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Foto: Privat
Dr. Eugen Adelsmayr im Gespräch mit der Ärzte Woche.
 
Gesundheitspolitik 13. Oktober 2011

Wenn die Karriere vor dem Richter endet

Was bedeutet der Mordprozess in Dubai für heimische Mediziner und ihre Karrierepläne im Ausland?

Dr. Eugen Adelsmayr arbeitete von Februar 2006 bis April 2009 als Leiter der Chirurgischen Intensivstation am Rashid-Hospital in Dubai, Vereinigte Arabische Emirate (VAE), bis er aufgrund einer Mordanklage seinen Job, den guten Ruf und seine Freiheit verlor.

Adelsmayr stellt den betreffenden Fall selbst dar: „Am 14. Jänner 2009 wurde ein 46 Jahre alter pakistanischer Arbeiter mit einer Halswirbelverletzung und hoher Querschnittläsion eingeliefert. Durch die Art der Verletzung war der Patient vollständig von maschineller Beatmung abhängig und hatte, bedingt durch die Höhe seiner Rückenmarksverletzung, zahlreiche Herzstillstände, die Reanimationsmaßnahmen notwendig machten. Nur mit einem temporären Herzschrittmacher war der Patient bedingt stabil. Aus Infektionsgründen musste dieser aber nach zehn Tagen entfernt werden. Ein permanenter Schrittmacher wurde vom Krankenhaus wegen ,zu hoher Kosten in diesem hoffnungslosen Fall‘ abgelehnt. Am 21. Februar 2009 verstarb der Patient an einem seiner zahlreichen Herzstillstände, 36 Stunden nachdem ich außer Dienst gegangen war und ihn zum letzten Mal gesehen hatte.“

Eine Woche später wurde durch einen Teamarzt eine Untersuchung initiiert. Adelsmayr erzählt weiter: Ich wurde beschuldigt, durch eine Erhöhung der Morphiumdosis und eine Reduktion von Sauerstoff in diesem mechanisch beatmeten Patienten einen Herzstillstand provoziert zu haben. Weiters hätte ich angeordnet, den Patienten im Falle eines Stillstandes nicht mehr wiederzubeleben. Eine solche Anordnung habe ich nie gegeben. Pikanterweise gab es zu jener Zeit im Rashid-Hospital eine offizielle Policy, die eine solche – in diesem Land illegale – Anordnung gedeckt hätte. Ich befinde mich im Besitz einer unterschriebenen Kopie des Originaldokuments.“ Der Grund für diese Policy: Es galt, aufgrund der begrenzten Intensivbettenzahl gegebenenfalls Betten frei zu machen, um Platz für akute, neue Fälle zu schaffen.

Adelsmayr wurde bei seinem neuen Arbeitgeber, dem Al Ain Hospital, suspendiert, die Dubai Health Authority verweigerte die Berufung und erst nach vier Monaten gelang die Berufung beim Higher Committee for Medical Liability (HCML). Der Kollege, der die Untersuchung initiiert hatte, erstattete Anzeige bei der Polizei. Sowohl das HCML als auch die Österreichische Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) – in Form eines Fachgutachtens von Prof. Dr. Walter Hasibeder – entlasteten Adelsmayr in allen Punkten der Anklage. Die von Adelsmayr gesetzten Maßnahmen könnten nicht kausal für den Tod des Patienten sein. Dennoch nahm das Gerichtsverfahren seinen Lauf.

Konstruierte Anklage

Adelsmayr wandte sich an die Ärztekammer, die sich auf breiter Basis für den Mediziner einsetzte – vor allem auch in Person des Präsidenten Dr. Walter Dorner selbst – und letztlich den wichtigen Kontakt zum Außenamt herstellte. Am 28. September konnte Adelsmayr zumindest einen Teilerfolg verzeichnen: Nach zähen Verhandlungen und diplomatischen Interventionen seitens des Außenministers, des Bundespräsidenten und vor allem durch Mag. Elisabeth Ellison-Kramer, Leiterin der Rechtsabteilung im Außenministerium, durfte er aus humanitären Gründen vorübergehend in die Heimat zurückkehren, um seiner schwer kranken Frau beizustehen. Am 16. Oktober 2011 erwartet ihn die Justiz zurück in Dubai, um sich der Fortführung des Prozesses zu stellen, dessen Urteil sogar die Todesstrafe sein kann. Ein Kollege Adelsmayrs in den VAE, der aus verständlichen Gründen nicht namentlich genannt werden möchte und mit dem Fall im Detail vertraut ist, ließ die Ärzte Woche wissen, dass „der Fall konstruiert ist, mit allergrößter Wahrscheinlichkeit im Sinne einer Intrige von Kollegen“. Die angeblichen Verfehlungen entbehrten jeder fachlichen oder wissenschaftlichen Grundlage. Das HCML sei zudem die höchste Instanz in medico-legalen Fragen in den VAE und deren Bericht entlaste Adelsmayr ebenfalls in allen erhobenen Vorwürfen.

