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Gesundheitspolitik 27. September 2011

Turnusplätze: Wende der Werte

Unsere Nachfrage in österreichischen Krankenhäusern hat ergeben: In manchen Regionen können freie Turnusplätze kaum mehr nachbesetzt werden.

Die Zeiten, in denen Spitalsbetreiber bei Turnusärzten aus dem Vollen schöpfen konnten und Letztere daher zu allem bereit waren, um der nahezu endlosen Warteschleife zu entkommen, sind längst vorbei. In manchen Regionen hat bereits ein regelrechtes Tauziehen um die begehrten Jungärzte begonnen.

 

„Frei werdende Stellen können derzeit noch besetzt werden, es kommt jedoch immer wieder zu Engpässen“, beschreibt Dr. Florian Connert, Turnusärztereferent der Salzburger Ärztekammer, die aktuelle Situation in seinem Bundesland. Vor allem im Frühling und Frühsommer könnten zahlreiche Stellen zumindest vorübergehend nicht nachbesetzt werden, da alle Absolventen der medizinischen Universitäten erst im Sommer gleichzeitig auf den Arbeitsmarkt drängen. Connert befürchtet, dass sich die Lage weiter zuspitzen wird: „Die großen Krankenanstaltenbetreiber werden um die zur Verfügung stehenden Jungärzte konkurrieren, denn eines ist klar: Ohne Turnusärzte ist der Spitalsbetrieb in seiner derzeitigen Form nur schwer aufrechtzuerhalten.“

Bundesländerrochaden

Die Engpässe in Salzburg sind kein landesspezifisches Phänomen, sondern ein Spiegelbild der gesamtösterreichischen Situation, ausgenommen Wien. In der Bundeshauptstadt sind Ausbildungs- und Turnusplätze nach wie vor begehrt, die Wartelisten und -zeiten (zwei Jahre) entsprechend lang. Ganz anders sei da die Situation im Ländle, erzählt Wilfried Lipburger von der Ärztekammer Vorarlberg: „Wie haben nahezu keine Wartelisten. Die Turnusärzte können sich im Großen und Ganzen das Krankenhaus aussuchen.“ Die Krankenhäuser können das umgekehrt nicht. So können einzelne Turnusarzt-Stellen nur in letzter Minute – meist durch Bewerber aus anderen Bundesländern – besetzt werden oder bleiben über einen längeren Zeitraum überhaupt unbesetzt. In Zukunft wird es noch schwieriger werden, Turnusärzte zu finden, glaubt Lipburger, weil „die Zahl der Studienabgänger sinkt, die Attraktivität und – speziell in Vorarlberg – die Bezahlung im Vergleich zu Nachbarländern wie Deutschland oder der Schweiz nicht konkurrenzfähig sind.“

Auch in Niederösterreich ist die Zahl der Bewerbungen rückläufig, erzählt Dr. Stefan Halper, Vorsitzender der Landessektion Turnusärzte in der Ärztekammer für Niederösterreich. Eine unmittelbare Konsequenz daraus war etwa das Ende sogenannter „Assessment Center“, die bis zum Jahr 2008 durchgeführt wurden: „Dabei wurden Bewerber um Turnusplätze einige Stunden lang Tests bzw. Rollenspielen unterzogen und danach mit ‚bestanden‘ oder ‚nicht bestanden‘ beurteilt. Wer nicht bestand, konnte keinen Turnusplatz in Niederösterreich erhalten.“

An der Peripherie wird es eng

Der allgemeine Trend wirkt sich in Niederösterreich regional sehr unterschiedlich aus. Während etwa die großen Kliniken in St. Pölten und Wiener Neustadt oder die Spitäler im sogenannten „Speckgürtel“ rund um Wien, die problemlos von einem Wiener Wohnsitz aus als Tagespendler erreicht werden können, kaum Nachbesetzungsprobleme haben, wird es in den kleineren, abgelegenen Landeskliniken mitunter bereits eng.

Regionale Unterschiede zeigen sich ebenso stark in Tirol. Am Landeskrankenhaus Innsbruck etwa müssen Bewerber immer noch mindestens ein Jahr auf eine Stelle warten. Thomas Czermin, Kammeramtsdirektor-Stellvertreter der Ärztekammer für Tirol, begründet dies mit einer Reduktion der Turnusstellen von 90 auf 50 sowie mit der Verpflichtung der Klinik, Turnusärzte aus anderen Krankenhäusern aufzunehmen, in welchen nicht alle Fächer angeboten werden. In den peripheren Krankenhäusern hingegen habe sich die Wartezeit drastisch reduziert, sagt Czermin: „Dabei haben wir festgestellt, dass es für die außerhalb der Inntalfurche gelegenen Krankenhäuser wie Reutte und Lienz schwieriger ist, Turnusstellen nachzubesetzen, als für Krankenhäuser in der Inntalfurche.“

