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Erik Schokkaert, Forschungsdirektor von CORE (Center for Operations Research and Econometrics, Université catholique de Louvain, Louvainla-Neuve) hinterfragt die Solidarität im Gesundheitswesen
 
Alpbach 2011 24. August 2011

Neue Werte braucht das Land

Nach „Effizienz und Sparsamkeit" waren nun „Gerechtigkeit ­
und Solidarität" die neuen Schlagworte während der Alpbacher Gesundheitsgespräche. Was sind die kommenden Heraus-­forderungen?

Die Rahmenbedingungen, unter denen heute Gesundheitssysteme in den Industrieländern funktionieren müssen, sind nicht neu: Das erreichbare Lebensalter steigt, die Babyboomer – und damit auch überwiegend die Generation der Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft – nähern sich dem Pensions- und Pflegefallalter und sind damit wohl am meisten von den anstehenden Herausforderungen betroffen. Und Betroffenheit ist bekanntlich eine sehr gute Motivation, um über Lösungen nachzudenken.

„Wir müssen jetzt die anstehenden Probleme in Angriff nehmen und können nicht auf nachkommende Generationen warten, denn es werden immer weniger Verantwortungsträger geboren", betont Prof. Dr. Ursula Schmidt-Erfurth, Vizepräsidentin des Europäischen Forums Alpbach und Leiterin der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der Meduni Wien, in ihrer Eröffnungsrede der diesjährigen Alpbacher Gesundheitsgespräche, die unter dem Motto „Gesundheit – ein Menschenrecht" standen. Mit 1,4 Geburten pro Österreicherin steuern wir auf japanische Verhältnisse zu, die wohl niemand buchstäblich am „eigenen Leib" erleben möchte. Das Land glänzt mit der höchsten Lebenserwartung, den besten Gesundheitsparametern und einem uneingeschränkten Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen – deren menschliche Komponente zunehmend von technischen Versorgungsformen abgelöst wird. „Roboter zur Pflege von Alten und chronisch Kranken sind bereits im Einsatz. Die Perspektive wünschen wir uns wohl alle nicht für unseren Lebensabend", so Erfurth. Daher müssen rasch Lösungen gefunden werden, die eine finanzierbare, gerechte und menschenwürdige Versorgung sicherstellen.

Ohne Technik keine Gesundheit?
„Innovationen bieten dafür ein erhebliches Potenzial", ist sich die Medizinerin sicher und weiß: „Moderne Technik bietet heute bereits ungeahnte Einsichten in den menschlichen Körper, die es erlauben, Krankheiten besser zu verstehen, früher zu diagnostizieren und optimal zu therapieren." Hat die Entschlüsselung eines genetischen Codes vor zehn Jahren noch etwa eine Million Dollar Forschungsgelder verschlungen, so sind es heute lediglich 100 Dollar. „Das hilft uns, weg von Blockbustern hin zur individualisierten Medizin zu gehen und damit neue Horizonte zu eröffnen", meint Erfurth.

Nicht nur in der Therapie sind technologische Entwicklungen der Turbo für den Erfolg, auch in der Diagnose bringt die Computerisierung des Wissens viele Vorteile: Mehr aussagekräftige Daten stehen zur Verfügung und können auch sinnvoll verwaltet werden und – auch wenn der Pflegeroboter keine wünschenswerte Perspektive ist – es können viele Aufgaben von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien übernommen werden. „Skype your doctor" ist keine Vision, sondern Realität und wird künftig ganz selbstverständlich dazu beitragen Versorgungsengpässe zu reduzieren…

