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Gesundheitspolitik 12. September 2011

Ausgegrenzt - die Helfer nach 9/11

Die Helfer vom 11. September wurden einst bejubelt und gefeiert. Heute leben viele von ihnen in Armut ­und Krankheit. Während die Medien tunlichst bemüht sind, dem großen amerikanischen Trauma Genüge zu tun, ist die Hilfe für die „kranken Helfer“ von 9/11 noch immer nicht selbstverständlich.

Wie es von der amerikanischen Mentalität, die so sehr von Patriotismus und Freiheitsdrang geprägt ist, nicht anders zu erwarten war, erklärten sich zahllose Helfer bereit, selbstlos, dramatisch und heroisch zu retten, was noch zu retten war – Schicksale, die noch heute zu Tränen rühren.

Der Schock hielt einige Zeit an, irgendwann wurden die Resultate schmerzlich bewusst. Die heldenhaften Helfer – Feuerwehr, Polizei, Rettung, Bauarbeiter und viele Privatpersonen – strapazierten im Zuge ihrer Einsätze ihre Psychen und vor allem ihre Lungen. Pulverisierter, hoch alkalischer Beton, Glas- und Stahlsplitter sowie Asbest lösten bei 70 Prozent der Beteiligten dauerhafte pathologische Veränderungen der Atemwege aus.

Die Krebsrate liegt hier nach Angaben einer in "The Lancet" veröffentlichten Studie um 19 Prozent höher als in anderen Bevölkerungsteilen. Posttraumatische Stresserkrankungen, Depressionen und chronische Atemwegserkrankungen werden am häufigsten verzeichnet. So mancher Held wurde arbeitsunfähig, manch einer auch aufgrund der psychischen Probleme sozial isoliert. Sie verloren ihre Jobs, ihre Familien, ihre Gesundheit sowieso. Und ihr Gleichgewicht – in vielerlei Hinsicht.

Entschädigungszahlungen

Es dauerte satte 9 Jahre, bis endlich Hilfe in Form von Entschädigungszahlungen bereitgestellt wurde, die für manche schon zu spät kam. Erst Anfang 2011 unterzeichnete Präsident Obama ein Gesetz zur Entschädigung der 9/11-Helfer. In den nächsten zehn Jahren stehen umgerechnet knapp drei Milliarden Euro für deren medizinische Versorgung zur Verfügung. Bis 2016 ist damit auch ein Entschädigungsfonds gesichert.

Nachdem die Republikaner die Kosten jahrelang für zu hoch gehalten hatten, einigten sie sich schließlich doch noch mit den Demokraten auf diese Summe.

Für viele zu spät

Die Unterstützung durch die Regierung nach über neun Jahren kam für viele zu spät. Denn die Helfer verloren zwar nicht aufgrund der Erkrankungen ihre Jobs, aber oftmals ihre Versicherungen, denn: Die privaten Versicherer steigern ihre Beitragsgebühren, bis der kranke 9/11-Helfer sich die Versicherung nicht mehr leisten kann. Dann kündigt der Kandidat, findet keine andere Versicherung, die ihn als Dauerpatienten versichern würde, kann sich nicht mehr therapieren lassen und verliert letztendlich doch seinen Job, Gesundheit und soziale Netze.

Kein Job, keine Versicherung

Helfer, die womöglich verspätet unter den Folgen des Terroranschlags leiden, geraten dadurch in die Zwickmühle, und wären dann auf Entschädigungszahlungen angewiesen, die es bis vor kurzem noch gar nicht gab. „40 Prozent der Menschen, die zum Screeningprogramm kamen, haben keine Krankenversicherung“, erklärte Hillary Clinton – eine Zahl, die sogar deutlich über dem amerikanischen Schnitt liegt und eine Information zwischen den Zeilen mit sich bringt, die keiner so recht diskutieren will.

