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Vor allem Jugendliche sollen über einen niederschwelligen Peergroup-Zugang zum Nichtrauchen motiviert werden.
 
Gesundheitspolitik 10. Jänner 2012

„Wer küsst schon gerne Nikotin?“

Markige Sprüche und schockierende Bilder für den rauchfreien Start ins neue Jahr: Anti-Raucher-Kampagnen zwischen heißer Luft und wahrer Wirkung

Derzeit finden in den österreichischen Apotheken zum bereits zehnten Mal die Raucherberatungswochen statt. Der Termin ist gut gewählt, fällt mitten in die Zeit der hoffnungsvollen Neujahrsvorsätze. Für Prof. Dr. Michael Kunze, einen der Vorkämpfer und renommiertesten Experten im Kampf gegen die Nikotinsucht, stellt die Apotheker-Initiative „die mit Abstand wirksamste Kampagne“ dar, um Raucher zu einem Ausstieg zu bewegen.

 

Im vergangenen Jahr lockte die Aktion landesweit immerhin an die 50.000 Raucher in eine der 1.300 beteiligten Apotheken und animierte sie dazu, preisreduzierte Nikotinersatz-Präparate zu kaufen. Und auch wenn sich daraus nicht valide ableiten lässt, wie viele von den 50.000 am Ende tatsächlich mit dem Rauchen aufgehört haben, so geht Kunze in seiner „Hochrechnung“ doch von einer vierstelligen Zahl aus. „Wenn es ums Rauchen geht, ist die Preispolitik nach wie vor die mit Abstand wirksamste Maßnahme“, ist Kunze überzeugt. Ein attraktives Preisangebot in Kombination mit guter Öffentlichkeitsarbeit und einem fundierten Informationsangebot sei der Schlüssel des Erfolges der Raucherberatungswochen.

Kunze würde sich wünschen, dass dieses Prinzip verstärkt auch zum Vorbild für politische Entscheidungsträger wird: „Wenn die Politik wirklich etwas erreichen will, dann muss sie vor allem eine vernünftige Preispolitik machen. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Zahl der Raucher um 0,5 Prozent abnimmt, wenn man den Zigarettenpreis um ein Prozent erhöht.“ Voraussetzung dafür wäre aber ein gesamteuropäisches Agreement mit einer entsprechenden Vereinheitlichung der Zigarettenpreise. So lange „Raucher-Billigländer“ wie etwa Lettland Produkte weit unter den heimischen Marktpreisen anbieten, werden nationale Preisinitiativen untergraben und dafür der internationale Schmuggel gefördert.

Abgesehen von einer restriktiven Preispolitik mit begleitender Informations- und Öffentlichkeitsarbeit, sagt Kunze, brauche es aber auch ein verbessertes ambulantes – medizinisches wie psychologisches – Unterstützungsangebot für Menschen, die unter einer Nikotinabhängigkeit leiden.

Authentische Sprache

Österreich ist zwar kein Raucher-Billigland, dafür aber nach wie vor leider ein Raucher-Musterland mit einem Raucheranteil von über 36 Prozent der Gesamtbevölkerung, einem der höchsten Werte weltweit. Besonders alarmierend sind der hohe Anteil und der frühe Einstieg jungendlicher Raucher. 26 Prozent der Mädchen und 24 Prozent der Burschen unter 15 Jahren greifen regelmäßig zur Zigarette, ein Drittel sporadisch. Das ist trauriger Spitzenwert in Europa. Warum viele der groß angelegten und entsprechend teuren Informations- und Aufklärungskampagnen in der Vergangenheit so wenig funktioniert haben, liegt für Dr. Sebastian Bohrn Mena, Vorstand des Instituts für Sozial- und Gesundheitspsychologie (ISG) und des Vereins „Initiative für eine rauchfreie Jugend“, in der „fehlenden Authentizität in der Kommunikation“. Informationskampagnen könnten, ist Bohrn Mena überzeugt, nur dann eine bewusstseinssteigernde Wirkung entfalten, wenn sie sich der Sprache der jeweiligen Zielgruppe bedienen.

