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Foto: TAA
Das ernüchternde Ende so manchen Wintermärchens: Mit dem „Gipsbomber“ geht es liegend retour in die Heimat.

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Die „Gipsbomber“ sind für alle medizinischen Notfälle gerüstet.

 
Gesundheitspolitik 5. Februar 2012

"Brezn reißen" auf der Piste

Wie sich das Wetter auf die Verletzungen der Wintersportler auswirkt.

Der klassische „Gipshaxn“ – mit Comics bemalt, von Freunden signiert und nicht selten mit Stolz getragen – zählt heute zu den aussterbenden Raritäten. Immer öfter bitten die ärztlichen Spezialisten in Österreichs Wintertourismus-Hochburgen in den OP statt in die Gipskammer. Heimwärts geht es dann per Flugzeug!

Ein kurzer Blick auf den Wetter- und Schneebericht reicht Dr. Christian Schenk, um zu wissen, was ihn morgen in seinem „Sanatorium Dr. Schenk: Chirurgie & Sport“ im vorarlbergischen Schruns erwartet – ein Tag im OP: „Im Winter operieren wir jeden Tag zwischen 13 und 18 verunfallte Sportler, in Hochzeiten wie etwa den Weihnachtsfeiertagen oft noch ein paar mehr.“ Über die gesamte Wintersaison ergibt das rund 1.200 Operationen.

Wetter- und Schneesituation haben zwar einen starken Einfluss auf die Art der Verletzungen und damit auch der folgenden Operationen, an der Gesamtzahl ändern sie aber wenig, weiß Schenk aus langjähriger Erfahrung: „Ich mache das jetzt schon den 23. Winter und die Verletzungen kommen Tag für Tag wie das Amen im Gebet.“

Bei viel Schnee und weichen Pistenverhältnissen überwiegen Bänderverletzungen im Knie, dazu kommen viele Schulterluxationen. Mit einer härteren Piste steigt die Zahl der Frakturen, ergänzt von vermehrten Wirbel- und Kopfverletzungen. Auffällig ist, erzählt Schenk, dass die Frakturen zunehmend massiver und komplizierter werden. „Normale“ Unterschenkelbrüche sind eher rückläufig, dafür kommen immer häufiger Trümmerfrakturen, etwa des Schienbeinkopfes, auf den OP-Tisch. „Das hat mit dem neuen Skimaterial, aber auch mit Konstitution und Knochenkonsistenz der Sportler zu tun“, ist Schenk überzeugt. Trümmerfrakturen sind in ihrer Entstehung vergleichbar mit Bänderverletzungen, nur dass die Knochen in diesen Fällen schwächer sind als die sie umgebenden Bänder. „Viele wissen gar nicht, welchen Energien und enormen Kräften ihr Körper aufgrund der modernen Skier und Skischuhe ausgesetzt ist“, sagt Schrenk. „Und viele sind darauf auch nicht körperlich vorbereitet.“

So manche Verletzung ließe sich jedenfalls vermeiden, wenn die Freizeitsportler in ihr Hobby nicht nur Geld, sondern auch entsprechendes Training investieren würden. Der Sportmediziner erinnert sich an vergangene Zeiten, als sich eine ganz Skination – animiert von Idolen wie Rosi Mittermaier oder Hansi Hinterseer – im gemeinsamen Rhythmus der TV-Skigymnastik bewegte.

Verkürzte Therapie

Das Sanatorium Dr. Schenk in Schruns gilt europaweit als eine der anerkanntesten Spezialkliniken mit Schwerpunkt Sportverletzungen. Die Ärzte sind zwar mit den konservativen Behandlungsmethoden nach wie vor vertraut, setzen aber in den meisten Fällen auf operative Methoden. Das entspricht den heutigen Anforderungen und Wünschen der Patienten, die sich „nicht die Zeit für langwierige Therapien oder Rehabilitationen nehmen wollen oder auch nehmen können“, so Schenk. „Die Menschen haben keine Zeit zu verlieren, darauf müssen wir uns einstellen.“ Dass die operativen Behandlungsmethoden deutlich kostenintensiver sind als konservative Behandlungen, sei zwar isoliert betrachtet richtig, aber doch auch wieder eine verkürzte Sichtweise: „Am Ende des Tages, wenn man auch alle indirekt entstehenden und nachfolgenden Kosten wie etwa Krankenstandstage berücksichtigt, ist unser ‚Kick-and-Rush-Prinzip‘ sogar die billigere Variante.“

Jede Sekunde zählt

Am Dach der Privatklinik befindet sich auch ein Heliport. 400 der jährlich 2.000 im Sanatorium operierten Patienten kommen per Helikopter. Hier hat auch der Rettungshubschrauber „Robin 1” der SchenkAir während der Wintermonate seinen Stützpunkt. Der Heliport wird aber auch von anderen Rettungsorganisationen mitbenutzt.

