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Gesundheitspolitik 23. September 2011

Alkoholkranke Ärzte: Ein Betroffener erzählt

Alkoholabhängigkeit bei Ärzten ist eines der größten Tabuthemen im Gesundheitswesen. Wie der Weg aus der Sucht gelingt, erzählt ein Betroffener.

„Nach getaner Arbeit am Weg nach Hause noch ein Sprung in die Vinothek, um mich mit einem oder mehreren Gläschen guten Weines zu entspannen. Das habe ich mir schließlich verdient, oder?“

Doch: die Tendenz ist steigend. „Früher war es nur am Freitagabend, mittlerweile schon fast täglich. Dazu kommt die schlechte Laune und depressive Verstimmung am Morgen, Gereiztheit und Unkonzentriertheit führen zu Fehlern, die sich bei der Arbeit einschleichen. Kritik an meiner Arbeitsweise nehme ich total persönlich und stressige Situationen, die ich früher souverän meisterte, halte ich immer weniger aus“, so erlebte Dr. Tobias Conrad seinen Weg vom Genusstrinken in Richtung Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit, bevor er sich entschied, sich dieses Problem einzugestehen und einen anderen, heilsamen Weg zu gehen. „Wir Ärzte sind vor Alkoholismus und Suchterkrankungen ebenso wenig geschützt wie etwa vor einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einer Krebserkrankung“, weiß der Mediziner, der offen über sein Schicksal erzählt.

Wenn Ärzte abhängig werden, schauen Kollegen weg

Ärzte sind selbst in mittleren und fortgeschrittenen Stadien einer Suchterkrankung häufig nahezu unauffällig. Sollten doch einmal kleine Ausrutscher erkennbar sein, verhilft ihnen ihr geschulter Intellekt meistens zu einer akzeptablen Ausrede. Erste Anzeichen des Suchtmittelmissbrauchs und der zunehmenden Abhängigkeit entdecken nach längerer Latenzphase in der Regel die mit der betroffenen Person zusammenlebenden Angehörigen. Neben dem unmittelbar gestiegenen Konsum bemerken sie den Verlust von Freizeitaktivitäten, einen sozialen Rückzug, eine emotionale Unausgeglichenheit. Ansprechbarkeit auf familiäre Probleme und Stressresistenz sind rückläufig. Die berufsbezogenen Belange bleiben in der Klinik oder der Praxis jedoch meist sehr lange intakt. Gerade weil die Betroffenen wissen, wie viel hier auf dem Spiel steht, mobilisieren sie große Kräfte, um nicht aufzufallen. Und doch werden Termine nicht eingehalten, das Verhalten gegenüber Mitarbeitern und Patienten wird unerklärbar gereizt, es kommt vermehrt zu Beschwerden von Patienten gegenüber dem Personal über das Verhalten des Arztes bis hin zu nachlassender Qualität von konkretem Fachwissen, von Routinefertigkeiten und von klinischem Auftreten. Private und persönliche Probleme wie multiple, aber oft vage körperliche Beschwerden, Erschöpfung und Müdigkeit, häufige Besuche von Ärzten und Zahnärzten, sexuelle Probleme sowie diffuse Ängste, Sorgen und depressive Verstimmungen gehen damit Hand in Hand.

Der Weg zur Behandlung und der Umgang mit Rückschlägen

Bis zum eindeutigen Auftreten einer Abhängigkeit bei Ärzten reagieren nahe Angehörige, Freunde oder Kollegen meist aufgrund einer Scheu, einem Arzt eine Abhängigkeit zu unterstellen, nicht auf diese Zeichen. Wie auch bei anderen Suchtkranken ist dies nach wie vor die mit Abstand schwierigste Hürde. Zusätzlich erschwerend haben die meisten Ärzte, sowohl was den kollektiven als auch den individuellen Anspruch an den Berufsstand angeht, das Ich-Ideal, aufgrund besseren Wissens und beruflicher Kompetenz das Herannahen einer substanzgebundenen Abhängigkeit rechtzeitig erkennen und stoppen zu können. „Suchterkrankungen sind vom Wesen her zutiefst irrational, weil neurobiologisch verankert, unbewusst und emotional. Insofern ist das eigene medizinische Wissen kein ausreichender Schutz vor Suchterkrankungen“, weiß Conrad.