Doch was bedeutet der Fall Adelsmayr nun für heimische Mediziner? Sind speziell arabische Länder so frei von Rechtssicherheit, dass von einem Aufenthalt abgeraten werden muss? Die Ärzte Woche hat in der Ärztekammer nachgefragt, welche Bedeutung der Fall für die Zukunft hat.

Keine Versicherung möglich

Das Internationale Büro der Ärztekammer hat im Jahr 2009 1.206, im Jahr 2010 1.225 EU-Konformitätsbescheinigungen ausgestellt. Allerdings migrieren nicht alle Ärzte, die sich eine EU-Konformitätsbescheinigung ausstellen lassen, auch tatsächlich ins Ausland. Hauptzielländer für eine Migration sind die europäischen Länder, allen voran Deutschland und die Schweiz, mit denen jeweils hervorragende zwischenstaatliche Abkommen und rege Kooperationen bestehen. Laut Mag. Martin Stickler, Sprecher der Österreichischen Ärztekammer, existieren keine Hard Facts bezüglich der Zahl der in den Emiraten arbeitenden Ärzte, denn sobald sich jene bei der Ärztekammer abmelden, verliert diese auch jeglichen Überblick über die folgenden Aktivitäten. Man schätzt jedoch, dass etwa 70 Ärzte in den Emiraten tätig sind. Dass der Fall Adelsmayr kein Einzelfall sei, kann Stickler weder dementieren noch bestätigen. Adelsmayrs Kollege aus Dubai ist der Überzeugung, dass der Fall ein Unikat sei, da es immerhin um eine Mordanklage gehe – ähnliche Fälle in den VAE seien ihm bislang nicht bekannt.

„In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist es nicht unüblich, Beschwerden einzubringen, auch bei durchaus regulären oder der Krankheit entsprechenden Heilungsverläufen bzw. Komplikationen“, räumt der Kollege aus Dubai ein. „Dies kann auf Spitalsebene erfolgen, aber auch auf Ebene der Spitalsholding oder der entsprechenden Ärztekammer. Will man einem Individuum schaden, erstattet man eine entsprechende Anzeige bei der Polizei.“ Ein weiterer interessanter Aspekt sei die Tatsache, dass es nicht möglich ist, in den VAE bzw. für die VAE eine Ärztehaftpflichtversicherung bzw. -rechtsschutzversicherung abzuschließen.

Information und Respekt

Die Emirate und der gesamte arabische Raum werben intensiv um Ärzte aus Mitteleuropa. Die Möglichkeiten vor Ort sind außergewöhnlich gut, denn während die finanziellen Mittel für eine Top-Infrastruktur durchaus vorhanden sind, haben die bevölkerungsärmeren Länder nur unzureichende Ausbildungsmöglichkeiten für Top-Mediziner und greifen deshalb gerne auf europäisches Know-how zurück. „Mit einer mitteleuropäischen Kultur im Hintergrund und dem Ziel anderer Kulturkreise und Rechtssysteme muss dennoch klar sein, dass es dort anders läuft. In einem Land wie den VAE sollte man sich vorab informieren, was es bedeutet, in diesem Kulturraum und Rechtssystem zu leben“, rät Stickler. Auch Adelsmayrs Kollege aus Dubai meint, dass generell in arabischen Ländern eine gute Kommunikationsgabe und entsprechender Respekt vor Kultur und Religion Grundvoraussetzungen seien. Passieren kann dergleichen selbstverständlich trotz bester Vorbereitung. Die finanziell höchst verlockenden Angebote seien jedenfalls eingehend zu prüfen, meint Stickler – hinsichtlich der Qualität des Spitals, der angepeilten Tätigkeit, der Dauer des Aufenthalts, des Angebots, der Schwerpunkte und natürlich auch der Kultur und des Rechtssystems.

Dass der angeklagte Mediziner zurück nach Dubai gehen möchte, um sich den Anschuldigungen zu stellen und seinen Ruf reinzuwaschen, verstehen alle Gesprächspartner. Unabhängig davon, wie der Fall ausgeht: Es ist beruhigend und beeindruckend, wie sehr Ärztekammer, Außenamt und Rechtsvertretung hier an einem Strang ziehen. Und an Adelsmayr: Hut ab vor so viel Durchhaltevermögen!

Von B. Weilguni, Ärzte Woche 41 /2011

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