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Foto: ©iStockphoto.com/drfelice
70 Prozent der Diabetes-Erkrankungen sind lebensstilbedingt. Lediglich 38 Prozent der Österreicher betreiben mindestens einmal die Woche Sport.
 
Gesundheitspolitik 16. August 2011

Ist der Kollaps vorprogrammiert?

Immer mehr Diabetespatienten stellen eine bisher kaum kalkulierte Belastung für das heimische Gesundheitssystem dar.

Mehr als 350 Millionen Menschen weltweit sind an Diabetes erkrankt, rund drei Millionen sterben jährlich an den Folgen – so lautet das dramatische Ergebnis einer aktuellen internationalen Studie der WHO, die Ende Juni in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurde. Damit hat sich die Zahl der Betroffenen weltweit innerhalb der letzten 30 Jahre verdoppelt.

 

Rund 70 Prozent der Erkrankungen sind lebensstilbedingt, die anderen 30 Prozent gehen auf andere Faktoren zurück. Neben dem Übergewicht spielt die höhere Lebenserwartung eine entscheidende Rolle bei der Zunahme der Diabeteserkrankungen. „Diabetes ist weltweit eine der wichtigsten Ursachen für Sterblichkeit und wird zu einer der größten Belastungen für das Weltgesundheitssystem“, stellt Studienautor Majid Ezzati vom Londoner Imperial College den westlichen Staaten die Rute ins Fenster.

Auch hierzulande warnen Experten davor, dass die Volkskrankheit zu einem Kollaps im System ausarten könnte. „Die Diabetesepidemie stellt unser Gesundheitssystem vor Herausforderungen, deren sich die Öffentlichkeit zu wenig bewusst ist. Wenn die Gesundheitspolitik jetzt nicht die richtigen Weichen stellt, wird das drastische Folgen für die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems haben“, warnt Doz. Dr. Raimund Weitgasser, Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG). Neue Hoffnung setzt der Mediziner auf die kürzlich unterzeichnete Österreichische Diabetes Charta. Sie soll wegweisend für die künftigen gesundheitspolitischen Entscheidungen in der Prävention und Behandlung von Diabetes in Österreich sein. Das Dokument benennt die wichtigsten Handlungsfelder und macht konkrete Vorschläge zur Prävention, Betreuung und medikamentösen Versorgung der Patienten sowie zur Verbesserung der strukturellen Betreuung von Kindern. Weiters wird die Notwendigkeit einer österreichweiten Patientenerfassung neuerlich betont und ein Bekenntnis zur verstärkten Forschungsförderung im Bereich Diabetes abgelegt.

Prävention entscheidet

Gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung minimieren das Risiko einer Diabetes-mellitus-Typ-2-Erkrankung. Mit Kindern und Jugendlichen sollen daher – so in der Charta besiegelt – unter Einbeziehung der Schulärzte Strategien zum Erlernen einer gesundheitsfördernden Lebensweise entwickelt werden. Weiters wird der Wille bekundet, öffentliche Aufklärungs- und Bewegungsinitiativen im Sinne von Ernährungs- und Lebensstilinterventionen für alle Bevölkerungsgruppen aktiv zu unterstützen und Einrichtungen und Programme zur qualitätsgesicherten Diabetesprävention bei Hochrisikopatienten und zur Behandlung von Fettleibigkeit zu fördern.

