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Foto: presse@hvb.sozvers.at
Die 22 österreichischen Sozialversicherungsträger – darunter neun Gebietskrankenkassen – sind für die Kranken-, Pensions- und Unfallversicherung zuständig. Der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger ist keine Dachorganisation, sondern

 

 
Gesundheitspolitik 17. April 2009

„Ohne Kassensanierung braucht es keine Visionen“

Hauptverbandsvorsitzender Hans-Jörg Schelling drängt auf eine Konsolidierung der Kassenfinanzen. Erst dann könne man über weitere Reformen und neue Konzepte reden.

Die Krankenkassen und das Gesundheitswesen haben weiterhin großen Reformbedarf. Bisher sind neue Ideen meist an der Kritik verschiedener Akteure im Gesundheitssystem gescheitert. Die Ärzte Woche fragt in einer neuen Serie alle Stakeholder im Gesundheitswesen nach ihren Rezepten und konfrontiert sie mit Kritik an ihnen.

Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger soll bis zum Sommer Vorschläge für Reformen im Gesundheitswesen ausarbeiten. Sie sind unter anderem Bedingung für die von der Regierung versprochene Hilfe für die defizitären Kassen. Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) hat in der Zwischenzeit einen Gesetzesentwurf zur kurzfristigen Liquiditätssicherung im heurigen Jahr zur Begutachtung ausgeschickt. Darin ist die Verteilung von 30 bis 50 Millionen Euro enthalten, wie beispielsweise die Auflösung des Ausgleichsfonds für Katastrophenfälle, die weitere 42 Millionen bringen soll. Hauptverbandsvorsitzender Mag. Dr. Hans-Jörg Schelling sieht die Konsolidierung der Finanzen im Ärzte-Woche-Interview als Voraussetzung für neue Wege.

In der Diskussion um Reformen ist die Kritik an den Krankenversicherungen und am Hauptverband vielschichtig. Ein Vorwurf lautet, dass die Verwaltungskosten zu hoch sind. Was antworten Sie darauf?

Schelling: Die Verwaltungskosten liegen unter drei Prozent. Während der Verwaltungsaufwand zwischen 1999 und 2006 um 5,2 Prozent gesunken ist, war die Inflation im selben Zeitraum bei fast 15 Prozent. Man wird sicher noch Synergiepotenziale nutzen, das wird in Summe die Kassen aber nicht sanieren.

Bleiben wir bei den Kritikern der Kassen: Manche behaupten, dass den Versicherungen mehr Wettbewerb gut tun würde. Sehen Sie das auch so?

Schelling: Zuerst brauchen wir einheitliche Qualitätsstandards. Verbesserungen in der Qualität sind der beste Treiber für mehr Wettbewerb. Dazu brauchen wir Transparenz der Leistungen, damit die Versicherten bessere Entscheidungsgrundlagen bekommen.

Vorwurf drei kommt vor allem aus der Industrie und lautet: „Die Defizitprognosen der Kassen sind ungenau und zielen nur darauf ab, zusätzliche Mittel zu bekommen.“ Stimmt das?

Schelling: Die Prognosen unterliegen zum einen Vorschriften der Rechnungsabschlüsse und der Gebarungs-Vorschaurechnungen. Dazu kommen nicht-zeitgenaue Zahlungen, die zum Teil über die Jahresabschlüsse hinausgehen. Eine bewusst falsche Prognose durch die Träger schließe ich kategorisch aus.

Statt zu sparen, wollen die Kassen immer nur mehr Geld – noch eine oft gehörte Kritik.

Schelling: Wir haben einen klaren Auftrag, nur ausgabenseitig zu sanieren, und werden dem auch nachkommen.

Die Industrie wirft Ihnen vor, dass Sie bei Arzneimitteln sparen und so den Zugang zu innovativen Produkten gefährden.

Schelling: Bei einer jährlichen Steigerung der Medikamentenkosten von acht Prozent kann wohl von Sparen keine Rede sein.

Genug über Kritik geredet. Woran krankt es Ihrer Meinung nach im österreichischen Gesundheitssystem eigentlich?

Schelling: Es gibt zu viele Kompetenzen und zu viele Schnittstellen, die das System ineffizient machen. Wir brauchen eine zentrale Planung und Steuerung, die Finanzierung aus einem Topf und eine bedarfsorientierte Vernetzung des extra- und intramuralen Bereichs.

Wie kann diese Finanzierung aus einer Hand sinnvoll umgesetzt werden?