Ähnlich, wenn auch noch etwas prekärer ist die Situation in Oberösterreich, weiß Susanne Sametinger von der Ärztekammer Oberösterreich: „Am massivsten bekommen die Spitäler in der Peripherie den Mangel zu spüren, aber auch Kliniken in Linz klagen bereits seit Längerem über Probleme bei der Besetzung von Turnusarzt-Stellen.“ Auch hier werde sich die Situation noch dramatisch verschärfen, befürchtet Ärztekammerpräsident Dr. Peter Niedermoser: „Dem Land droht der medizinische Engpass: 65 Prozent der Ärzte sind derzeit zwischen 45 und 55 Jahre alt, in etwa zehn Jahren gehen sie in Pension. Dann kommt ein riesiges Problem auf uns zu.“

Der mancherorts bereits einsetzende Konkurrenzkampf treibt bisweilen manch seltsame Blüten. So berichtete erst unlängst eine österreichische Tageszeitung unter dem Titel „Tausend Euro Kopfgeld soll junge Ärzte anlocken“ von einer „Vermittlungsprovision“, die das Krankenhaus Braunau jenen Mitarbeitern anbieten würde, die Turnusärzte vermitteln. Solche Initiativen lehnt Niedermoser ab: „Die Spitalsträger sollten lieber schauen, dass sie die Arbeitsbedingungen für Turnusärzte endlich verbessern. Um nur Infusionen zu geben und Berichte zu schreiben, hat keiner Medizin studiert.“

Dass der Wettbewerb um die knapper werdende „Ressource“ Turnusarzt langfristig nicht über finanzielle und materielle „Zuckerl“, sondern nur über ein besseres Ausbildungsangebot zu gewinnen sein wird, darüber sind sich Experten und Personalverantwortliche in den Krankenhäusern einig. Dr. Brigitte Erlacher, Internistin im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien und Leiterin des Qualitätsmanagements der Vinzenz Gruppe, ist davon überzeugt, dass letztendlich nur das Angebot einer fundierten Ausbildung Jungärzte anlocken wird: „Es spricht sich rasch herum, welche Häuser eine gute Ausbildung anbieten. Diese werden dann besonders gefragt sein.“ Denn nur aus einer fundierten Ausbildung heraus ließe sich später im Beruf Sicherheit ableiten: „Sicherheit im täglichen Tun ist für den Arzt enorm wichtig. Denn wer immer mit Angst dabei ist, der ist irgendwann extrem Burn-out-gefährdet.“

Mehr Qualität in der Ausbildung

Die Vinzenz Gruppe hat daher schon vor Jahren begonnen, ein eigenes Turnusärzte-Konzept zu entwickeln und umzusetzen: „Der Fokus“, sagt Erlacher, „muss dabei klar in Richtung Lehre gehen, weg von Routinetätigkeiten, hin zu selbstständigen Aufgaben unter Anleitung eines Facharztes.“ Aktuell wird zusätzlich ein Mentoren-System etabliert, um die Ausbildungsqualität noch weiter zu steigern.

Kreative Ideen gefragt

Auch die NÖ Landeskliniken-Holding, die 22 Häuser betreibt, hat in der Ausbildung längst neue Wege eingeschlagen, erzählt Geschäftsführer Dr. Robert Griessner: „Wir reagieren auf die herausfordernde Wettbewerbssituation und setzen Initiativen, um auf die Life Balance-Bedürfnisse der Jungmediziner verstärkt einzugehen.“ Denn aufgrund der angespannten Situation am Bewerbermarkt hätten sich die Erwartungen der Jungärzte massiv verändert: „Themen der elternorientierten Personalpolitik oder der besseren Planbarkeit von Beruf und Freizeit sind bei den personalwirtschaftlichen Überlegungen wesentlicher Bestandteil, um so künftig noch besser auf die persönlichen Ansprüche der Jungmediziner eingehen zu können.“ Im Rahmen von Projekten würden daher gezielte Maßnahmen erarbeitet, um die Rahmenbedingungen der Turnusärzte zu optimieren, etwa durch die Möglichkeit, eine Ausbildung an verschiedenen Standorten zu absolvieren.

Turnusärzte als Systemerhalter

Noch sieht die Realität in vielen österreichischen Spitälern allerdings anders aus. Routine- und Pflegetätigkeiten bestimmen den Alltag der Turnusärzte, für Ausbildung bleibt trotz oft überlanger Dienste kaum Zeit. Laut einer IFES-Umfrage wenden Turnusärzte über 40 Prozent ihrer Arbeitszeit für administrative Tätigkeiten auf. Und im Rahmen der oberösterreichischen Turnusärzte-Ausbildungsevaluierung gaben mehr als vierzig Prozent der Befragten an, dass ihre Aufgaben im Hinblick auf eine spätere ärztliche Tätigkeit kaum oder gar nicht relevant seien.

„In österreichischen Spitälern werden Turnusärzte als billige Arbeitskräfte missbraucht“, kritisiert auch Gesundheitsexperte Dr. Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien und fordert eine radikale Änderung der Ausbildung. Um eine solche bemüht sich die Ärztekammer schon seit vielen Jahren. Für Herbst wird dazu der Bericht einer von Gesundheitsminister Stöger eingesetzten Arbeitsgruppe erwartet.

Von V. Weilguni, Ärzte Woche 39 /2011

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