Das effiziente Flugrettungssystem Westösterreichs gewährleistet, dass in jedem Skigebiet innerhalb weniger Minuten ein Notarzt bei verunfallten Wintersportlern eintreffen kann und diese nach einer entsprechenden Erstversorgung in das geeignetste Krankenhaus transportiert.

Dr. Schenk erzählt von einem Skifahrer, der sich die Schulter ausgerenkt hatte. Die Zeitspanne zwischen Ausrenken auf der Piste und Einrenken in der Klinik betrug inklusive Lufttransport und Erstellung einer Röntgendiagnose 13 Minuten: „Jede Sekunde zählt, das gilt ganz besonders für die Erstversorgung.“

Eine solch sekundenschnelle und professionelle Versorgung hat ihren Preis. Eine entsprechende private Versicherung ist demzufolge nicht nur empfehlenswert, sondern in vielen Fällen existenzsichernd. „Ich sage immer“, meint Schenk, „jemand, der Skifahren geht und sich nicht ausreichend versichert, sollte lieber gleich heute als morgen zu sparen beginnen, er wird es brauchen.“

Interview mit Dr. Michael Wirnsperger:
Tiroler „Gipsbomber“ im Großeinsatz.

Die Tyrol Air Ambulance ist weltweit im Einsatz. Berühmt wurde sie aber vor allem mit ihren liebevoll als „Gipsbomber“ bezeichneten Fliegern, die während der Skisaison verunfallte Touristen von Innsbruck aus in ihre Heimat überstellen. Inzwischen gehören die „Eingegipsten“ zwar schon zur Minderheit unter den Passagieren, die Nachfrage insgesamt ist aber unverändert hoch, erzählt Dr. Michael Wirnsperger, Medizinischer Direktor der Tyrol Air Ambulance, im Gespräch mit der Ärzte Woche.

Wie viele Patienten werden mit der Tyrol Air Ambulance jährlich transportiert?

Wirnsperger: Insgesamt mehr als 2.500 über das ganze Jahr. Ein großer Anteil davon sind Flüge auf den Intensivflugzeugen. In Kürze nehmen wir unseren vierten Ambulanzjet in Betrieb. Die Jets können jeweils ein bis zwei Intensivpatienten befördern. Dazu kommen zwei Dorniers 328, mit denen wir bis zu vier Intensivpatienten oder sechs liegende Patienten und eine größere Anzahl an Patienten mit Beinhochlagerung transportieren und medizinisch betreuen können.

Über welche medizinischen Einrichtungen verfügen die Maschinen?

Wirnsperger: Die Flugzeuge sind für alle üblichen Erkrankungen und Verletzungen ausgestattet. Auch Inkubatorkinder, Frühgeborene usw. werden geflogen und von einem eigenen Pädiatrie-Intensivteam betreut. Es steht zudem eine Kleinkindintensiveinheit zur Verfügung. Wir haben auch die Möglichkeit, Patienten mit speziellen notwendigen medizinischen Geräten zu transportieren.

Im Winter fliegen Sie verunfallte ausländische Skitouristen in einer Art Linienflugverkehr nahezu täglich in ihre Heimat – Stichwort: „Gipsbomber“.

Wirnsperger: Mit den „Gipsbomberflügen“ werden jede Wintersaison ca. 1.500 Patienten nach Hause oder zur weiteren Betreuung in ein Heimatkrankenhaus geflogen. Die meisten Flüge gehen von Innsbruck nach Rotterdam, eine erhebliche Anzahl allerdings auch nach Antwerpen, gelegentlich auch nach England und zu anderen Destinationen.

Wer kommt für die Kosten auf?

Wirnsperger: Der überwiegende Teil der Transportaufträge wird von privaten Versicherungen vergeben, die auch die Kosten übernehmen.

Von V. Weilguni, Ärzte Woche 3 /2012

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