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Gesundheitspolitik 23. November 2011

Innsbruck: Klinik unter Druck

Ärzte, Schwestern und Pfleger meinen ihr Bestes zu geben, trotzdem passieren immer wieder schwerste Fehler. Wie ist das möglich?


Kinderklinik Innsbruck: Wie aus einer medizinischen Vorzeigeeinrichtung eine „Skandalklinik“ wurde und wie man jetzt den Turnaround schaffen will. Die Stimmung an der Kinderklinik Innsbruck ist angespannt. Ärzte und Pflegepersonal leiden unter den massiven Vorwürfen, denen sie sich nach dem tragischen Tod einer dreijährigen Patientin gegenübersehen.

Das Mädchen war nach einer Sedierung mit Propofol über 46 Stunden an einem Multiorganversagen gestorben. Das Narkosemittel Propofol ist allerdings für eine Sedierung über eine längere Zeit von Kindern unter 16 Jahren gar nicht zugelassen. Im Rahmen nach wie vor laufenden Untersuchungen hat sich jedenfalls der Verdacht erhärtet, dass eine sehr seltene Nebenwirkung des Narkotikums zum Tod des Kindes geführt haben könnte. Die Vorwürfe gegenüber den Verantwortlichen der Kinderklinik kamen daraufhin von allen Seiten – und sie kamen heftig: Von betroffenen Eltern, die von einer „endlosen Fülle von Behandlungsfehlern“ sprechen; vom Landeshauptmann, der meint, die Ausgliederung der MedUni aus der Stamm-Uni sei ein Fehler gewesen; von der Oppositionsbank, die sich einem „Scherbenhaufen“ gegenübersieht; von der Spitalsführung, die langjährige Strukturprobleme zwar schon längst identifizieren, aber aufgrund endlos langer Behördenwege bisher noch nicht beseitigen konnte; von den Medien, die ein Krisenmanagement beklagen, das reflexartig hinterherhechelt, statt die Aufklärung offensiv voranzutreiben; und nicht zuletzt von der Staatsanwaltschaft, die nicht nur den aktuellen „Fall“ untersucht, sondern im Zuge dessen auch andere ungeklärte Todesfälle überprüft.

Die fünf Klinikchefs am Department für Kinder- und Jugendheilkunde sahen sich aufgrund des enormen Drucks auf ihre Mitarbeiter daher veranlasst, einen Brief an diese zu schreiben, in dem sie ihre Betroffenheit darüber ausdrücken, wie die medizinische Arbeit dargestellt werde. Die aggressiven Vorwürfe und Vorverurteilungen in der Öffentlichkeit würden, so ist in dem Brief zu lesen, das Vertrauen zwischen Patienten, Ärzten und den Eltern nachhaltig schädigen: „Wir sind fest davon überzeugt, dass Sie jeden Tag Ihr Bestes geben.“

Fehler mit System

Was die Situation am Innsbrucker Kinderklinikum so besonders problematisch macht, ist die Tatsache, dass tragische Vorfälle wie zuletzt nicht mehr mit „individuellen Fehlern“ oder einer „Aneinanderreihung unglücklicher Umstände“ erklärt werden können. Dazu ist im Laufe der vergangenen Jahre zu viel passiert. Und wenn auch jetzt im Zuge der medial unvermeidlichen Unschärfen und plakativen Übertreibungen in der Darstellung der Ereignisse so manch Ungeklärtes als erwiesen und Anschuldigungen als Tatsachen durcheinandergemischt werden – was bleibt, ist das Gefühl, dass in Innsbruck individuelles Fehlverhalten nicht nur nicht wirkungsvoll verhindert werden konnte, sondern eher noch durch mangelhafte Bedingungen begünstigt wurde. Dafür spricht letztendlich auch, dass jetzt, wo die Tragödie Realität geworden ist, die Stimmen scheinbar endlich Gehör finden, die schon seit Langem vor den Problemen warnen, und Verbesserungsvorschläge offenbar seit geraumer Zeit auf dem Tisch liegen, ohne bisher zu entsprechenden Konsequenzen geführt zu haben. So betonte etwa die ärztliche Direktorin Alexandra Kofler in einem ORF-Interview, dass sich die Führung aufgrund zweifellos vorhandener Probleme bereits vor einem Jahr auf eine neue Struktur der Kinderklinik geeinigt hätte, die aber vom Unirat erst abgesegnet werden müsse. Als wesentliches Problem ortete Kofler dabei die nur interimistisch installierte Führung, die neben ihrer Leitfunktion auch Nachtdienste und alles Dazugehörige machen müsste. Da komme man dann irgendwann zwingend an seine Grenzen, erklärte Kofler. Auch Tilak-Vorstand Andreas Steiner bestätigte gegenüber der Tiroler Tageszeitung, dass seit 2010 intensive Analysen und 150 Interviews mit den Mitarbeitern gemacht und „im April gemeinsam mit der Medizin-Uni ein Strukturpaket beschlossen“ wurden.

