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Gesundheitspolitik 26. Jänner 2012

IHS warnt vor Psychiater-Engpass

Rund 1,4 Millionen Österreicher leiden an einer psychischen Störung. Dabei könnten Pensionierungen der Psychiater aus der "Baby-Boom"-Generation, Enttabuisierung dieser Erkrankungen und weniger Medizin-Absolventen die Schere zwischen Bedarf und Kapazitäten aufgehen lassen.

Das Institut für Höhere Studien (IHS) rechnet für das Jahr 2030 in einer von der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) in Auftrag gegebenen Studie mit einem Mangel von rund 340 Psychiatern (Vollzeitäquivalente), hieß es bei einer Pressekonferenz in Wien.

Monika Riedl vom IHS und die Co-Autoren haben in mehreren Szenarien den "Psychiatrie-Bedarf" und mehr oder weniger wahrscheinlich zur Verfügung stehende Fachärzte in diesem Bereich zwischen 2010 und 2030 berechnet. Daraus ergaben sich drei Varianten mit einem Ausgangspunkt von 1.062 Psychiatern im Jahr 2010. Rein demografisch bedingt würde der Bedarf bis 2030 auf 1.122 Vollzeitäquivalente steigen. Beim wahrscheinlichsten Szenario, das von einem ausklingenden Wachstum des Bedarfs ausgeht, würden im Jahr 2030 1.267 Psychiater für die Versorgung notwendig sein, was einem Plus von etwa 20 Prozent entspricht. Würde es hingegen es zu einer starken Ambulantisierung der Psychiatrie kommen, wäre der Bedarf an Fachärzten um 50 Prozent größer.

Dabei bedingen die in den kommenden Jahren anstehenden Pensionierungen -das Durchschnittsalter österreichischer Psychiater beträgt "50+" -, die sinkende Zahl von Medizinabsolventen, sowie die zu erwartende Abwanderung von ausländischen Absolventen eine Reduktion des Nachwuchses. Dies bedeutet selbst bei einem optimistischen Ansatz im Jahr 2030 nur noch 1.088 zur Verfügung stehende Psychiater, was einem Minus von 179 im Vergleich zum Bedarf entspricht, in einem Hauptszenario sind es 931 derartige Fachärzte (minus 336) und in einem pessimistischen Szenario gar nur noch 859 Psychiater (minus 408).

"Wir haben noch fünf oder sechs Jahre, in denen sich Angebot und Bedarf ähnlich entwickeln werden. (...) Um das Jahr 2018 müssen wir damit rechnen, dass da eine Schere aufgeht", folgert Riedl. Ab dann würde wahrscheinlich ein Mangel erkennbar werden. Für Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien, wäre es vor allem einmal wichtig, dass man psychiatrische Erkrankungen voll in die Medizin integriert und die Forschung intensiviert: "Psychiatrische Erkrankungen sind Erkrankungen des Gehirns mit systemischer Ausbreitung auch auf psychosozialer Ebene." In Europa müsse man laut Berechnungen von 800 Milliarden Euro Kosten pro Jahr für psychische und neurologische Erkrankungen ausgehen. Dies sollte auch der Gesellschaft bewusst sein.

"Raus aus der Tabuzone, Ausbildung, spezielle Maßnahmen, kreative und hilfreiche Lösungen", wünscht sich Georg Psota, Chefarzt der psychosozialen Dienste in Wien (PSD). Laut einer aktuellen europäischen Studie (2011) leiden innerhalb eines Jahres 14 Prozent der Bevölkerung an Angststörungen, sieben Prozent an Schlafstörungen, 6,9 Prozent an Depressionen und 5,4 Prozent der über 65-Jährigen an Demenz. "Psychische Erkrankungen sind halb so häufig wie körperliche Erkrankungen", so Psota. Darauf sollten Gesundheitspolitik und damit auch die Bedarfsplanung Rücksicht nehmen.

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