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Österreich braucht lange für Reformen. Das hat auch Vorteile: Was lange währt, wird oft auch gut, und zudem macht man Fehler anderer Länder nicht nach.
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Österreich braucht lange für Reformen. Das hat auch Vorteile: Was lange währt, wird oft auch gut, und zudem macht man Fehler anderer Länder nicht nach.

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Maria M. Hofmarcher, Gesundheitsökonomin am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien

 
Gesundheitspolitik 3. April 2009

Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Trotz der vielen immer wieder diskutierten Probleme steht Österreichs Gesundheitswesen im internationalen Vergleich nicht schlecht da, sagt die Expertin Maria M. Hofmarcher.

Deutschland, England, Finnland, Norwegen, Schweden, Schweiz, Niederlande, Italien, USA, Kanada, Frankreich, Griechenland, Ungarn, Belgien, Spanien aber auch weniger bekannte Gesundheitssysteme wie jene von Israel, Ghana, Indien, Australien, Thailand, Peru und Nicaragua wurden in den vergangenen Wochen in der Serie „Globale Hilfe“ beschrieben. Zum Abschluss der Serie stellt sich Österreich dem Vergleich mit anderen Ländern.

„Gesundheitsreformen dauern in Österreich oft länger als in anderen Ländern und sind meist zäh. Das hat aber zur Folge, dass am Ende im internationalen Vergleich auch innovative Dinge entstehen oder Trends nicht mitgemacht werden, die sich als nicht sinnvoll herausstellen“, sagt Maria M. Hofmarcher, Gesundheitsexpertin am Institut für Höhere Studien (IHS) und langjährige Beobachterin der Gesundheitssysteme auch in der OECD.

Als einen solchen Trend, dem nicht gefolgt wurde, bezeichnet Hofmarcher den in anderen Ländern forcierten Wettbewerb zwischen Krankenversicherungen, der das System meist verteuert habe. Innovativ sind für die Expertin im internationalen Vergleich etwa die leistungsbezogene Krankenanstaltenfinanzierung oder das Preisregulierungssystem bei Arzneimitteln. Statt Generika zu pushen, wie dies andere Ländern machen, würden Generika in Österreich dazu benutzt, auch die Preise von Originalpräparaten zu drücken. „Dieses Preisregulierungssystem ist recht zukunftsorientiert. Ausbaufähig sind aber noch die Monitoringsysteme auf der Ebene der verschreibenden Ärzte.“ Der jetzt angedachte Arzneimittelsicherheitsgurt sei hier sicher sehr sinnvoll – „auch im Hinblick auf die Patientensicherheit“. Bei dem System sollen Ärzte und Apotheker bei Arzneimittelgaben sehen, welche Medikamente ein Patient nimmt, und so Wechselwirkungen ausschließen.

Vorbild Skandinavien

Ein Modell übrigens, das in Skandinavien bereits erfolgreich umgesetzt wird, wie der aus Wien stammende Allgemeinmediziner Dr. Carlo David Schebesta (42) berichtet. Er arbeitet seit zehn Jahren als Landarzt in Norwegen . Dort seien auf der e-Card alle Medikamente vermerkt, die ein Patient nimmt. „Die Apotheker kontrollieren die Verschreibungen der Ärzte und achten darauf, ob die Medikamente zusammenpassen. Wenn es Zweifel gibt, wird sofort der behandelnde Arzt informiert“, erzählt er. Schebesta hat sich längst an diese Art der „Überwachung” gewöhnt und empfindet sie inzwischen als große Erleichterung.

Durchaus Nachholbedarf hat Österreich im internationalen Vergleich nach Ansicht von Hofmarcher im Bereich ambulante Versorgungsstrukturen. „Wenn man die Versorgungsstruktur im Gesundheitswesen stärker patientenorientiert gestalten will, muss man die Systeme im ambulanten Bereich verbessern“, sagt sie. Derzeit gebe man in Österreich deshalb so viel für Spitäler aus und sei die Zahl der Spitalsbesuche so hoch, weil es keine vernünftige Strukturen in ambulanten Bereich gebe. „Hier gibt es international verschiedene erprobte Ansätze, etwa das Modell der Polikliniken. Es braucht jedenfalls ein viertes Polster neben Haus- und Fachärzten und den Spitalsambulanzen.“ Hofmarcher ist überzeugt, dass Einzelpraxen deshalb auch der Vergangenheit angehören werden.

