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Foto: Privat
Dr. Josef W. Egger will an der MedUni Graz die kommunikative Kompetenz angehender Ärzte verbessern.
 
Gesundheitspolitik 9. November 2011

Adherence statt Compliance

Der klinische Psychologe Dr. Josef W. Egger erhielt an der MedUni Graz die erste Professur für „Biopsychosoziale Medizin in der Lehre“.

In Graz wurde vor Kurzem der erste Lehrstuhl für „Biopsychosoziale Medizin in der Lehre“ in Österreich eingerichtet. Prof. Dr. Josef W. Egger erklärt, warum der Arztberuf im Kern ein kommunikativer Beruf ist und welche Vorteile die „sprechende Medizin“ für Patienten und Ärzte mit sich bringt.

Warum wurde gerade in Graz der Lehrstuhl für „Biopsychosoziale Medizin in der Lehre“ eingerichtet?

Egger: Weil die MedUni Graz in ihrem Leitbild dem biopsychosozialen Modell folgt. Es wurde eine Studienordnung entwickelt, in der die wesentlichen Aspekte dieses Modells zum Tragen kommen. Der Lehrstuhl stellt quasi einen sichtbaren, formalen Schritt innerhalb dieses Prozesses dar.

Wofür steht das Modell der Biopsychosozialen Medizin?

Egger: Der Mensch steht in seiner Ganzheit im Zentrum, als ein biologisches Wesen, das denkt, fühlt und in einer sozialen, ökonomischen und ökologischen Umwelt agiert. Bisher war das biomedizinische Modell bestimmend, das den Menschen im Wesentlichen als eine komplexe „Maschine“ begreift. Ein Modell, das in vielen Bereichen erfolgreich ist, aber dennoch zu kurz greift, weil es den Menschen als Subjekt außen vor lässt. Der biopsychosozialen Medizin geht es darum, Leib und Seele zusammenzuführen, denn jeder psychologische Prozess ist immer auch ein physiologischer Vorgang. Die bisher vorherrschende Psychosomatik konnte diesen Zusammenhang nicht ausreichend erklären. Dem aktuellen Modell der Körper-Seele-Einheit entsprechend kann der Mediziner „Wort“, „Arznei“ und „Messer“ als therapeutische Werkzeuge parallel nutzen.

Kommunikation ist in diesem Modell demnach ein zentraler Begriff?

Egger: Ja. Wir können auf zahlreiche wissenschaftliche Studien zurückgreifen, die nachgewiesen haben, dass Kommunikation nach wie vor das wichtigste Handwerkszeug des praktizierenden Arztes ist. Im Rahmen der Diagnose etwa können 50 Prozent aller Beschwerden und Erkrankungen mithilfe eines guten Anamnese-Gesprächs erkannt werden, weitere 30 Prozent durch eine körperliche Untersuchung. Nur für 20 Prozent braucht der Arzt auch technische Hilfsmittel. Immer öfter begleitet der Arzt auch Prozesse, wo es nichts mehr zu reparieren gibt, weil die Ingenieursmedizin an ihre natürlichen Grenzen stößt, denken Sie nur an die zunehmende Zahl chronischer Erkrankungen oder an die Sterbebegleitung. Da braucht es besonders kommunikative bzw. psychosoziale Kompetenz. Wenn wir Jungärzte darin nicht entsprechend schulen, verlieren wir viel Potenzial für ärztliches Handeln.

Stichwort „mündiger Patient“: Hat sich die Arzt-Patienten-Kommunikation verändert, seit der Arzt nicht mehr nur als „Gott in Weiß“ begriffen, sondern auch kritisch hinterfragt wird?

Egger: Zweifelsohne. Es ist ja inzwischen so, dass der Patient nicht nur ein moralisches, sondern auch ein gesetzliches Recht hat, über seine Krankheit umfassend informiert zu werden. Die Information an sich sollte heute selbstverständlich sein, es muss darüber hinaus aber auch gelingen, die Patienten durch kommunikative Kompetenz mit ins Boot zu holen, sie teilhaben und mitentscheiden zu lassen im Therapieprozess. Das hebt die Erfolgschancen signifikant. So konnte etwa nachgewiesen werden, dass die Therapietreue von Patienten, die sich gut aufgeklärt und auch emotional verstanden fühlen, überdurchschnittlich gut ist. Wenn man dann bedenkt, dass rund die Hälfte aller verschriebenen Medikamente gar nicht oder nicht richtig eingenommen wird, dann wird schnell klar, wie wichtig ein gemeinsam erarbeitetes Krankheitsverständnis nicht nur für den Patienten selbst ist, sondern auch von volkswirtschaftlichem Nutzen. Wir wollen von einer verordneten Therapietreue – der Compliance – zu einer gemeinsam verhandelten Therapiestrategie – also Adherence – kommen, weil damit das Gelingen der Therapie sowohl auf den Schultern des Arztes wie des Patienten liegt, was die Heilungschancen signifikant verbessert.