Ein Jahr Lebenszeit oder ein neues Auto?
Erik Schokkaert, Forschungsdirektor von CORE (Center for Operations Research and Econometrics, Université catholique de Louvain, Louvain-la-Neuve) hat diese Veränderungen in seiner Keynote aufgegriffen und ging der Frage nach, wie Gerechtigkeit und Innovation im Gesundheitswesen sicher gestellt werden können. Seine theoretischen Betrachtungen führen zu keinen Lösungen, zeigen aber umso mehr ethische Fragen und Widersprüche auf, die deutlich machen, wie komplex – und scheinbar unlösbar – so manche gesundheitspolitische Reformabsicht auch in Zukunft bleiben wird. „Wir leben in einer Zeit knapper Ressourcen, sodass wir nie alle sozial- und gesundheitspolitischen Ziele gleichermaßen erreichen können. Wir müssen auswählen und Prioritäten setzen und das setzt voraus, dass wir vorher wünschenswerte Ziele definiert haben", weiß der Ökonom und erklärt die Zusammenhänge aus wirtschaftstheoretischer Sicht: „Innovationen sorgen dafür, dass es in der Medizin einen Fortschritt gibt, Nachfrage wird generiert, der Markt wächst und damit tauchen neue Budget- und Verteilungsfragen auf." Die erste große Qual der Wahl haben Politiker, Unternehmer und Bürger also bereits, wenn sie sich dafür entscheiden müssen, ob sie medizinische Innovationen vorantreiben möchten oder besser doch nicht. „Es reicht nicht, einmal die Kosten-Nutzen-Frage zu stellen. Es muss laufend hinterfragt werden, was eine Nation für Gesundheit ausgeben will, wofür und in welchem Zeitraum." Auf den Punkt gebracht steht beim Einzelnen die Entscheidung an: „Will ich ein Jahr mehr Lebenszeit oder ein neues Auto?" Was schon auf Mikroebene kaum sinnvoll zu beantworten ist, wird auf Makroebene noch schwieriger: „Welchen Weg das Gesundheitswesen einschlagen soll, muss von staatlicher Seite aus vorgegeben werden, denn kein Patient hat das Wissen, um diesen komplexen Markt zu beurteilen", ist Schokkaert überzeugt.

Herausforderung: Solidarität
Die Krankenversicherung – egal ob gesetzlich oder privat – ist ein Bereich im Gesundheitswesen, der besonders darunter leidet, dass Leistung und Gegenleistung für den Bürger wenig transparent sind und daher wenig Solidarität aufkommen lassen. „Konsumenten sind grundsätzlich bereit für Leistungen zu bezahlen, aber nicht über ein kollektives Solidarsystem. Der Markt ist von zunehmend individuellen und egoistischen Entscheidungen geprägt, unsere sozialen Normen verändern sich, ökonomische Faktoren erhalten mehr Gewicht", erklärt Schokkaert. Nachdem das Leben und die Gesundheit praktisch nicht in „Geldeinheiten" bewertet werden können, bleibt auch die Frage nach der Solidarität in puncto Versorgung ein theoretischer Exkurs. Wer gleichen Zugang für alle fordert und eine nationale Betrachtung auf den Globus ausweitet, wird kaum mehr von einer gerechten Verteilung von Gesundheitsangeboten sprechen können und erst recht nicht, wenn „health in all policies" auch soziale Systeme, das Bildungswesen oder ökonomische Rahmenbedingungen in die Betrachtung integriert. Am Ende bleibt wieder die Forderung übrig, dass wir – die Politik, die Bürger – Prioritäten setzen müssen. Dazu bedarf es fairer Prozesse und eines Bekenntnisses zur Unvollkommenheit – aber nicht zur Untätigkeit: „Wir wissen, dass nicht alles in der Gesundheitspolitik optimal läuft, aber besser wir starten so und arbeiten an kontinuierlichen Verbesserungen", schlägt der Ökonom vor. Einen liberalisierten Markt hält er für keine akzeptable Lösung, denn: „Die Bürger sind nicht ausreichend informiert, es käme zu großen Ungerechtigkeiten." Als Denkmodell ist der freie Markt jedoch legitim: „Was würden Menschen in der – hypothetischen – Situation, sie hätten die vollständige Information und könnten frei wählen, wirklich wollen?" Wohl kaum jemand würde sich gegen seltene Krankheiten oder eine Wachkomaversorgung im Alter versichern.

Von Mag. R. Haiden, Ärzte Woche 34/2011

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