Selbst wenn die Tatsache der Alkoholabhängigkeit nicht mehr zu bestreiten ist, schützen sich viele Kollegen dadurch vor weiteren Maßnahmen, dass sie insbesondere gegenüber den Angehörigen die Fiktion eines Existenzverlusts und ein Ende der beruflichen Tätigkeit in den Raum stellen. Doch in der Realität sind weder die Krankenhausverwaltungen, noch vorgesetzte leitende Ärzte, noch die Sozialversicherungen oder die Ärztekammer am beruflichen ,,Aus“ suchterkrankter Ärzte interessiert. Im Gegenteil: Betroffene können davon ausgehen, dass sie größtmögliche Unterstützung erhalten, wenn sie sich ihre Substanzmittelabhängigkeit eingestehen und einer adäquaten Behandlung unterziehen.

Multifaktorielle Erkrankung erfordert Interdisziplinarität

Heute wird von Alkoholismus als einem multifaktoriellen Geschehen ausgegangen. Daher gilt auch international ein multidisziplinäres Behandlungskonzept, das biologische, psychiatrische, psychotherapeutische und soziale Kompetenzen einbindet. Daraus hat sich in vielen ambulanten oder stationären Institutionen ein therapeutisches „Gießkannenprinzip“ entwickelt, in dessen Rahmen jeder Alkoholabhängige von jeder dieser Therapien etwas bekommt. Diese allgemein gehaltene Behandlung kommt zwar der multifaktoriellen Entwicklung der Erkrankung nach, berücksichtigt aber zu wenig die individuell spezifischen Probleme des Einzelnen. Damit entstehen unnötig hohe Gesundheitskosten bei relativ geringem Ergebnis: Nach wie vor ist die Rückfallrate (zu) hoch. Einen Ausweg aus dieser unbefriedigenden Situation bietet eine Verbesserung der Diagnostik, die eine maßgeschneiderte Therapie ermöglicht.

Abstinent zu bleiben ist anstrengend und zeitaufwendig

Eine Therapie hat gute Erfolgsaussichten und senkt einerseits das Risiko gesundheitlicher und beruflicher Komplikationen und steigert andererseits die Freude an der Arbeit und am Leben ganz allgemein eindeutig und nachweisbar. „Der wichtigste Faktor für eine längere Abstinenz ist die ambulante Nachsorge, möglichst bei einem Arzt bzw. Therapeuten, der die Besonderheiten der Sucht bei Ärzten kennt“, erklärt Conrad, der nicht nur diesen Weg genau kennt, sondern auch selbst mit betroffenen Ärzten arbeitet. „Die meisten Kollegen gehen nach der Therapie zurück in eine sehr anstrengende Tätigkeit, sie haben enorme Ängste, wegen ihrer Sucht Nachteile zu erleiden oder weniger angesehen zu sein. Die Aufrechterhaltung der Abstinenz erfordert Zeit und Anstrengung, die zusätzlich aufgebracht werden müssen. In den ersten sechs bis 24 Monaten besteht eine erhöhte Rückfallgefährdung, daher sollten in dieser Zeit psychotherapeutische Interventionen als Rückfallprophylaxe gewährleistet sein.“

(Selbst-)Test des Trinkverhaltens mittels „CAGE“-Test
• Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, Sie müssten Ihren Alkoholkonsum vermindern? (Cut down)
• Haben andere Personen Sie dadurch geärgert, dass diese Ihr Trinkverhalten kritisiert haben? (Annoyed)
• Haben Sie sich jemals schlecht oder schuldig wegen Ihres Trinkens gefühlt? (Guilt feelings)
• Brauchen Sie morgens Alkohol, um erst richtig leistungsfähig zu werden? (Eye-opener)

Wenn schon nur eine Frage positiv beantwortet wird, besteht meist ein körperlich oder seelisch schädlicher Gebrauch von Alkohol (F10.1).Werden zwei oder mehr Fragen mit „ja“ beantwortet, ist eine Alkoholabhängigkeit (F10.2) nach ICD-10 äußerst wahrscheinlich.

Von T. Conrad und R. Haiden, Ärzte Woche 38 /2011

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