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Foto: Österreichische Ärztekammer/Thomas Jantzen
Gleiche Probleme, gleiche Hoffnungen: Ulrich Weigeldt (links), Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, und Dr. Günther Wawrowsky (rechts), Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte, machen

Arzt der Zukunft – Zukunft des Arztes. Niedergelassene Medizin in Österreich G. Wawrowsky, G. Wiegele, J. Pruckner (Hrsg.) 200 Seiten, € 19,90 Verlagshaus der Ärzte, 2012 ISBN 9783990520215

 
Gesundheitspolitik 2. Februar 2012

Wie viel Zukunft hat der niedergelassene Arzt?

 Nach dem Greißlersterben, dem Schließen von Postämtern und Gendarmerieposten folgt nun das Aus für viele Arztpraxen. Wo die medizinische Versorgung fehlt, kommt es zur Verlagerung. Spitäler, aber auch die Jugendwohlfahrt, Psychologen oder die Pflege werden in einem Übermaß beansprucht. Kosten entstehen, die deutlich über denen der ärztlichen Versorgung im niedergelassenen Bereich liegen.

In den nächsten zehn Jahren geht mehr als ein Drittel der niedergelassenen Ärzte in Pension. Bereits jetzt fällt es in manchen Gemeinden schwer, Kassenarztstellen nachzubesetzen. Stehen wir bald vor Ordinationen ohne Ärzte und werden Patienten um ihre Versorgungen bangen müssen? Dieser Frage ging eine Podiumsdiskussion in Wien nach. Anlass war die Präsentation des Sammelbandes Arzt der Zukunft – Zukunft des Arztes, der eine Bestandsaufnahme der niedergelassenen Medizin in Österreich präsentiert und einmal mehr feststellt: Die Lage ist ernst.

„Die Zukunft unseres Gesundheitssystems hängt wesentlich von Menschen ab, die begleiten und beraten können. Das ist eine wichtige Herausforderung für die Hausärzte, die wohl das beste Nahverhältnis zu den Patienten haben“, betont BM Alois Stöger. Er weiß aber auch, dass die dazu notwendige Struktur zur Stärkung der niedergelassenen Mediziner und der ambulanten Versorgung noch weitgehend fehlt. „Wir müssen Ärzte so ausstatten, dass sie auch in der Lage sind, kooperativ miteinander zu arbeiten“, so der Minister. Die umstrittene ELGA wäre einer der Schritte in eine Richtung, die mehr Zusammenarbeit in der Ärzteschaft, aber auch zwischen unterschiedlichen Trägern im Gesundheitssystem und mit den Patienten fördern könnte.

Politischer Wille und Praxis

Gesundheitspolitik ist in jeder Regierungsperiode ein beliebtes Thema gewesen – gut für Reformen, gut für Diskussionen und gut für politische Willensbekundungen und die Mobilisierung von Wählern, schließlich betrifft es jeden von uns, und das auf einer ganz persönlichen Ebene. Auch die Aufwertung des niedergelassenen Arztes und das Bekenntnis zum hausärztlichen Prinzip scheinen kontinuierlich in den Regierungsprogrammen auf, ohne jedoch bisher zu sichtbaren Verbesserungen geführt zu haben. „Mehr als Lippenbekenntnisse sind es nicht gewesen. Wenn nicht bald etwas passiert, sehe ich schwarz! Ordinationen werden mit Bürokratie überladen, die Ambulanzen sind überlaufen und immer weniger Ärzte wollen heutzutage unter diesen Bedingungen arbeiten“, bringt es Ärztekammerpräsident MR Dr. Walter Dorner auf den Punkt. Er plädiert für die Abkehr von ökonomischen Zahlenspielen hin zu einer patientenorientierten Medizin und für das humane Gedankengut, das dem Wesen der Hausärzte entspricht. Dämpfungspfade und Einsparpotenziale werden sich nach Meinung Dorners dann ganz von selbst realisieren.

