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Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
Bund und Land schieben sich die Kompetenzen zu, das Feinstaubproblem bleibt.
Foto: beigestellt

Dr. Heinz Fuchsig
Arbeits- und Umweltmediziner

 
Gesundheitspolitik 5. Dezember 2011

Zu viel Staub

Österreich stöhnt unter einer massiven Feinstaubbelastung jenseits aller Grenzwerte.

Das Augenmerk der Umweltmedizin sollte jedoch eher den gefährlicheren ultrafeinen Staubpartikeln gelten, als lediglich den PM10. Es besteht dringender Handlungsbedarf.

Das kalte, trockene Herbstwetter ließ in den letzten Tagen vor allem in den Ballungszentren im Osten des Landes die Feinstaubmessgeräte ausschlagen. Während anderswo gehandelt wurde, ob autofreie Tage in Italien oder die Errichtung von Umweltzonen in Deutschland, wollten in Österreich die Bundesländer den Umweltminister zu einem Krisengipfel verpflichten, während dieser postwendend auf die Zuständigkeit der Länder verwies. Politischer Alltag also in diesem Land.

Aber nicht nur unsere Volksvertreter sind sich uneins, auch die „Experten“ bewerten mögliche Maßnahmen jeweils nach den Auswirkungen auf ihre Klientel. Verkehrsexperten der Autofahrerklubs wollen lieber beim Hausbrand und LKW-Verkehr als beim Individualverkehr ansetzen, „grüne“ Experten würden gerne städtischen Autofahrern durch Verbotszonen oder finanzielle „Argumente“ die öffentlichen Verkehrsmittel schmackhaft machen – und so weiter und so fort. Einig sind sich alle nur darin: Feinstaub stellt ein Gesundheitsrisiko dar. Worin dieses besteht und wie man es zumindest abschwächen könnte, damit setzt sich der Tiroler Arbeits- und Umweltmediziner Dr. Heinz Fuchsig seit Jahren auseinander.

Sie halten bei der Messung der Feinstaubpartikel den PM10-Wert aus medizinischer Sicht für nicht ausreichend. Warum?

Fuchsig: Zahlreiche Studien zeigen, dass PM10 – weil es ein reines Gewichtskriterium ist, das weder Oberflächengröße noch Zusammensetzung der Partikel berücksichtigt – zur Abschätzung der Gesundheitsauswirkungen nicht ausreicht. Solange aber PM10 gilt, werden sich alle Behörden nur darauf konzentrieren, PM10 zu reduzieren, und merken nicht, wie der Anteil der besonders gefährlichen Ultrafeinen ständig steigt. Dann feiern wir Erfolge, obwohl für die Gesundheit nichts erreicht wurde. Moderne Transit-LKW EURO 5 beispielsweise emittieren nur mehr ultrafeine Partikel (UFP). Eine Million solcher UFP von 50 nm haben dieselbe Masse wie eines von 5 µm, aber die hundertfache Oberfläche: Ein Prozent der Masse stellt 80 Prozent der Oberfläche. Wenn ich also große Partikel nicht mehr erzeuge, habe ich immer noch 95 bis 99 Prozent der Oberfläche. Versuche der ETH Zürich haben gezeigt, dass die Partikelzahl beim LKW EURO 5 gegenüber dem EURO 3 trotz einer Reduktion von PM10 auf zehn Prozent gleich bleibt. PM10 ist also kaum geeignet, etwas über die Oberfläche der Partikel auszusagen und schon gar nicht über deren Zusammensetzung. Wir haben zum Beispiel durch die Absenkung des Schwefels im Diesel weniger Wasseranlagerung und damit leichtere Partikel, also eine „erfreuliche Senkung von PM10“ durch Entfernung des angelagerten Wassers – allerdings leitet sich daraus kein Nutzen für die Gesundheit ab.

Die EU hat das Gott sei Dank begriffen und verlangt bei EURO 6 nicht nur ein Gewichts-, sondern auch ein Zähllimit. Das macht Sinn, bei Asbest etwa wird auch nicht gewogen, sondern da zählt man die Fasern pro cm³. In den USA muss seit 1998 PM 2,5 gemessen werden – damit erfasst man die Gesundheitseffekte bereits dreifach genauer. Die EU ist da erst am Anfang.

Zurück zur aktuellen Situation in Österreich. Welche Sofortmaßnahmen schlagen Sie vor, um die Feinstaubbelastung zu reduzieren?