Worin unterscheiden sich Compliance und Adherence?

Egger: Während bei Compliance der Arzt als Experte dem Patienten sagt, was zu tun ist und dieser sich in der Folge an die Therapievorgaben zu halten hat, steht Adherence für das gemeinsame Festlegen eines –individuell angepassten – optimalen Therapieplans durch Arzt und Patienten sowie dem Einverständnis, diesen Plan bestmöglich einzuhalten. Es geht darum, den größten gemeinsamen Nenner zu finden zwischen dem, was medizinisch notwendig ist, und dem, was der Patient für sich selbst auch als sinnvoll oder zumindest als zumutbar empfindet. Es geht im Prinzip um ein gemeinsames Verhandeln, ein mitverantwortetes Erarbeiten und Akzeptieren von Therapierichtlinien.

Wie weit spielt die kommunikative Kompetenz in Arzt-Arzt-Beziehungen eine tragende Rolle?

Egger: De Zeit der einsamen Entscheidungen ist so gut wie vorbei. Informative Netzwerke werden in der Medizin immer wichtiger, allein schon aufgrund der zunehmenden Komplexität. Will ich Erfolg haben, bin ich auf die Kooperation und Mitarbeit meiner Kollegen angewiesen. Kooperationen und Netzwerke aber leben durch Kommunikation. Wenn also jemand ausreichende zwischenmenschliche, empathische Kompetenz entwickelt hat, dann ist das jedenfalls eine gute Basis, die sich auch in Arzt-Arzt-Beziehungen nützen lässt.

Wie sieht die Schulung der kommunikativen Kompetenz an der MedUni Graz im Detail aus?

Egger: Im Rahmen ihres Studiums an der MedUni Graz erhalten Studierende theoretische, aber vor allem auch praxisorientierte Inhalte in vier Lehrveranstaltungsreihen und etwa 100 Ausbildungsstunden vermittelt. Das ist im Vergleich zur alten Studienordnung eine bedeutsame Verbesserung und bisher auch ein Alleinstellungsmerkmal unserer Universität. Den Einstieg bildet die Seminarreihe „psychosoziale Medizin“, wo es um die Grundlagen für eine professionelle Arzt-Patient-Kommunikation geht. Später folgen die Seminarschienen „Ethik in der Medizin“, wo unter anderem Fragen gestellt werden wie: Wie gehe ich mit medizinischen Grenzbereichen um? Kann/soll ich alles tun, was möglich ist, und wovon hängen diese Entscheidungen ab? In der Seminarschiene „Psychotherapeutische Medizin“ geht es unter anderem um das Erreichen von optimierter Adherence und um das professionelle Übermitteln von schwerwiegenden, unter Umständen lebensbedrohenden Diagnosen etc. In einer vierten Ausbildungsrunde des studienbegleitenden Moduls „Kommunikation, Supervision, Reflexion“, „Gesundheitspsychologische Aspekte des ärztlichen Berufs“, unterrichten erfahrene Praktiker in Kleingruppen, wie man diesen Beruf über Jahre ausüben kann, ohne dabei selbst in ein Burnout zu geraten. Was braucht es, um selber gesund zu bleiben und später nicht bei Erschöpfung, Zynismus oder Drogenkonsum zu landen?

Was würden Sie sich abschließend wünschen?

Egger: Mein Wunsch an die Studierenden ist, dass sie sich auf das Erlebnis einlassen, was eine gute kommunikative Kompetenz bewirken kann – nicht nur für die Patienten, sondern auch für sie selbst. Von den Kollegen wünsche ich mir den Ausbau von Zusammenarbeit, es geht hier um die Bündelung unserer Kräfte für das gemeinsame Ziel einer guten, zukunftsorientierten Ausbildung. Und von der Gesellschaft bzw. den Leistungsträgern wünsche ich mir, dass sie die „sprechende Medizin“ als wesentlichen Bestandteil der medizinischen Leistungspalette ernst nimmt. Im Moment ist sie – was die Honorierung anbelangt – relativ zur Apparatemedizin stark unterbewertet. Wenn es uns besser gelingt zu vermitteln, dass der Arztberuf im Kern ein kommunikativer Beruf ist, könnte sich hier zukünftig manches zum Positiven verändern.

 

Das Gespräch führte Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 45 /2011

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