zur Navigation zum Inhalt

Dorner3

Walter Dorner, um 1981
am Beginn seiner Karriere

Dorner4

Als junger Mediziner
im Heeresspital...

Dorner5)

... und heute als Präsident
der Wiener und der Österreichischen
Ärztekammer

 
Gesundheitspolitik 10. Februar 2012

"Die goldenen Zeiten hat es nie gegeben"

Walter Dorner im Interview. Wie bereits berichtet wurde, zieht sich der Präsident der Wiener und der Österreichischen Ärztekammer zurück. Kaum jemand hat die Österreichische Gesundheitspolitik über 30 Jahre so geprägt wie er.

Im Interview mit SpringerMedizin.at spricht Walter Dorner über die Veränderungen im Ansehen der Ärzteschaft, über die Rückbesinnung zur Moral im Gesundheitswesen und über die richtige Mischung aus Langmut und Durchsetzungskraft, die in der Gesundheitspolitik zum Erfolg führt.


SpringerMedizin.at: Mit wie vielen Gesundheitsministern haben Sie in Ihrer Laufbahn zusammen gearbeitet?


Dorner: Ich bin seit 1981 Kammerfunktionär und schätze, das ich mit mindestens zehn Gesundheitsministern zu tun hatte.


SpringerMedizin.at: Wer hat Ihrer Meinung nach diesen Job am besten gemacht?

Dorner: In meinen Augen war die beste Ministerin Frau Eleonora Hostasch . Sie hat immer genau hinterfragt, wofür brauche ich meine Ärzte und was hilft ihnen, damit sie ihren Beruf ordentlich ausüben können.


SpringerMedizin.at: Damals gab es allerdings keine Sparpakete, da sprechen Sie von den "goldenen Zeiten".


Dorner: Goldene Zeiten hat es nie gegeben. Wir hatten immer Auseinandersetzungen mit den Sozialversicherungen. Gerade in der Zeit, als Franz Bitter in Wien Obmann war. Trotzdem gab es immer einen Konsens in der wichtigsten Frage: was nützt dem Patienten? Wenn weder er noch ich sagen konnten, wie es dem Patienten nützt, dann ist es gestrichen worden.

Ich würde fast sagen, das war eine christlich-soziale Ebene, die wir hatten. Er von seiner Einstellung als Sozialdemokrat und ich mit meiner familiären Einstellung als Christdemokrat. Ich erinnere mich auch an den Konflikt mit der SVA, auf österreichischer Ebene. Aber unterm Strich, wie man sieht hat dieser Konflikt Früchte getragen. Ein völlig neues System entsteht: ein Vorsorgesystem.


SpringerMedizin.at: Gilt auch heute noch in der Gesundheitspolitik die Kernfrage "Was nützt dem Patienten?"


Dorner: Sie sollte heute noch gelten, aber ich denke, dass hier die Politik immer mehr - aufgrund der globalen Kapitalgesellschaft - vergisst wofür sie eigentlich steht. Das Volk ist souverän und man muss im Gesundheitswesen alles dafür tun, das zu erhalten. Man kann arm sein, aber wenn man gesund ist, ist das halb so schlimm.


SpringerMedizin.at: Hat sich innerhalb Ihrer langen Amtsperiode auch das Ansehen der Ärzteschaft geändert?


Dorner: Das hat sich durch die modernen Kommunikationsmittel sicher geändert. Wenn heute ein Patient zu mir in die Ordination kommt, hat er meistens einen Googleausdruck mit und meint "Herr Doktor schauen sie, glauben sie habe ich das alles?" Dann muss man natürlich ganz anders mit ihm sprechen. Damals, vor 20 Jahren konnte man dem Patient sagen "Schauen sie, das wird gut für sie sein". Heute hinterfragt der Patient. Da hat sich Wesentliches geändert.


SpringerMedizin.at: Und im Krankenhaus?


Dorner: Auch das Leben im Spital hat sich verändert, durch die enorm ausgeweitete Bürokratie und durch den Druck der durch die Bürokratie entsteht, durch die überbordende Forensik die man überall drauflegt. Es muss sich heute jeder hundertmal absichern, sonst könnte er vor Gericht stehen. Das ist nicht nur zum Wohl des Patienten und sicher auch nicht zum Wohle der arbeitenden Ärzte.


