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Fehlervermeidung und damit die Sicherheit von Patienten sowie die Qualität von Prozessen gewinnen an Aktualität.
 
Gesundheitspolitik 5. November 2011

Sicherheitstraining mit Patientenhilfe

Gerade unter ökonomischen Zwängen muss die Behandlung im Spital auf hohem Niveau bleiben. Das Zauberwort heißt „Patient Empowerment“

„Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten“, wusste schon der chinesische Philosoph Konfuzius, und auch Cicero mahnte, dass jeder Mensch irren kann, aber nur Dummköpfe im Irrtum verharren. Stress, Hektik, Überforderung, Zeitdruck und Personalmangel machen oft ganz einfache Routineaufgaben zu mehr oder weniger fehlerbehafteten Arbeitsprozessen.

Nicht immer bleibt die Konsequenz eines Fehlers Sache des Einzelnen. Weitaus mehr Tragweite haben Fehler, die im Job gemacht werden, wenn es sich um sehr sensible Branchen handelt. Dazu zählen etwa der Flugverkehr, die Medizin oder das Arbeiten mit gefährlichen Stoffen, wie es in der chemischen Industrie an der Tagesordnung ist. Hier kann ein einziger, nur kleiner Fehler enorme Folgen mit großer Tragweite nach sich ziehen.

Irren kann tödlich sein

Kein Wunder, dass gerade in der Medizin die Fragen nach Patientensicherheit und mehr Qualität im Hinblick auf die Behandlung – im Sinne von weniger Fehlern – ein zunehmend wichtiges Thema werden, das Ärzte, Pflege und die Gesundheitspolitik gleichermaßen beschäftigt. Mit CIRS zeigen viele heimische Spitäler, die auf ein strukturiertes Risikomanagement setzen, wie das in der Praxis auch funktionieren kann. Die Anwendung einer offenen Fehlerkultur im Krankenhaus erhöht zweifellos die Patientensicherheit und lässt Komplikationsraten und Haftungsansprüche sinken. Besonders für junge Mediziner versteckt sich hinter dieser Vorgangsweise zudem auch enormes Lernpotenzial: „Das ist genau der Puzzlestein, der mir in der Ausbildung und im Turnus immer gefehlt hat. Aus den beschriebenen Fällen kann ich am meisten lernen und die aufgezeigten Fehler werden mir bestimmt nicht passieren“, erklärt Johanna S., Turnusärztin aus Niederösterreich.

Das für heimische Spitäler verwendete Fehlermeldesystem heißt „CIRS“ – Critical Incident Reporting System – und ist ein Berichtssystem zur – meist anonymen – Meldung von kritischen Ereignissen (critical incident) und Beinahe-Schäden (near miss) in Einrichtungen des Gesundheitswesens. Wie wichtig es ist, die Fehlerkultur unter Ärzten zu verbessern, verdeutlicht beispielsweise das seit 2004 in Deutschland existierende Medizinersystem auf www.jeder-fehler-zaehlt.de. Es beinhaltet bisher etwa 600 Fehlermeldungen und rund 2.000 Kommentare dazu. Immerhin eine beachtliche Zahl von 6.000 Ärzten und ihre Mitarbeiter sehen sich die Berichte Monat für Monat an!

Qualität hat seinen Preis

„Gerade in ökonomisch angespannten Zeiten ist es notwendig, den Fokus auf die Qualität der medizinischen Versorgung sowie die Patientensicherheit in Österreichs Krankenhäusern zu legen“, waren sich die Experten einig, die kürzlich im Wiener AKH einmal mehr zum Spannungsfeld der Spitäler zwischen Kostendruck und Qualität diskutierten. „Wenn wir von Geld sprechen, darf dabei der Fokus der Patientensicherheit nicht aus den Augen gelassen werden, geht es doch dabei um eine der essenziellsten Aufgaben unseres Gesundheitssystems“, betonte Dr. Brigitte Ettl, Obfrau der Plattform Patientensicherheit.

