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Künftig werden sieben zentrale Spitalsorganisationen des Wiener Krankenanstaltenverbundes die Wiener Bevölkerung versorgen.
 
Gesundheitspolitik 5. Oktober 2011

Sieben auf einen Streich

Sieben Spitalsstandorte sind Wiens Gesundheitsstrategie für die nächsten 20 Jahre

Erst vor wenigen Tagen wurde von Ärztekammerpräsident Dr. Walter Dorner und der Wiener Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely neuerlich Einigkeit über die Umsetzung des Spitalskonzepts 2030 bekräftigt. „Stillstand bedeutet Rückschritt“, meinen die beiden Politiker und wollen zur weiteren Umsetzung des Konzepts regelmäßige Konsultationen zwischen der Standesvertretung der Ärzte und der Wiener Gemeindepolitik institutionalisieren.

 

Die Grundlage des Spitalskonzeptes ist bestechend einfach: die Stadt reduziert ihre Betten, so wie es praktisch alle führenden Gesundheitsökonomen empfehlen. Künftig werden sieben zentrale Spitalsorganisationen des Wiener Krankenanstaltenverbundes die Versorgung der Wiener Bevölkerung übernehmen. Die Angebote der Standorte sollen aufeinander abgestimmt werden und jeweils bestimmte Schwerpunkte abdecken.

Bisher hat sich das System nicht schlecht bewährt – vor allem das Denken über Legislaturperioden hinaus –, eine große Bewährungsprobe steht für Wehsely aber noch an: der Neubau des Krankenhauses Nord, das 2015 in Teilbetrieb gehen soll. Ende Juni wurden die Abbrucharbeiten auf dem ehemaligen ÖBB-Gelände in der Brünner Straße für das 850-Betten-Spital in Floridsdorf fertiggestellt.

Kompetenzen sinnvoll bündeln

„Das Wiener Spitalskonzept macht deutlich, wie moderne Angebotsstrategien im Spitalsbereich organisiert werden können. Schwerpunkte in Spitälern können dann gesetzt werden, wenn Kopf und Herz, Management und Mitarbeiter an einem gemeinsamen Ziel arbeiten“, gibt sich Wehsely optimistisch. Dass das Gesundheitswesen der Bundeshauptstadt vor ebenso großen Herausforderungen steht wie das restliche Österreich, muss wohl kaum eigens erwähnt werden: Die demographische Entwicklung verlangt nach einer rollierenden Planung von Spitalskapazitäten und die medizinische Innovation und deren Finanzierung werden nur durch die Spitäler getragen.

Anders als in den meisten Bundesländern hat aber der niedergelassene Bereich für die gesundheitliche Versorgung der Wiener nicht jene Rolle, die für ein funktionierendes Zusammenspiel von Spitälern und extramuralem Bereich notwendig wäre. Darüber hinaus ist das Budget des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV) zwischen 2004 und 2009 jährlich um 5,7 Prozent gestiegen, während das Bruttoinlandsprodukt gemäß Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO um durchschnittlich 2,1 Prozent wächst. Gleichzeitig haben die meisten KAV-Spitäler eine sehr alte Bausubstanz, so dass sie in der Erhaltung besonders teuer sind.

„Sanieren allein bringt noch keine Modernisierung in Betriebsabläufen und Strukturen. Die Konzentration auf sieben Standorte mit den notwendigen Um- und Zubauten für Zentralbauten garantiert, dass ein vernünftiges Maß an Mitteln in bauliche Maßnahmen fließt, der Löwenanteil jedoch in die Patientenversorgung“, wird Wehsely nicht müde zu betonen. Alleine durch die Übersiedlung der Standorte SMZ Sophienspital und Kaiserin-Elisabeth-Spital werden jährliche Betriebskosten von 28 Millionen Euro für bauliche Investitionen im Rahmen des Wiener Spitalskonzepts 2030 frei.

„Die Stadt Wien geht bewusst nicht den Weg, der in Deutschland gegangen wurde. In Wien werden keine städtischen Krankenanstalten privatisiert. Aber die Kostenentwicklung muss neben einer guten Gesundheitsversorgung im Zentrum aller Überlegungen und Planungen liegen“, gibt Wehsely Einblick in ihre Lösungsstrategie. Entwickelt wurde daher eine Gesundheitsstrategie für die nächsten 20 Jahre. Teil davon ist das Wiener Spitalskonzept 2030, das auf acht Eckpunkte setzt: Qualität, Investitionen, Eigenständigkeit, Transparenz, Kostenkontrolle, Mitarbeiterzufriedenheit, Angebot und Patientenorientierung.

Mehr Qualität, weniger Häuser

Künftig werden sieben zentrale Spitalsorganisationen des Wiener Krankenanstaltenverbundes die Wiener Bevölkerung versorgen. „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, dass wir Scherpunktleistungen auf bestimmte Spitäler konzentrieren“, erklärt Wehsely.