Schelling: Wir müssen zuerst das Bewusstsein erzeugen, dass sie Sinn macht. Ich spreche daher von der Finanzierung aus einem Topf – und nicht aus einer Hand. Denn bei Letzterem wollten alle die Hand sein, niemand aber den Topf herstellen. Wir versuchen nun mit wissenschaftlicher Begleitung die Notwendigkeit, die Sinnhaftigkeit und die Umsetzbarkeit bis Mitte des Jahres zu dokumentieren. Die auf die Länder zukommenden größeren Belastungen in der Spitalsfinanzierung bei gleichzeitig temporär weniger Geld aus dem Finanzausgleich – durch die geringeren Einnahmen des Bundes infolge der wirtschaftlichen Turbulenzen – werden hoffentlich auch dort früher als geplant zu einem Umdenken führen.

Was sind für Sie die Herausforderungen in den kommenden Jahren?

Schelling: Wir müssen zuerst die Finanzsituation konsolidieren und stabilisieren. Und wir brauchen neue Angebotsmodelle ebenso wie mehr Selbstverantwortung der Versicherten für Vorsorge und Prävention. Wir haben eine älter werdende Gesellschaft, den medizinischen Fortschritt und immer neue Medikamente: das alles sind Kostentreiber, denen wir mit Effizienzsteigerung entgegentreten müssen, wenn wir das gute System, das wir haben, nachhaltig sichern wollen.

Welche Visionen haben Sie für das Gesundheitssystem? Wo sind die Schlüsselbereiche für Reformen?

Schelling: Wenn wir die Finanzkonsolidierung nicht schaffen, brauchen wir bald keine Visionen mehr. Wenn das gelingt – wovon wir ausgehen –, brauchen wir in Zukunft einen ganzheitlichen Ansatz der Versorgung, die Finanzierung aus einem Topf, mehr Wettbewerb durch Qualität und neue Versorgungsformen. Dazu eine Vereinheitlichung des Leistungsrechts und der Leistungspflichten.

Wie sollen diese neuen Versorgungsformen aussehen?

Schelling: Zum einen gibt es die Möglichkeit von Gruppenpraxen, zum anderen denke ich an medizinische Versorgungszentren. Wenn es gelingt, aus einem Topf zu finanzieren, macht es vielleicht Sinn, in manchen Bereichen Praxen und Spitäler zusammenzuspannen.

Das Gespräch führte Martin Rümmele

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie Stakeholder im Gesundheitswesen:

Im Interview Mag. Dr. Hans-Jörg Schelling, Verbandsvorsitzender im Hauptverband der Sozialversicherungsträger: "Ohne Kassensanierung braucht es keine Visionen"

Im Interview Dr. Hubert Dreßler, Präsident der Pharmig Österreich: "Alle Zusatzzuckerln nur über Zusatzversicherung"

Im Interview Mag. pharm. Heinrich Burggasser, Vorstand der Österreichischen Apothekerkammer: "Zu viele Seiten reden mit"

Im Interview Dr. Walter Dorner, Präsident der Österreichischen Ärztekammer: "Nein, die Ärztekammer ist nicht reformresistent"

Im Interview Mag. Monika Maier, Sprecherin der ARGE Selbsthilfegruppen Österreich: "Ein Gesamtbudget ist unbedingt notwendig"

Im Interview Dr. Otmar Peischl, Obmann des Generikaverbands: "Gleicher Zugang für alle zum Gesundheitssystem"

Im Interview Mag. Christoph Sauermann, Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI): "Daumenschrauben für den Föderalismus"

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Zur Person

Mag. Dr. Hans-Jörg Schelling, Verbandsvorsitzender im Hauptverband der Sozialversicherungsträger


Der gebürtige Vorarlberger und gelernte Marketing- und Kommunikationsexperte (Betriebswirtschaftsstudium und Universitätsassistent am Universitätsinstitut für Handel, Absatz und Marketing an der Universität Linz) arbeitete von 1981 bis 1990 in der Leiner/Kika Unternehmensgruppe – die letzten drei Jahre davon als deren Geschäftsführer. Seit 1990 ist er Unternehmensberater. Von 1992 bis 2005 war er zudem Geschäftsführer der XXXLutz GmbH in Wels. Danach wechselte er in deren Aufsichtsrat. Schelling ist Mitglied des Fachgruppenausschusses der Unternehmensberater in der Wirtschaftskammer und zudem Vizepräsident der Wirtschaftskammer Österreich. Vom 1. Mai bis 31. Dezember 2008 war er Obmann der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt.
Info: www.sozialversicherung.at

Von Martin Rümmele, Ärzte Woche 16/2009

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