Hausarzt als Gatekeeper

Solche Modelle gibt es etwa in Deutschland oder auch in den Niederlanden. Dort ist der Allgemeinmediziner der Torwächter, der „Gatekeeper“ zum Gesundheitssystem. Er ist erster Ansprechpartner bei allen Beschwerden. Er allein entscheidet, ob ein Patient zum Facharzt ins Krankenhaus oder in eine andere Gesundheitseinrichtung weiter geschickt wird, erzählt der Österreicher Dr. Mick van Trotsenburg. Ohne entsprechende Überweisung übernehmen die Krankenversicherungen auch keine Kosten. Diese Entscheidungen sind allerdings endgültig, denn freie Arztwahl herrscht in den Niederlanden nicht: Jeder Holländer ist bei einem Hausarzt eingeschrieben.

Ähnlich die Situation in Großbritannien: Auch dort liegt die Verantwortung für die Kostentransparenz und -gestaltung des gesamten Gesundheitswesens bei den niedergelassenen Hausärzten. „Die haben eine Art Gatekeeper-Funktion“, erklärt der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Harald Kornfeil, der seit mehreren Jahren im nordenglischen Durham lebt und praktiziert.

Lebenserwartung steigt stark

Trotz der möglichen Ideen aus dem Ausland hält Hofmarcher das heimische Gesundheitssystem für durchaus effizient. „Mit den meisten Gesundheitsindikatoren, etwa der Lebenserwartung, liegt Österreich im guten Mittelfeld. Zwischen den Jahren 1995 und 2005 ist die Lebenserwartung im Vergleich zu anderen Ländern auch überdurchschnittlich stärker gestiegen als die jährlichen realen Wachstumsraten der Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben.“ Die Expertin führt weitere Indikatoren für die Effizienz an: Die Wahrscheinlichkeit, eine Krebserkrankung zu überleben, ist in Österreich deutlich höher als in anderen, vergleichbaren Ländern. Und: Die ÖsterreicherInnen sind nachhaltig sehr zufrieden mit dem Gesundheitswesen.

Ende der Serie

Lesen Sie auch die anderen Teile der Ärzte-Woche-Serie "Auslandsmediziner schildern ihren Alltag":

Kanada: Ein Land, in dem Ärzte die Freiheit schätzen

Italien: Gesundheitssystem in öffentlicher Kritik

Frankreich: Liberales System mit zahlreichen Tücken

Peru: Unterversorgung und Boom bei Schönheits-OPs

Schweden: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Großbritannien holt im Gesundheitswesen auf

Niederlande: Ambivalente Meinungen über Reform

Deutschland: Von Innsbruck nach Berlin: Den Rechenstift im Kopf

Norwegen hat ein gesundes Luxusproblem

Rekordverdächtiges Tempo bei Reformen in Finnland

Nicaragua macht sich auf den Weg aus der Armut

Spanien, Land der langen Patienten-Wartelisten

Wie der König Thailands das Rauchen stoppt

Indien: Gute Ausbildung, aber fehlende Infrastruktur

Hohe Kindersterblichkeit im goldreichen Ghana

Israel: Bei medizinischer Versorgung beispielhaft

Tabelle:
Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet
Österreich ist teuer, produziert aber auch gute Gesundheit
KennwerteEU-15OECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 2.680 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 9,2 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 34.081 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 77,3 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 79,8 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 5,4 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner 19,8 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner 9,9 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 3,5 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner 399 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben.
Kasten:
Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten
In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.

Von Martin Rümmele, Ärzte Woche 14/2009

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