Beispiele sind etwa die Übersiedlung des Mautner Markhof’schen Kinderspitals in die Krankenanstalt Rudolfstiftung im Jahre 1998 oder die Übersiedelung der Kinderklinik Glanzing ins Wilhelminenspital. Bis zum Jahr 2030 sollen folgende sieben Krankenhäuser zur Verfügung stehen: das Krankenhaus Hietzing, das Kaiser-Franz-Josef-Spital, das gemeinsam geführte Wilhelminenspital und Otto-Wagner-Spital, die Rudolfstiftung, das Krankenhaus Nord, das Donauspital und das AKH Wien.

Das Kaiserin-Elisabeth-Spital wird bis 2015/2016 zu einem modernen Pflegewohnhaus, die Angebote des Hauses sowie jene des SMZ Sophienspital werden übersiedeln.

Im AKH sollen einzelne Bereiche ausgebaut werden, so zum Beispiel die Neonatologie, wo die Anzahl der Intensivbetten gesteigert wird, oder das Kinderkompetenzzentrum. Ein Plus an Betten ist auch im Bereich der Palliativmedizin geplant. Im Gegensatz dazu sollen andere Abteilungen, wie etwa die Gynäkologie und Geburtshilfe und die Dermatologie, reduziert werden.

Das Krankenhaus Hietzing wird zu einer Klinik für typische Volkskrankheiten wie Diabetes oder Rheuma mit einem multidisziplinären chirurgischen Zentrum ausgebaut. Das Kaiser-Franz-Josef-Spital wird sukzessive erneuert. Das Gottfried von Preyer’sche Kinderspital wird seit 2008 als Kinder- und Jugendabteilung des Kaiser-Franz-Josef-Spitals geführt. Der notwendige Teilneubau ist bis 2015 fertig gestellt.

Der Baubeginn ist für Herbst 2011 geplant. Aufgrund der räumlichen Nähe werden das Wilhelminenspital und das Otto-Wagner-Spital künftig gemeinsame Versorgungsaufgaben übernehmen und sollen auch eine gemeinsame Führung erhalten. Zudem übersiedelt die Akutgeriatrie des Sophienspitals bis etwa Ende 2016 ins Wilhelminenspital.

Die Krankenanstalt Rudolfstiftung verstärkt ihren chirurgischen Schwerpunkt. Bis Ende 2012 übersiedelt dorthin die Chirurgie mit Schwerpunkt Schilddrüse des Kaiserin-Elisabeth-Spitals, begleitet von der Nuklearmedizin. Das Donauspital wird durch das neue Krankenhaus Nord im Bereich der Unfallchirurgie entlastet. Durch die Übersiedlung von Teilen der Neurologie aus dem KH Hietzing wird es noch zusätzlich aufgewertet und insgesamt im Intensivbereich strukturell gestärkt. Drei Standorte – das Krankenhaus Floridsdorf, die Semmelweis-Frauenklinik und das Orthopädische Krankenhaus Gersthof sowie einzelne Abteilungen anderer Häuser – übersiedeln in das neue Krankenhaus Nord, das 2015 seinen Teilbetrieb aufnehmen wird.

Transparenz und Zufriedenheit?

Bei all den Standortrochaden stellt sich noch die Frage, ob dabei die Qualität des Angebotes auch tatsächlich besser wird und wie die betroffenen Mitarbeiter damit umgehen. „Die Messung der Ergebnisqualität ist die Grundlage der Schwerpunktsetzung“, sagt Wehsely. Dazu hat der KAV ein Set an rund 50 Indikatoren zur Messung erarbeitet, anhand dessen die medizinische und pflegerische Ergebnisqualität dargestellt werden kann: von Mortalitäts-, Wiederaufnahme- bzw. Reoperationsraten bis hin zu medizinischen Einzelleistungen oder Stürzen wird aufgezeichnet, was zur Beurteilung beitragen kann.

Dass kein Mitarbeiter im KAV durch die Spitalsreform um den Arbeitsplatz fürchten muss, stand bereits am Anfang der Pläne im Mittelpunkt der Kommunikation. Wehsely hält aber nicht hinterm Berg, dass auch hier Einsparungen kommen werden: „Der Mitarbeiterstand lässt sich nicht beliebig erweitern, das ist nicht leistbar.“ Mehr Personal erhöht auch nicht unbedingt die Zufriedenheit. Der richtige Einsatz der Mitarbeiter je nach Fähigkeit und Kompetenz sowie die Einhaltung der Arbeitszeiten sind zentrale Th men, die vor allem die Führungskräfte fordern. Dazu wurden zum Beispiel zwei „Skills and Grade Mix“-Projekte gestartet, die überprüfen, ob und wie die Kompetenzen der Mitarbeiter im Pflegebereich optimal eingesetzt werden.

Von R. Haiden, Ärzte Woche 40 /2011

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