Rehumanisierung der Medizin

Mehr Menschlichkeit soll wieder Einzug ins Gesundheitswesen halten und damit einen Gutteil der ökonomischen Ungleichgewichte wieder ins Lot bringen. Soweit die Theorie. Wie der Weg in der Praxis aussehen kann, wird Dr. Günter Wawrowsky, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der Österreichischen Ärtzekammer, nicht müde zu beschreiben: „Das Vertrauens- oder Hausarztmodell gibt es schon seit mehr als zwei Jahren. Wir können damit eine Basisversorgung im niedergelassenen Bereich sicherstellen, die nicht nur hohe Qualität bringt, sondern auch kostendämpfend wirkt. Dass damit keine flächendeckende Versorgung rund um die Uhr möglich ist, liegt auf der Hand, und doch ist der Vorschlag ein großer Schritt in die richtige Richtung. Wir brauchen dringend neue Formen der Zusammenarbeit, mit dem Gesetz ist dem bisher nicht Genüge getan worden. Auch die Entwicklung der Lehrpraxen steht dringend an. Ein adäquate Honorierung und entsprechende Arbeitsbedingungen müssen es für junge Kollegen interessant machen, sich als Arzt niederzulassen.“ All das soll dazu beitragen, dass Ärzte ihren Beruf nicht nur gut, sondern auch gern ausüben.

Dass das Hausarztmodell eine klassische Win-win-Situation ist, die sparen und besser versorgen hilft, bestätigen auch Ökonomen. Während ein Ambulanzbesuch im Schnitt mit 90 Euro zu Buche schlägt, kostet die Konsultation beim Hausarzt lediglich 50 Euro. Wenn rund 50 Prozent der Ambulanzbesuche – wie aus unterschiedlichen Untersuchungen hervorgeht – obsolet sind, so lässt sich ein beachtliches Einsparpotenzial von 320 Millionen Euro hochrechnen. Positive Effekte wie gesündere Lebensstile bei Kindern und Erwachsenen oder weniger Frühpensionierungen noch nicht mitgerechnet.

Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, gewährt einen Blick über die Grenzen, wo die Versorgung im niedergelassenen Bereich – besonders in den neuen Bundesländern – bereits jetzt nicht mehr gewährleistet ist, dafür aber ein Überangebot an Fachärzten vorliegt. „Österreichische und deutsche Hausärzte haben sehr ähnliche Probleme und könnten voneinander lernen, ohne das Rad zweimal neu zu erfinden“, so Weigeldt. Nachahmenswert ist beispielsweise das Lehrpraxenmodell, für das bei den deutschen Nachbarn weitaus mehr Geld zur Verfügung steht und das weitaus besser etabliert ist als hierzulande. Im Bundesland Baden-Württemberg können sich Patienten freiwillig in ein System der Vertrauensärzte einschreiben, und der Erfolg gibt dem Modell Recht: bereits 1,3 Millionen Patienten haben sich hier zu „ihrem Hausarzt“ verpflichtet. Es sind vor allem chronisch Kranke und ältere Patienten, die aus diesem System nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte ableiten: „Wer häufig zum Arzt muss, wünscht sich doch eine kontinuierliche Betreuung und Begleitung von einer Person“, so Weigeldt.

Was fehlt jetzt noch?

Viele Forderungen sind es, die in ihrer Gesamtheit zu einem Umdenken führen sollen: attraktivere Rahmenbedingungen, bessere Ausbildung, mehr Geld für Lehrpraxen, eine adäquate Honorierung, flexiblere Formen der Zusammenarbeit, transparente Finanzierungsströme ... Doch die zentrale Frage bleibt auch nach Diskussion und Buchpräsentation offen: Was muss passieren, damit die Politik ausreichend Interesse zeigt, die Patientenströme über ein Vertrauensarztmodell umzuleiten?

Das Vertrauensarztmodell in Kürze
Der Arzt als Vertrauensarzt, als Berater und „Begleiter“ bei Behandlungen und Therapien, als erster Ansprechpartner bei Gesundheitsproblemen und verständnisvoller Gesundheitsmanager seiner Patienten. Das sind die Eckpunkte des Hausarztmodells, das die Bundeskurie Niedergelassene Ärzte anlässlich des 121. Österreichischen Ärztekammertages im Juni 2010 beschlossen hat. Die Betonung und Neupositionierung des Hausarztes und die damit verbundene Stärkung des niedergelassenen Bereichs werden damit erstmals inhaltlich detailliert festgehalten.

Von R. Haiden, Ärzte Woche 5 /2012

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