SpringerMedizin.at: Was sagen Sie zur Einhaltung von Leitlinien und Richtlinien?

Dorner: Evidenz basierende Leitlinien gibt es schon immer, die haben wir im täglichen Leben. Natürlich halten wir uns daran. Dort findet man auch den Letztstand der Medizin und der Wissenschaft in den einzelne Fächern. Dagegen gibt es nichts zu sagen. Aber wenn vom Staat Richtlinien ausgegeben werden, die aufgrund der medizinischen Entwicklung in drei Monaten vielleicht schon wieder überholt sind, wer trägt dann die Haftung?

Da kann es passieren, dass ich als Arzt nicht richtlinienkonform handle, weil ich der Wissenschaft, also den Leitlinien folge. Zwischen Leitlinien und Richtlinien sind oft sehr große Unterschiede.

Deshalb kann ich nur jedem Politiker raten, diese Richtlinien nicht einzuführen, denn diese sind Hemmnisse für eine Weiterentwicklung der Medizin, mit den Fragen: Wer übernimmt die Haftung, wer trägt die Verantwortung? Oder es kommt soweit wie in Amerika: dass es einen Gerichtbescheid benötigt, wenn jemand operiert werden soll, weil sich jeder fürchtet, am nächsten Tag geklagt zu werden.


SpringerMedizin.at: Hat sich auch das Verständnis der Ärzte gegenüber ihrer Kammer verändert? Immer wieder wird Kritik laut, dass die Kammerstrukturen veraltet sind.


Dorner: Das kann man vielleicht von manchen Kammern sagen, aber nicht von der Wiener Kammer. 1999 durfte ich die Kurienkammer einführen, die neuen Kammerstrukturen, die sich durchaus in den 13 Jahren bewährt haben. Als ich Präsident geworden bin hatten wir 80 Angestellte jetzt haben wir knapp 50. Wir haben rationalisiert und sind besser qualifiziert. Auf der anderen Seite steigen allerdings auch die Ansprüche der Kolleginnen und Kollegen an ihre Standesvertretung.


SpringerMedizin.at: Welche Eigenschaften muss der zukünftige Präsident der Österreichischen Ärztekammer ihrer Meinung nach mitbringen?


Dorner: Ich glaube, dass jeder Präsident, sowohl Langmut, als auch konsequente Durchsetzungskraft mitbringen muss, um leitend und dirigierend eingreifen zu können. Auch die Philharmoniker haben einen Dirigenten, der etwas vom Geschäft verstehen muss.


SpringerMedizin.at: Zuletzt gab es Gegenwind aus den eigene Reihen. Die NÖ Ärztekammer hat Ihren Rücktritt gefordert. In Ihrer Presseaussendung betonen sie, dass Ihre Entscheidung nicht mehr zu den Kammerwahlen antreten zu wollen, damit in keinem Zusammenhang steht.


Dorner: Schauen sie, man muss sich einen starken Außenfeind suchen, wenn man nach innen schwach ist. Der Herr Reisner in Niederösterreich soll zuerst einmal in seinem eigenen Haus aufräumen. Ich habe vor zwei Tagen gelesen, dass dort fast 300 Ärzte nicht zur Wahl gehen können. Ein paar aus Niederösterreich haben gedacht, sie müssten sich an mir reiben, na dann sollen sie.


SpringerMedizin.at: Thema Bildung und Lehre: Sie wollen ihre Zukunft vermehrt der Bildungspolitik widmen.


Dorner: Das wird notwendig sein. Wenn man sich die Zugangsregelungen zum Medizinstudium anschaut, wird man sich überlegen müssen, ob ein Numerus Clausus mit 1,0 der ideale Zugang für zukünftige Mediziner ist. Dieser sagt nur aus, dass derjenige wahrscheinlich ein guter Student sein wird. Bei den Prüfungen wird viel zu wenig Wert auf die soziale, die medizinische und die kommunikative Komponente gelegt. Das gilt nicht nur für die Ärzte, sondern für alle Gesundheitsberufe. Letztendlich sind wir alle, vom Primararzt bis zur Hilfsschwester nur Systemerhalter. Da glaube ich, kann ich mich noch einbringen, um für junge Ärzte dieses Problem zu beseitigen.