Nicht umsonst wird das Thema, dessen sich die Plattform angenommen hat, nicht nur in Österreich, sondern auch im internationalen Feld heftig diskutiert. Die Plattform Patientensicherheit, die sich aus medizinischen und wissenschaftlichen Experten zusammensetzt, wurde 2008 gegründet. Schwerpunkt der Arbeit ist die Erarbeitung von praxisrelevanten Empfehlungen für Krankenhäuser. Im Mittelpunkt stehen dabei die Umsetzbarkeit und die leichte Handhabbarkeit der Vorgaben, sodass sie nicht nur für jeden Mitarbeiter leicht umzusetzen sind, sondern auch zur Wirtschaftlichkeit im Spital beitragen. Und hier kommt nach Ansicht der Obfrau auch die Verantwortung der Patienten mit ins Spiel: „Wir legen den Schwerpunkt auf das Thema ,Patient Empowerment‘ und damit auf die Frage, was der Patient für seine eigene Sicherheit leisten kann.“ Dass sich die Einstellung gegenüber dem Thema insgesamt bereits verbessert hat, ortet Ettl erst mancherorts: „Für uns ist es schon ein großer Schritt, wenn über Fehler offen gesprochen werden darf. Damit können sie aufgearbeitet werden, damit sie kein zweites Mal passieren.“

Arbeiten unter Unsicherheit

Die internationale Perspektive ist rasch zusammengefasst: „Alle Gesundheitssysteme der westlichen Welt haben vergleichbare Probleme, was die Patientensicherheit angeht. Das ist auch nicht verwunderlich, denn bei allen Prozessen, unter denen Leistungen unter gewissen unsicheren Parametern entstehen – und das ist nun mal auch in der Medizin der Fall – können und werden nicht alle Schnittstellen immer berücksichtigt“, weiß Prof. Dieter Conen, Präsident der Schweizer Stiftung für Patientensicherheit. Schlechte Vorbereitung, Zeitdruck oder veraltete Strukturen und Rahmenbedingungen sind schon allein aus organisatorischer Sicht ein höherer Risikofaktor. Die Schweizer Plattform wurde bereits im Jahr 2003 gegründet und ist seither engagiert, den Lerntransfer zwischen Spitälern zu forcieren und Trends aufzuzeigen, wie in den großen Bereichen der Medikation, der Spitalskeime, der Schnittstellen zwischen Ambulanz und Stationen und auch in der Führungskultur Risiken möglichst vermieden werden können. „Letztendlich ist es aber immer eine Frage der Ökonomie. Wenn ein System sicherer werden soll, braucht es mehr Geld“, ist Conen überzeugt und weiß aus Erfahrung: „Fehlende Ehrlichkeit, Offenheit und Verantwortungsübernahme machen einen Fehler erst recht inakzeptabel. Dagegen reduzieren offene Information, Entschuldigung und Unterstützung zumindest das Risiko von Rechtsstreitigkeiten.“

Informierte Patienten

Auch in der Schweiz ist die aktive Einbindung der Patienten ein wichtiges Thema. „Informierte und wachsame Patienten müssen ein wichtiges Ziel sein, die bei Auffälligkeiten aktiv werden, um Fehler rechtzeitig abzuwenden.“ Eine Befragung von Schweizer Chemotherapie-Patienten hat unter anderem ergeben, dass 77 Prozent glauben, bei der Fehlervermeidung helfen zu können. Weiteres Ergebnis: Patienten schätzen das Risiko für konkrete Fehler relativ gering ein und unterschätzen das Schadenspotenzial einzelner Fehler deutlich.

Welchen Einfluss Medical Team Trainings auf die Patientensicherheit haben, erörterte Prof. Dr. Norbert Pateisky, der Leiter der Abteilung für klinisches Risikomanagement am AKH Wien: „Vermeidbarer Schaden durch medizinische Betreuung zählt zu den größten ungelösten Problemen der modernen Medizin. Die Organisation der Spitäler sowie die Ausbildung der Mitarbeiter nehmen derzeit keinerlei Rücksicht auf die physischen und psychischen Leistungsgrenzen des Menschen.“

Kompliziert zu bedienende Geräte, hochwirksame Medikamente, immer komplexere Diagnose- und Therapiekonzepte sowie die Notwendigkeit der Zusammenarbeit vieler Fachrichtungen und Berufsgruppen verschärfen das Problem. Das „Medical Team Training“ nach dem Vorbild der „Crew Resource Management“-Trainings der zivilen Luftfahrt hat sich als eine gute Lösung dieses Problems erwiesen. Hier wird vermittelt, wie im Team komplexe Aufgaben bewältigt werden können. Und der Erfolg spricht für sich: „Untersuchungen haben ergeben, dass Medical Team Trainings die Sterberaten nach Operationen um 17 Prozent senken, schwere postoperative Komplikationen gingen um 35 Prozent zurück. Jetzt gilt es, solche Trainings flächendeckend einzuführen“, sagt Pateisky.

Von R. Haiden, Ärzte Woche 44 /2011

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