Das Wiener ISG erarbeitete mit zehn europäischen Partnern im Rahmen des EU-Forschungsprojekts ACCESS (Access Strategies for Teen Smoking Cessation in Europe) Ansätze, um Jugendlichen den Ausstieg aus dem Rauchen zu erleichtern. „Wichtige Erkenntnisse aus unserer Studie zeigen, dass der niederschwellige Peergroup-Zugang die effizienteste Herangehensweise zur Bewusstseinsbildung bei jungen Rauchern darstellt. Eine Sprache, die in der Zielgruppe nicht oder nicht authentisch ankommt, sollte dabei unbedingt vermieden werden“, wünscht sich Bohrn Mena und illustriert dies anhand eines Beispiels: „Ein Minister, der wertend über die Coolness von Rauchen spricht, wird nicht ernst genommen, da er für die Zielgruppe keine Opinion-Leader-Funktion besitzt. Sujets, die sich der Lebenswelt der jungen Raucher bedienen, wirken oftmals anbiedernd bis realitätsfern, gerade junge Menschen haben ein sehr gutes Gespür für Top-down-Versuche der Einflussnahme. Empfehlenswert sind vielmehr Bottom-up-Ansätze, welche die Peergroup von Anfang an als gestaltende Akteure involvieren.“

Ein weiteres Studienergebnis erläutert ISG Co-Vorstand Dr. Karl Bohrn: „Junge Raucher sind über die Vermittlung von positiven Botschaften sehr viel empfänglicher als für abschreckende Beispiele, welche – wie Ergebnisse von Kollegen aus Litauen am Beispiel von Schockbildern auf Zigarettenpackungen zeigen – in der Regel eher kaum nachhaltige Wirkung haben. Wie in der innovativen Gesundheitspsychologie generell gilt auch in der Suchtprävention, dass der ressourcen- und potenzialorientierte Ansatz vielversprechender ist als der normativ-strafende Zugang.“ Unterstützend zu Kampagnen sei in jedem Fall die Verstärkung von „natürlichen Barrieren“ sinnvoll, sagt Bohrn Mena. Eine beschränkte Verfügbarkeit bzw. eine Einschränkung der normativ-legitimierten Konsumräume erhöhe nicht nur den Zugangslevel zur Substanz und wirke daher abschreckend auf Erstkonsumenten, sondern unterstütze auch den Nikotinausstieg. Besonders wichtig ist aus Sicht von Bohrn Mena eine „wissenschaftlich fundierte Prävention im schulischen Setting, bevor junge Menschen in der Peergroup sozialisiert werden“. Das ISG hat speziell dafür auf europäischer Ebene das Suchtpräventionsprogramm „Unplugged“ entwickelt.

Prävention statt Kuration

Einen ähnlichen Ansatz vertritt Robert Rockenbauer von der Österreichischen Schutzgemeinschaft für Nichtraucher. Im Fokus müssen seiner Meinung nach „nicht die Raucher, sondern die Nichtraucher und hier vor allem die Kinder und Jugendlichen“ sein. Das Mittel der Aufklärungs- oder Werbekampagne sieht Rockenbauer in diesem Zusammenhang allerdings als grundsätzlich untaugliches Mittel. Vielmehr bedürfe es klarer gesetzgeberischer Maßnahmen anstelle reiner „Alibihandlungen, wie etwa einem völlig untauglichen Tabakgesetz, das dem Bürger die Kontrolle aufbürdet“.

Die Raucherlaubnis einzuschränken und Vergehen auch entsprechend konsequent zu verfolgen und zu bestrafen, muss, davon ist Rockenbauer felsenfest überzeugt, gerade im Sinne der Jugend höchste Priorität haben: „Damit wird demonstriert, dass das Rauchen immer mehr gesellschaftlich aus der Mode kommt. Wir müssen das Rauchen zur dümmsten Sache der Welt stigmatisieren, dann werden sich die Jugendlichen auf einmal fragen: Warum also damit anfangen?“ Ziel von Rockenbauer ist also eine „gesellschaftliche Ächtung“ des Rauchens.

„Die Politik aber traut sich nicht, das Rauchen als das zu bezeichnen, was es ist, nämlich volkswirtschaftlicher Schaden im höchsten Ausmaß. Das Solidaritätsprinzip darf nicht weiter missbraucht werden, indem die Rauchersucht privatisiert und die Folgeschäden sozialisiert werden. Solange die Bevölkerung und die Politik es in Kauf nehmen, dass täglich bis zu 38 Menschen wegen des Rauchens sterben und mindestens vier Menschen täglich wegen des erzwungenen Passivrauchens ihr Leben lassen müssen, ist jede Kampagne gegen das Rauchen eine Alibihandlung und eine weitere Geldvernichtung.“

Von V. Weilguni, Ärzte Woche 1/2/2012

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