Unser jungen Turnusärzte sagen ja zum Beispiel, dass sie nur noch die "Spritzenschanis" sind. Ein Paket zur Verbesserung der Situation liegt schon endlos lange im Ministerium. Aber dort wird es nicht mit der notwendigen Konsequenz durchgesetzt. Deshalb möchte ich da meine Netzwerke und mein Wissen aus meiner langen Berufserfahrung einbringen. Das ist mir ein persönliches Anliegen.


SpringerMedizin.at: Wenn man sich bei Ärzten umhört, hat man nicht das Gefühl, dass alle Ärzte gegen ELGA wären. Warum blockt die Kammer bei diesem Thema so?


Dorner: Da blockt nicht die Kammer. Viele Ärzte haben sich mit dem Problem ELGA noch gar nicht intensiv beschäftigt. Weder im niedergelassenen Bereich, noch im Spitalsbereich. Man muss einmal dezidiert erklären: ELGA ist nicht Dokumentation auf elektronischen Medien. Wir haben ja schon Verbindungen, wir haben ein Netzwerk.

Was wir nicht wollen ist, dass ein Moloch geschaffen wird, der so viele Fehler aufweist, dass er laufend stolpern wird. Da stimmen die Kosten-Nutzenrechnungen nicht. Es gibt europaweit Bedenken dagegen. In vielen Ländern hat man die elektronische Gesundheitsakte wieder abgeschafft. Wirklich funktionieren tut es nirgends.


SpringerMedizin.at: Wenn Sie auf ihre lange Karriere zurück blicken: Was waren Ihre schönsten, eindrücklichsten Erlebnisse?


Dorner: (denk kurz nach) Das positive vergisst man so schnell… Ein erbauendes und schönes Erlebnis war es, dass es in der österreichischen Ärztekammer gelungen ist die Länder zu koordinieren und in unserer Arbeit einen österreichweiten Konsens zu finden. Das war ein wichtiger Punkt, diese gute Zusammenarbeit.

Und was ich auch noch anführen möchte: Die zweite Ebene ist wichtig. Die gute innere Harmonie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die zwischenmenschlichen Beziehungen müssen passen. Auf das bin ich stolz, denn ich glaube, dass ich schon ein bisschen etwas dazu beigetragen habe. Außerdem sind im Großen und Ganzen in diesen 13 Jahren fast alle Beschlüsse so gefasst worden, dass es zum Wohle der Wiener Ärztinnen und Ärzte war.

 Zur Person

Ärztekammerpräsident Walter Dorner, 69 ist seit 1999 in Wien Ärztekammerpräsident und wird sich heuer nicht mehr der Wahl stellen. Dorner wurde am 1. Juni 1942 in Neunkirchen in Niederösterreich geboren. 1969 promovierte er zum Doktor der gesamten Heilkunde, die Ausbildung zum Chirurgen absolvierte er in Wien.

1976 eröffnete er eine Praxis, 1979 ging er ins Heeresspital. Ab 1981 betätigte er sich in der Wiener Ärztekammer, war Vizepräsident und folgte 1999 dem verstorbenen Michael Neumann als Präsident nach. Ab 1999 war er zudem Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), nach der Wahl 2007 wurde er auch dort Präsident. Immer stärker plagten den gewichtigen Mediziner gesundheitliche Probleme, jetzt soll sein Vize Johannes Steinhart die Nachfolge antreten.

das Interview führte Andrea Niemann, springermedizin.at

  • Herr Roland Wegscheider, 12.02.2012 um 19:47:

    „Sehr gutes Interview. Jedoch mit Ihrem Zitat: „Man kann arm sein, aber wenn man gesund ist, ist das halb so schlimm.“ widersprechen sie jeder Studie bezüglich Armut und Gesundheit auf dieser Welt. Herr Dr. Dorner: Wenn man arm ist, dann ist das Risiko krank zu werden und / oder krank zu sein, signifikant höher, um im wissenschaftlichen Jargon zu sprechen. Es braucht ein Umdenken in der Wirtschaft und in der Medizin. Auch die Mediziner sollten sich dieses Problems bewusst werden und dafür kämpfen, dass der finanziellen Armut entgegen gewirkt wird.

    mit freundlichen Grüßen
    Wegscheider Roland“

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben