verursacht großen Schaden

Immer mehr Menschen von Glücksspielsucht betroffen.

Es gibt wenig öffentliches Bewusstsein über die Folgen von Glücksspiel. Der Zugang ist sehr einfach, in Prävention und Beratung wird zu wenig investiert.

 

Etwa sechs Prozent der Bevölkerung sind „problematische Spieler“, weitere zwei Prozent sind als pathologische Spieler einzustufen. Die WHO hat Spielsucht in die internationale Klassifikation psychischer Störungen aufgenommen.

„Hauptsächlich betroffen sind Männer zwischen 25 und 40 Jahren – die Mehrzahl ist berufstätig. Die Betroffenen kommen aus allen sozialen Schichten“, analysiert Mag. Karlheinz Bliemegger, Psychotherapeut und Mitarbeiter der Beratungsstelle „b.a.s.“ (betrifft abhängigkeit und sucht) in Graz.

Viele Gelegenheiten zum Zocken

Seit 2002 hat sich der Zahl der Menschen, die sich wegen Glücksspielsucht an b.a.s. wenden, verzehnfacht. Ähnliche Zuwächse wären auch in anderen Beratungsstellen zu beobachten, berichtet Bliemegger. „Es gibt in allen Bundesländern Probleme, vor allem beim ‚kleinen Glücksspiel‘, also vorwiegend mit Automatenglücksspiel.“ Dies ist insofern interessant, als es eigentlich nur in der Steiermark, in Kärnten, Niederösterreich und Wien erlaubt ist, solche Automaten außerhalb von Kasinos aufzustellen. Es wird in Gasthäusern, Tankstellen und den immer mehr werdenden Wettlokalen heftig mit Gutscheinen und „geschenktem Einstiegskapital“ geworben. In Österreich gibt es zurzeit mehr als 2.300 Betreiber des „kleinen Glücksspiels“ – dies könnte sich mit einem vorgelegten neuen Entwurf für das Glücksspielgesetz ändern: Stehen an einem Ort mehr als 15 Geräte, muss der Betreiber sich für eine bundesweit einheitliche Konzession anmelden.

Davon nicht betroffen sind eben die „kleinen“ Standorte wie etwa der Würstelstand von gegenüber – der Höchsteinsatz pro Spiel soll künftig zehn Euro sein. Beim Gesetz gäbe es auch Nachbesserungsbedarf beim Spielerschutz.

Die Gesellschaft bezahlt

Das Forschungsinstitut Joanneum Research hat kürzlich erstmals in Österreich eine Studie zum Glücksspiel veröffentlicht: 3,8 Millionen Euro an sozialen Kosten fallen demnach alleine in der Steiermark durch die Spielsucht an.

Wird das Leid, das Angehörigen von Spielsüchtigen entsteht, in Geld berechnet – wie es etwa australische Studien machen –, erhöht sich für 2006 dieser Betrag auf 57 Millionen Euro. Zum Vergleich: Bund, Land und Gemeinden lukrieren in der Steiermark aus dem Glücksspiel im Jahr etwa 50 Millionen Euro Gewinn. „Wichtig wären Investitionen in Informationsarbeit sowie den Ausbau von Beratungsstellen“, fordert Bliemegger. Glücksspiel scheint in Form von Lotto oder Brieflos quasi zum Alltag zu gehören – es gibt wenig Bewusstsein, dass es auch eine Form gibt, die krankhaft ist und schwere soziale Folgen hat.

Spielsucht kann weitreichende Folgen haben: Schulden, zerbrochene Beziehungen, Depressionen, Schlafstörungen, Gastritis oder Verspannungen. Krankhafte Spieler sind stark selbstmordgefährdet, viele sind alkoholsüchtig oder medikamentenabhängig. Auch soziale Isolation ist typisch.

Langer Weg zur ärztlichen Hilfe

„Menschen mit einer Glücksspielproblematik warten sehr lange, bis sie Hilfe suchen“, berichtet Bliemegger. Meist wenden sie sich an eine Beratungsstelle, wenn die Probleme nicht mehr ertragbar sind. „Oder Angehörigen fallen aus allen Wolken, wenn sie die enormen Schulden erfahren, und suchen mit ihren Partnern Beratung.“

Zu ihrem Hausarzt kommen Menschen mit Spielsucht häufig zunächst wegen Komorbiditäten: Depressionszustände, Folge von Alkoholabusus, affektive Störungen usw. „Oft anzutreffen ist das große Schamgefühl, ein Verlierer zu sein, sich nicht mehr unter Kontrolle zu haben und den Schuldenberg auf Kosten der Familie verursacht zu haben.“ Aus Bliemeggers Sicht kann es wichtig sein, das Thema Glücksspielsucht direkt anzusprechen oder die Freizeitanamnese entsprechend zu gestalten. „Wir verweisen etwa an Allgemeinmediziner oder Neurologen, wenn bei Klienten eine Behandlung nötig erscheint.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 17/2009

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