Fuchsig: Ich würde öffentliche Verkehrsmittel bei Grenzwertüberschreitungen gratis anbieten, weil besonders die Kurzstreckenfahrten mit dem Auto im Einatembereich der Bevölkerung viel emittieren. Eine Low Emission Zone – auch „Umweltzone“ – mit Sperre für LKW niedrigerer Stufen macht für mich erst ab einer weiten Verbreitung von EURO 6-LKW Sinn. Auch ein IG-L Tempolimit 100 macht Sinn, allerdings nur für Dieselfahrzeuge ohne Filter. LKW-Tempo 80 müsste schärfer kontrolliert werden.

Wie kann sich die Bevölkerung aktiv schützen?

Fuchsig: Bei unvermeidbaren Fahrten im Stoßverkehr und hinter LKW sollten Autofahrer auf Umluft schalten, maximal zehn Minuten am Stück. Gelüftet wird am besten nachmittags, weil zu dieser Tageszeit die geringste Inversion, die geringsten Heiz- und Verkehrsabgase sowie der geringste Verlust an Luftfeuchtigkeit gegeben sind. Zudem sollte man für eine Luftfeuchtigkeit von über 40 Prozent sorgen, feucht wischen oder Staub saugen mit HEPA-Filter, anstatt zu kehren und auf zusätzliche Staubquellen wie Räucherstäbchen, Kerzen, Zigaretten oder auch scharfes Braten verzichten.

Was wären aus Ihrer Sicht sinnvolle Maßnahmen, um die Situation nachhaltig zu verbessern?

Fuchsig: Es gibt am Markt bereits Dieselpartikelfilter von 15 verschiedenen Herstellern, die mehr als 99 Prozent der Partikel aller Größenklassen herausfiltern, ohne gefährliche Sekundärschadstoffe zu generieren. Beim PKW ist das – auch durch Insistieren der Ärztekammer – seit 2003 mit dem Bonus-/Malus-System für Filter langsam zum Standard geworden. Das Problem hat also ein Ablaufdatum mit der Erneuerung der Fahrzeugflotte. LKW, Busse und Baufahrzeuge sind erst in Vorzeigefällen – etwa die Innsbrucker Verkehrsbetriebe seit 2003 – für Tunnelbaustellen oder andere Spezialanwendungen damit ausgestattet. Hier brauchen wir Bestimmungen wie in der Schweiz, wo 15.000 Baufahrzeuge nachgerüstet wurden, oder in Santiago de Chile, wo dies mit den 3.000 städtischen Bussen geschehen ist. Der Alpenraum könnte zum Initiator für eine breite LKW-Nachrüstung mit Partikelfiltern werden. Transit-LKW legen lange Strecken zurück und werden rascher ausgetauscht. Wir könnten schon 2015 eine Mehrheit von EURO 6-Fernlastern auf den Transitstrecken haben. Wenn Low Emission Zones auch die gesundheitswirksame Oberfläche oder Partikelzahl beinhalten, wären auch hier gute Maßnahmen machbar. Die Ärztekammer hat dafür entsprechende Empfehlungen für eine Kennzeichnungsverordnung abgegeben, die sich am vorbildlichen Schweizer Modell orientieren.

Sie haben mehrfach davor gewarnt, dass Feinstaubpartikel auch unterhalb der geltenden Grenzwerte gesundheitliche Folgen haben können.

Fuchsig: Ja, es existiert keine unschädliche Grenze, auch wenn mehr natürlich immer schädlicher ist. Während Stickstoffdioxid ein dosisabhängiges Reizgas ist, gehen Partikel ins Blut und über den Riechnerv ins Gehirn. Der epidemiologisch bewiesene Hauptschaden ist die Auslösung von Entzündungsmediatoren und eine erhöhte Gerinnbarkeit des Blutes, also eine erhöhte Inzidenz von Herzinfarkt und Schlaganfall – und zwar auch noch Tage nach der Schadstoffperiode. Die Wirkung in anderen Organen ist großteils noch unerforscht. Feinstaubpartikel stehen aber im Verdacht, Krebs auszulösen, wobei es sich dabei um einen eher seltenen Effekt handeln dürfte. Auch die Rolle bei der Allergieentstehung und -auslösung ist nicht allein mit linear-toxischen Regeln zu beschreiben.

 

Das Gespräch führte Volkmar Weilguni
, Ärzte Woche 48 /2011

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