Viele Sammelklagen

„Viele Erkrankungen wurden auf die giftigen Gase am Einsatzort zurückgeführt, aber meines Wissens hat niemand aufgrund dessen seinen Job verloren.“ Eugene Griffin war 20 Jahre lang Polizist in New York City. Wäre er nicht als Pensionist nach Florida „geflohen“, wäre er wohl an jenem folgenschweren Tag im Einsatz gewesen. Er hat am 11. 9. 2001 eine Menge enger Freunde verloren und kennt viele Helfer, aber an die Horror-Meldungen aus den Medien glaubt er nicht.

Das wäre auch in einem derart strikten Rechtssystem wie dem amerikanischen, in dem Diskriminierung sofort geahndet wird, schlichtweg unmöglich. „Viele Klagen auf finanzielle Entschädigung sind noch immer anhängig, große Sammelklagen wurden erst vor relativ kurzer Zeit gewonnen“, weiß Griffin. Immerhin zehn Jahre haben die Helfer vor Gericht darum gekämpft.

Spezialfall US Health System

Das Gesundheitssystem der Vereinigten Staaten gilt als absoluter Spezialfall. Hauptgrund dafür dürfte wiederum die Mentalität, der Unabhängigkeitsgedanke der Amerikaner sein, der bewirkt, dass eine gesetzliche Krankenversicherungspflicht nicht durchsetzbar ist. Das Krankenversicherungswesen ist in vielen Bundesstaaten überwiegend in der Hand privater Versicherungsunternehmen.

Rund 15 Prozent der amerikanischen Bevölkerung verfügen über keinerlei Krankenversicherungsschutz. Medicaid für sozial Schwache und Medicare für Pensionisten und Behinderte sind die wichtigsten öffentlichen Krankenversicherungssysteme. Die meisten amerikanischen Arbeitnehmer und ihre Familien sind durch Gruppenkrankenversicherungen abgesichert, die entweder gemeinsam von Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder vom Arbeitnehmer allein getragen werden.

Österreich auf der sicheren Seite

Was in Amerika an der Tagsordnung ist, kann heimische Helfer zum Glück nicht treffen, denn das System sichert Betroffene schon über die gesetzlich vorgeschriebene Krankenversicherung ab. Mag. (FH) Tina Wolf von Ärzte ohne Grenzen Österreich erklärt dazu: „Natürlich arbeiten auch unsere Mitarbeiter unter extremen Bedingungen. Wir bieten ihnen deswegen auch nach ihren Einsätzen die Möglichkeit, kostenlos und anonym psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, oder stellen psychologische Unterstützung auch während des Einsatzes zur Verfügung, wenn es besonders belastende Vorfälle gibt.“

Beitragsfreie Unfallversicherung

Auch die AUVA, die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt, bestätigt, dass freiwillige Rettungshelfer bei ihrer Tätigkeit unfallversichert sind, und das sogar beitragsfrei. Unfälle am Weg zur Station, an den Einsatzort, in der Station, am Einsatzort können immer passieren und sind versichert. Für eine Berufskrankheit ist es hingegen notwendig, dass die Krankheit überwiegend beruflich verursacht wurde. Da käme etwa eine Infektionskrankheit infrage. Gegen die häufigste Infektionskrankheit in dieser Zielgruppe, die Hepatitis B, bietet die AUVA kostenlosen Impfstoff an.

Keine Politik der "Alleingelassenen"

Und schließlich bestätigt auch der Hauptverband der Sozialversicherungsträger, dass freiwillige Helfer durch die Pflichtversicherung abgesichert sind. „Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“ würde der Gesundheitszustand wieder hergestellt werden – auch dann, wenn eine mehrfache Rehabilitation vonnöten wäre. Und niemand kann in Österreich aufgrund einer Erkrankung gekündigt werden.

Vielleicht sind wir in mancher Hinsicht auf dem Weg zu einer Zwei-Klassen-Medizin, aber eine Politik der Alleingelassenen gibt es glücklicherweise nicht. Dafür sorgen ein Gesundheitsnetzwerk und ein soziales System, das eben doch wesentlich dichter gestrickt ist als jenes in den USA. 

Von B. Weilguni

B. Weilguni

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