Ein Blick auf den aktuellen Jugendgesundheitsbericht zeigt, dass dieser Ansatz auch dringend notwendig ist, denn kaum ein Kind kann heute noch ein Seil hochklettern. In der Tat ist aber die Theorie schon längst von der Praxis überholt worden, denn Turnstunden werden gestrichen und Bewegungsräume in Schulen sind rar. „Ist die Zeit im Unterricht knapp, wird sie vom Sport abgezogen, und sind Kinder zu laut, so wird als Strafe der Turnunterricht gestrichen“, erzählt eine Wiener Volksschullehrerin. Dass daran wohl auch eine zusätzliche Ausbildung zum Kinder-Bewegungscoach an der Pädagogischen Hochschule Wien ebenso wenig wie der „Nationale Aktionsplan Bewegung“ etwas ändern wird, liegt auf der Hand. Dass Bewegung Spaß macht, wird auch selten vorgelebt, denn lediglich 38 Prozent der Österreicher treiben mindestens einmal in der Woche Sport – in Schweden sind es vergleichsweise über 70 Prozent. Experten sind sich einig, dass der Kampf gegen die Volkskrankheit und die damit verbundenen Krankheitsrisiken nur koordiniert und gemeinsam angegangen werden kann. Dazu fehlen immer noch intelligente und effiziente Strukturen, die vorrangig darauf abzielen, Verhaltensänderungen im Lebensstil jedes Einzelnen zu fördern. „Dafür betreiben wir intensive Aufklärungsarbeit und freuen uns über jedes unterstützende Engagement seitens der Politik“, betont Weitgasser.

Zahnloses Ungeheuer

Bereits im Jahr 2006 wurde für Österreich ein Diabetesplan erarbeitet und von einer breiten Front unterstützt: Unter anderem kam grünes Licht vom Ministerium, der ÖDG und den Patientenvertretern sowie den Sozialversicherungen. Der Anlass für den Plan war wohl eher ein politischer denn ein medizinischer. Österreich hatte damals den EU-Vorsitz übernommen, eine Diabetes-Konferenz wurde abgehalten und die Alpenrepublik wollte in Sachen Prävention und Therapie der Volkskrankheit Vorzeigeland werden. „Daraus ist das Disease Management Programm Diabetes (DMP) hervorgegangen, doch ist bis heute noch wenig von dem umgesetzt worden, was wir uns als Fachgesellschaft vorstellen“, resümiert Weitgasser. Die Zahlen sprechen für sich: Weniger als fünf Prozent der Patienten, das sind derzeit ca. 25.000 Betroffene, sind in das Programm aufgenommen worden. Die weitere Rekrutierung von Ärzten und Patienten läuft langsam und Weitgassers Wunsch nach einer Steigerung der flächendeckenden Betreuung ist mehr als verständlich. Ursache für die Misere ist einmal mehr das föderalistische System Österreichs, das sich auch bei der Umsetzung von DMP als Hauptverhinderer outet: „Wir haben unterschiedliche Herangehensweisen in den einzelnen Bundesländern. Kärnten hat noch nicht einmal mit dem DMP begonnen, das Burgenland fährt einen eigenen Plan und Tirol überlegt, wie es weitergehen soll“, sagt der ÖDG-Präsident. Was gemeinsam geplant wurde, findet offensichtlich in einem kleinen Land wie Österreich keinen gemeinsamen Weg in die Umsetzung. „Ich wünsche mir hier mehr Konsens, was sicher auch möglich ist, denn in Deutschland oder England ist es durchaus gelungen, derartige Programme auf eine gemeinsame Basis zu stellen“, so Weitgasser.

Besser als gar nichts ...

Bleibt die Frage offen, ob sich auch die Charta in die Reihe der wenig erfolgreichen Schritte in Richtung Diabetesprävention einreiht und es wiederum an der Verbindlichkeit wichtiger Entscheidungsträger mangelt. „Im Grunde ist es eine Awareness-Kampagne, um die Aufmerksamkeit der Politik einmal mehr in diese Richtung zu lenken. Es zeigt aufs Neue, dass vieles, was formuliert wurde, nach wie vor auf seine Umsetzung wartet“, so Weitgasser. Aufgrund der verbindlichen Unterschrift der Gesundheitslandesräte in Salzburg und der Steiermark erhofft sich der Mediziner, dass hier auch Taten folgen werden. Er weiß, dass andere Bundesländer die Diabetes Charta in der Landeshauptleutekonferenz im September auf die Tagesordnung gesetzt haben. Bundesminister Stöger hat seine Unterstützung zugesagt und bekräftigt. „Wir wollen nicht unnötig dramatisieren. Aber im Bereich Diabetes müssen wir noch viele wachrütteln!“, sagt Weitgasser.

Von R. Haiden, Ärzte Woche 29/33/2011

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