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Die Forderungen an die Politik sind ebenso vielfältig wie die Ursachen für den Facharzt-Mangel in der Psychiatrie.
 
Gesundheitspolitik 8. Februar 2012

Psychiater-Engpass in Sicht

Nach den Hausärzten schlagen nun auch die Psychiater Alarm: die Nachfrage steigt, der Nachwuchs fehlt.

Rund 1,4 Millionen Österreicher leiden an einer psychiatrischen Erkrankung. Damit zählt die Alpenrepublik zu den drei EU-Ländern mit der höchsten Anzahl an Krankenhausfällen aufgrund psychiatrisch bedingter Krankheiten pro 100.000 Einwohner. Auch in den kommenden Jahren ist ein steigender Bedarf an psychiatrischen Leistungen zu erwarten. Umgekehrt aber könnten Pensionierungen der Psychiater aus dem „Baby-Boom“, Enttabuisierung dieser Erkrankungen und weniger Medizin-Absolventen die Schere zwischen Bedarf und Kapazitäten aufgehen lassen.

Dass hinter diesen Vermutungen auch Fakten stehen, belegt eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS), die von der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) in Auftrag gegeben und kürzlich in Wien präsentiert wurde. Die Experten rechnen damit, dass im Jahr 2030 rund 340 Psychiater fehlen werden. Ausgangspunkt sind unterschiedliche Szenarien, die etwa die „Ambulantisierung“ der Leistungen, aber auch die steigende Nachfrage durch eine Enttabuisierung von psychiatrischen Erkrankungen mit berücksichtigen. Auf Basis von Ärztekammerdaten fließt die Entwicklung des zu erwartenden Ärztenachwuchses in die Berechnungen ebenfalls ein und zeigt deutlich: die Nachfrage steigt, das Angebot sinkt.

Psychiatrische Erkrankungen in der Praxis

Die derzeit am häufigsten auftretenden psychiatrischen Störungen sind Angststörungen (12 %), Major Depression und Bipolarität (7,9 %), somatoforme Störungen (6,3 %) und Störungen aufgrund von Substanzmissbrauch (3,4 %). Geschätzte 27 Prozent der EU-Bevölkerung sind von mindestens einer dieser psychiatrischen Störungen betroffen, jedoch werden derzeit nur etwa 10 % aller Personen mit psychiatrischen Störungen adäquat behandelt. „Obwohl von keiner allgemeinen Prävalenzsteigerung psychiatrischer Erkrankungen ausgegangen wird, kann deren Zunahme als Resultat von verstärkter öffentlicher Wahrnehmung, Sensibilisierung und Entstigmatisierung interpretiert werden“, fasst Dr. Susanne Lentner, Präsidentin der ÖGPB, die aktuelle Studienlage zusammen. Aus den Daten des Hauptverbandes in Bezug auf Krankenstände und Pensionsneuzugänge zeigt sich, dass bei einzelnen Erkrankungen wie Demenz und Depression die demografische Veränderung für den Trend nach oben verantwortlich sind. Der vor wenigen Wochen publizierte Fehlzeitenreport, der in Kooperation von Wirtschaftskammer Österreich, Arbeiterkammer Wien, dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt und der Pensionsversicherungsanstalt verfasst wird, zeigt ebenfalls ein starkes Wachstum psychiatrisch bedingter Krankenstandsfälle gegenüber anderen Krankheitsgruppen. Allein bei Invaliditätspensionen und der vorzeitigen Alterspension nimmt die Gruppe der psychiatrischen Erkrankungen den zweiten Platz ein.

