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Gesundheitspolitik 6. Oktober 2011

EHFG diskutiert volkswirtschaftliche Dimension der Medizin

"Wenn die Häufigkeit nichtübertragbarer Erkrankungen um zehn Prozent zunimmt, bedeutet das ein Minus im Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent", sagte heute Dr. Armin Fidler, Strategischer Berater für Gesundheitspolitik bei der Weltbank, auf dem European Health Forum Gastein (EHFG).

Nicht nur ein gesundheitspolitisches Problem

Der kontinuierliche Anstieg der sogenannten nichtübertragbaren Krankheiten, also typischer Lebensstil-Erkrankungen wie Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen oder chronische Lungenbeschwerden, kann für Volkswirtschaften ruinös sein. "Die indirekten Kosten dieser Erkrankungen übersteigen die direkten bei weitem, für die von der Krise ohnehin bereits angeschlagenen Volkswirtschaften bedeutet das ein großes Risiko. Es ist also klar, dass die Massen-Epidemie Lebensstil-Erkrankungen längst nicht mehr nur ein Problem der Gesundheitspolitik allein ist."

UNO Gipfel für gemeinsame Strategien

Die konkrete Umsetzung der Ergebnisse des kürzlich zu diesem Thema abgehaltenen UNO-Gipfels und künftige Strategien, um auf europäischer Ebene wirksame Interventionen gegen diesen Trend zu setzen, oder die Frage, wie Europa in Sachen Prävention aus den Erfahrungen in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel Asien, lernen kann. Wobei nicht nur die gesundheitliche, sondern auch die ökonomische Dimension die Experten/-innen beschäftigte.

Volkswirtschaftliche Kosten

In den USA beispielsweise verursachten sieben nichtübertragbare Krankheiten, nämlich Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, psychische Erkrankungen, chronische Lungenerkrankungen und Schlaganfall, in einem Jahr mehr als eine Billion US-Dollar an volkswirtschaftlichen Kosten, vorwiegend aufgrund von Produktivitätsverlust - "nur" 300 Milliarden davon gehen auf das Konto von direkten Behandlungskosten.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegs-Erkrankungen, Diabetes und Krebs machen in den 53 Ländern der WHO-Region Europa 77 Prozent der Krankheitslast aus und sind die Ursache für 86 Prozent aller Todesfälle. Aber nicht nur in den reichen Ländern, auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern gewinnt die Gruppe der sogenannten "Zivilisationskrankheiten" enorm an Bedeutung, weltweit sind sie für 63 Prozent der 57 Millionen weltweiten Todesfälle verantwortlich, wie der Global Status Report der WHO zeigt.

Zeit zu handeln

"Mindestens so wichtig wie die Diagnose der weltweiten Bedrohung durch nichtübertragbare Krankheiten sind jetzt aber wirksame Interventionen. Viele Länder suchen den Ausweg aus dieser krisenhaften Entwicklung in der klinischen Medizin, es wird immer noch mehr therapiert, diagnostiziert oder interventionell gearbeitet. Aber auf diesem Weg ist das Problem nicht zu lösen, schon aus Kostengründen."

Aktuelle Weltbankstudie 


Wirksame Präventionsmaßnahmen seien nicht nur nötig, sondern hätten längst auch ihren ökonomischen Nutzen bewiesen, beschrieb Dr. Fidler eine aktuelle Untersuchung zum belegten Return of Investment von zielgerichteter Prävention: "Eine Studie der Weltbank hat den Kosten-Nutzen-Effekt von Lebensstil-Interventionen bei Menschen mit hohem Diabetesrisiko aufgezeigt.

Wird ein Präventionspaket mit Fokus auf Ernährungsberatung und Bewegung angeboten, kann in einem Niedriglohnland jeder so investierte Dollar mindestens zwei Dollar an Behandlungskosten einsparen. Bei Ländern mit mittleren Einkommen liegt die Ersparnis sogar bei über drei Dollar. Maßgeschneiderte Prävention rechnet sich eindeutig auch ökonomisch."

Prävention sei aber keineswegs, wie oft missverstanden, auf Gesundheitsaufklärung und Appelle für einen gesünderen Lebensstil beschränkt, betonte Dr. Fidler. "Maßnahmen gehen über die typischen Aufgabenbereiche von Gesundheitsministerien hinaus, und müssen auch den gesetzlichen und strukturellen Rahmen schaffen, sie brauchen daher ein konzertiertes Vorgehen aller Politikbereiche. Das ist eine typische Querschnittmaterie - von der Besteuerung von Alkohol, Tabak und vielleicht sogar ungesunden Lebensmitteln, über gesetzliche Verbote bestimmter gesundheitsschädlicher Substanzen oder Maßnahmen des Umweltschutzes und der Verkehrspolitik bis hin zu freiwilligen Verpflichtungen bestimmter Industriesektoren. Diese wichtigen Gesundheitsziele lassen sich nur erreichen, wenn alle Sektoren zusammenarbeiten, der Gesundheitssektor allein kann das nicht umsetzen."

Erst kürzlich haben Experten/-innen in einem in Lancet veröffentlichten Artikel Präventionsmaßnahmen nach Kosten-Nutzen-Relation, Wirksamkeit und Machbarkeit bewertet und einige Top-Prioritäten empfohlen: Verstärkte Tabak-Kontrolle, Salzreduktion, die Förderung von gesunder Ernährung und Bewegung und die Reduktion von Alkoholmissbrauch. "Konzertierte Anstrengungen in all diesen Bereichen könnten die gesellschaftlichen Kosten der nichtübertragbaren Krankheiten mindestens halbieren", so Dr. Fidler.

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