Das Interview beendete Steiner mit einem Versprechen: „Verzögerungen werden wir nicht mehr akzeptieren. Wir sind wild entschlossen, die Strukturreformen jetzt umzusetzen.“

Und wie es aussieht, folgen den Worten unverzüglich auch die längst überfälligen Taten. Nur wenige Stunden nach dieser Ankündigung legten die Verantwortlichen – Tilak-Vorstand Andreas Steiner, MedUni-Rektor Herbert Lochs und die Ärztliche Direktorin der Klinik, Alexandra Kofler – im Rahmen einer Pressekonferenz ein Maßnahmenpaket auf den Tisch, das neben nachhaltigen Strukturänderungen auch Akutmaßnahmen umfasst, mit deren Umsetzung sofort begonnen werden sollte. Die wesentlichen Punkte des Konzeptes sind: Eine zentrale Diensteinteilung soll der Führung die Möglichkeit bieten, Mitarbeiter schnell und unbürokratisch dort einzusetzen, wo Ressourcen benötigt werden. Die Ambulanz an der Kinderklinik wird aufgestockt, es wird also mehr Fachärzte geben. Auf der Kinderintensivstation wird dauerhaft ein Kinderkardiologe eingesetzt. Das Beschwerdemanagement und die Koordination zwischen den Kliniken soll verbessert, besser dokumentiert und auch kontrolliert werden. Es wird einen regelmäßigen Jour fixe des Beschwerdemanagements geben. Dieses soll zudem durch eine intensive Zusammenarbeit mit der unabhängigen Tiroler Patientenvertretung verbessert werden.

Übergangsberufung

Bereits im ersten Quartal 2012 soll die neue Struktur von einer „Übergangsberufung“ umgesetzt werden. Diese lediglich für rund zwei Jahre interimistische Besetzung – bis die Ausschreibung für eine langfristige Leitung überdauert ist – soll in dieser Zeit das Strukturkonzept Schritt für Schritt realisieren. MedUni-Rektor Lochs will diese Aufgabe einer „außenstehenden unbelasteten“ Person übertragen. Kandidaten dafür hätte er schon identifiziert und auch schon Sondierungsgespräche mit manchen von ihnen geführt. Konkrete Namen wollte Lochs vorerst aber noch nicht nennen.

Für eine nachhaltige Verbesserung – eine Voraussetzung, um das ramponierte Image der Kinderklinik wieder herzustellen – braucht es über dieses Krisenmanagement hinaus aber vor allem auch langfristige Lösungen auf der Führungsebene. Diese Lösungen zu finden und kompetente Persönlichkeiten nach Innsbruck zu locken, wird eine große Herausforderung für die Trägerinstitutionen. Dessen ist sich auch Direktorin Kofler bewusst: „Der Ruf der Kinderklinik ist kein guter und in einen Scherbenhaufen reinzugehen, wird sich nicht so schnell jemand antun.“

Der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg zeigte sich mit dem Konzept zufrieden und begrüßte in einer ersten Reaktion die angekündigten Maßnahmen: „Durch die vorgestellten Struktur- und Qualitätsmaßnahmen wird die Innsbrucker Kinderklinik wieder hinaus aus den Schlagzeilen und hinein in eine geordnete medizinische Versorgung auf höchstem Niveau gebracht.“

Damit dieses Ziel eines Tages auch tatsächlich erreicht wird, müssen Führungsgremien und medizinische Kollegenschaft gemeinsam an einem Strang ziehen. Wenn das gelingt und wenn es am Ende tatsächlich zu einem Schulterschluss aller Kräfte kommt, dann war der Tod des dreijährigen Mädchens um nichts weniger tragisch – aber vielleicht hat er am Ende zumindest etwas Positives bewirkt.

Von V. Weilguni, Ärzte Woche 47 /2011

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