Österreich steht mit dieser Entwicklung aber nicht alleine da: Bereits für das Jahr 2030 prognostiziert die Weltgesundheitsorganisation, dass im Hinblick auf die Krankheitslast die Depression mit großem Abstand auf Platz 1, gefolgt von Herz- Kreislauf-Erkrankungen, Demenz- und Suchterkrankungen – allen voran Alkohol – stehen wird.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Stellung psychiatrischer Erkrankungen im Rahmen der Medizin in den deutschsprachigen Ländern weiter etabliert. „Es entspricht wahrscheinlich einem Wunschdenken zu glauben, dass seelische Erkrankungen selten sind und bei entsprechend guter Lebensführung günstig verlaufen. So wurde etwa in The Lancet publiziert, dass die durch die Krankheit verlorenen Lebensjahre für neuropsychiatrische Erkrankungen mit 28 Prozent den größten Anteil aller medizinischen Erkrankungen ausmachen“, erklärt Prof. DDr. Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien.

Wohin geht der Trend?

Für die Abschätzung des künftigen Ärztebedarfes haben die IHS-Experten vier Varianten vorgestellt. Im – eher unwahrscheinlichen – Basismodell wird davon ausgegangen, dass sich der Ärztebedarf sowohl intra- als auch extramural der demografischen Entwicklung folgend lediglich um etwa sechs Prozent erhöhen wird. Szenario 1 beschreibt ein „ausklingendes Wachstum“: Durch das gesteigerte Bewusstsein um psychische Behandlungen und Krankheiten und den damit einhergehenden teilweisen Abbau des ungedeckten Bedarfs wird, so die Forscher, die Wachstumsrate der Inanspruchnahme langsam zurückgehen. Diese sehr optimistische Sicht auf die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage zeichnet aber immerhin auch einen steigenden Ärztebedarf von rund 19 Prozent bis zum Jahr 2030 auf. Im Szenario 2, der so genannten „Ambulantisierung“, wird sich der Bedarf der Inanspruchnahme psychiatrischer Leistungen in den extramuralen Bereich verschieben und bereits einen Bedarfsanstieg an Ärzten von 52 Prozent bis 2030 zur Folge haben. Szenario 3 geht von einem linearen Wachstum aus und unterstellt, dass sich der zukünftige Bedarf an Psychiatern aus dem linearen Wachstum der letzten zehn Jahre ableitet. Diese Annahme gilt sowohl für den intra- als auch für den extramuralen Bereich und ist ebenfalls durch sinkende Wachstumsraten bis zum Jahr 2030 gekennzeichnet. Hier würde der Ärztebedarf bis 2030 mit einem Wachstum von 61 Prozent am stärksten zum Tragen kommen.

Lösungen in Sicht?

Welches Szenario tatsächlich eintreffen wird, lässt sich zwar aus heutiger Sicht nicht mit Sicherheit sagen, dennoch ist klar, dass die Schere zwischen Angebot und Nachfrage aufgehen wird und bereits jetzt präventiv gegengesteuert werden kann und muss. So unterschiedlich die Ursachen sind, so vielfältig sind dazu auch die Forderungen, die vonseiten der Experten an die Politik formuliert werden. Einerseits gilt es, bereits jetzt die Weichen für eine verantwortungsvolle Nutzung der Ausbildungskapazitäten zu stellen, indem gute Rahmenbedingungen für den Abschluss begonnener Studien geschaffen werden und die Politik auch Anreize bildet, dass Absolventen nach der Beendigung ihres Studiums nicht abwandern.

Hand in Hand damit sind Maßnahmen notwendig, die die Ausbildungskapazitäten nicht nur in Österreich, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum im Auge haben und koordiniert entwickeln. Für bereits im Beruf stehende Ärzte sind Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten zu sichern, damit die hohe Produktivität auch in Zukunft erhalten bleibt. Damit verbunden sind auch Forderungen nach passenden Arbeitsbedingungen, die es den ausgebildeten Psychiatern attraktiv machen, in ihrem Beruf zu bleiben. Besonderes Augenmerk ist auf das Genderthema zu richten, denn: Ein hoher Anteil an Frauen ist gerade in der psychiatrischen Versorgung tätig.

Von R. Haiden, Ärzte Woche 6 /2012

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