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Foto: PhotoDisc
Suche nach veränderten Genen im Erbmaterial: Ob man im Fall des Falles tatsächlich erkranken wird, und wenn ja, wann, bleibt weiterhin fraglich.
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Suche nach veränderten Genen im Erbmaterial: Ob man im Fall des Falles tatsächlich erkranken wird, und wenn ja, wann, bleibt weiterhin fraglich.

 
Gesundheitspolitik 17. April 2009

Das Geschäft mit den Genen

Genanalysen sind kein Werkzeug zur Gesundheitsvorsorge.

Auch in Österreich werden inzwischen umfassende Analysen des Genoms angeboten. Ihre Aussagekraft ist mehr als zweifelhaft.

 

Vorigen Oktober kürte das Time-Magazin die Geschäftsidee des amerikanischen Unternehmens „23andme“ zur „Erfindung des Jahres 2008“. Dieses bietet um 999 Dollar (695 Euro) eine „umfassende Analyse“ des eigenen Genoms und darauf basierende Prognosen über mögliche künftige Erkrankungen an. Obwohl im Juni die kalifornische Gesundheitsbehörde mehr als 20 Unternehmen inklusive „23andme“ vorübergehend verboten hatte, solche Gentests anzubieten, scheint die Expansion auf diesem Gebiet rasch voranzugehen. So werden entsprechende Dienste auch in Europa angeboten.

Auch wenn der Suchmaschinenriese Google laufend Millionen in das Geschäftsfeld Gentests investiert, scheint das Angebot zumindest momentan nicht massentauglich. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich gibt es verschiedene Zentren, die Gentests anbieten. Ein Wiener Zentrum (Name der Redaktion bekannt) bietet Analysen für die Bereiche Urologie, Gynäkologie, Geburtshilfe, Kardiologie und Pharmakogenetik an. Gleichzeitig bringen heimische Tageszeitungen Hinweise über mögliche Vorteile von Gentests in Bezug auf die „richtige“ Ernährung, nach dem Motto: „Kenne ich meine Gene, weiß ich, was und wie ich essen soll …“

Jedem sein Testkit?

„Nur weil wir wissen, welche Gene es gibt, bedeutet das nicht automatisch, dass es detaillierte Kenntnisse über deren Funktion oder gar Fehlfunktion gibt“, sagt Dr. Hans-Christoph Duba, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Humangenetik (ÖGH). Natürlich gebe es neue Ansätze wie die DNA-Arraytechnologie, mit der aus einer Blut- oder Speichelprobe Einzelgenpolymorphismen isoliert und analysiert werden können. „Aber selbst wenn dabei Varianten festgestellt werden: Jeder Mensch ist potenziell Träger von drei bis vier Erbkrankheiten, und Varianten kommen immer wieder vor. Von diesen Analysen auf das ‚eindeutige‘ Risiko etwa von koronaren Erkrankungen zu schließen, ist schlicht unseriös.“

Ziellose Suche

Die Suche nach Krankheitsgenen erfolgt oft ohne Vorliegen von familiären Belastungen oder Symptomen. „Es wird blind in einem Buch mit 3,2 Milliarden Buchstaben geblättert (siehe Kasten). Der Mensch kann nicht auf seine Gene reduziert werden“, unterstreicht Duba. Denn das Erbmaterial korreliere mit dem Lebensumfeld, dem Lebensstil, belastenden Rahmenbedingungen und anderen nicht-genetischen Faktoren. „Es besteht bei undifferenzierten Genanalysen sowohl die Gefahr von falsch-positiven als auch von falsch-negativen Ergebnissen“, sagt Duba. Die Konsequenzen reichten von unnötiger Verunsicherung bis zur Ablehnung von Vorsorgemaßnahmen oder Änderungen des Lebensstils. Die ÖGH hat sich daher einer aktuellen Stellungnahme ihrer deutschen Schwestergesellschaft angeschlossen, die kommerzielle Analysen auf genetische Varianten scharf verurteilt.

Ein gesetzliches Vorgehen gegen Zentren wie jenes in Wien ist nicht möglich, da vieles im Graubereich angesiedelt ist. „Wichtig ist die Beratung von Patienten, wie sie durch Fachärzte für Genetische Medizin angeboten wird, wobei gerade im Bereich der Untersuchungen ungeborener Kinder ein interdisziplinäres Vorgehen wichtig ist“, so Duba. Letztlich könne es immer nur um gewisse „Wahrscheinlichkeiten“ gehen, gerade dann, wenn noch keine massiven körperlichen Veränderungen sichtbar sind.

Kasten:
3,2 Milliarden Buchstaben
1977 entwickelte der Brite Frederik Sanger das erste wirklich leistungsfähige Verfahren zur Sequenzierung der DNA – 1980 erhielt er dafür den Nobelpreis für Chemie. 1990 wurde in den USA das Human Genome Project gegründet, an dem dann über 1.000 Wissenschaftler in 40 Ländern teilnahmen. Bereits 2001 wurde die vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms verkündet. Schon in den 1960er Jahren wurde mit der Erstellung von „Online Mendelian Inheritance in Man“ (OMIM) begonnen. Die von der Johns Hopkins University (Baltimore, USA) betriebene Datenbank über die Gene des Menschen und deren Mutationen enthält momentan etwas mehr als 19.000 Einträge. Nur von knapp 3.000 Genen ist bekannt, welche Funktion sie im Körper haben, nur etwa 1.000 monogenetische Erkrankungen werden zurzeit routinemäßig genetisch untersucht.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 16/2009

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