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Gesundheitspolitik 25. März 2009

Verwaiste Arbeitsplätze

Der Österreichische Fehlzeitenreport 2008 zeigt die zunehmende Stressbelastung für Arbeitnehmer auf und gibt Hinweise, wo Handlungsbedarf besteht.

In Österreich ist man wieder häufiger krank: zwölf Tage pro Jahr. Arbeitslose sogar noch häufiger: 40 Tage im Jahr. Das ist ein Ergebnis des Fehlzeitenreports 2008. Dieser vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) im Auftrag von Wirtschaftskammer, Allgemeiner Unfallversicherungsanstalt (AUVA) und der Arbeiterkammer Wien erstellte Bericht analysiert die langfristige Entwicklung der Krankenstände in Österreich sowie deren Struktur und Ursachen.

 

Im internationalen Vergleich sind zwölf Tage Krankenstand pro Arbeitnehmer und Jahr wenig. Die Gründe dafür: „Wir haben eine sehr geringe Erwerbsquote von älteren Beschäftigten“, so Studienautor Thomas Leoni. Das hängt direkt mit der hohen Zahl an Frühpensionierungen zusammen, die sich „beschönigend“ auf die Statistik auswirkt. In der Krankenstandstatistik ganz vorne liegen skandinavische Länder. Dort arbeiten die Menschen sogar länger.

Arbeitslose weisen eine signifikant höhere Krankenstandquote als Beschäftigte auf. Die Zunahme der Krankenstände ist dramatisch: Innerhalb von 15 Jahren ist der Schnitt von 19 auf 40 Tage gestiegen.

Kurze Krankenstände unter vier Tagen nehmen zu. In der Statistik ins Gewicht fallen aber lange Krankenstände von vier bis sechs Wochen und noch mehr. Wenig überraschend gibt es die vor allem bei älteren Arbeitskräften. Auch auf regionaler Ebene unterscheiden sich die Krankenstände erheblich (siehe Kasten).

Krankheiten der Atmungsorgane und des Muskel-Skelett-Systems sind zusammen mit Unfällen (Arbeit, Freizeit und Sport) für den überwiegenden Teil der Fehlzeiten verantwortlich. Die Bekämpfung dieser Ursachen fällt in die Kompetenz der AUVA, wo Prävention einen hohen Stellenwert hat. Obmann Hans-Jörg Schelling: „Ziel muss sein, die krankheits- und unfallbedingten Fehlzeiten zu senken. Das liegt sowohl im Interesse der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer.“ Er streicht die Notwendigkeit von trägerübergreifenden Kooperationen hervor. „Dabei sollte derjenige die Aufgabe übernehmen, der die meiste Kompetenz dafür hat.“

Mehr psychische Erkrankungen

Zunehmend wichtiger werden mit fünf Prozent Anteil psychische Erkrankungen als Grund für die Abwesenheit vom Arbeitsplatz. Diese liegen bei den Ursachen für den Wechsel in die Invalidenpension an zweiter Stelle. „Alle Studien zeigen“, so Leoni, „dass die psychosoziale Belastung steigt.“ Dafür verantwortlich seien die Rahmenbedingungen wie Prekarisierung, Arbeitszufriedenheit und Motivation. „Das gibt den Akteuren eine Möglichkeit zu Verbesserungen“, hofft er. Leoni betonte, dass „betriebliche Gesundheitsförderung bei einer systematischen Durchführung rein ökonomisch sehr lohnend“ ist. Der Faktor werde in Studien zwischen 1:4 und 1:10 angegeben, das bedeutet, dass sich die Volkswirtschaft für einen zur Gesundheitsförderung ausgegebenen Euro vier bis zehn Euro ersparen könnte. Noch sei dafür allerdings nicht genügend Bewusstsein vorhanden. Leoni: „Trotz steigender Verbreitung sind wir weit von einer flächendeckenden Präsenz entfernt.“

Karin Zimmermann vom ÖGB fordert, dass psychische Belastungen bei der Arbeit verstärkt präventiv behandelt werden und Gesundheitsförderung auch in allen anderen Lebensbereichen abseits der Arbeitswelt eine wichtige Rolle zukommt. Im deutschen Fehlzeitenreport wurde das Phänomen Präsentismus – Arbeitnehmer gehen trotz Krankheit zur Arbeit – näher untersucht. Gründe dafür sind unter anderem der Arbeitsdruck und die Angst um den Arbeitsplatz. Präsentismus führt langfristig zu längeren Krankenständen. „Wichtig wäre im diesem Zusammenhang ein nationales Gesundheitsförderungs- und Präventionsgesetz“, sagt Zimmermann.

Gesunde ältere Arbeitnehmer

Ähnlich sieht diese Entwicklung die Arbeiterkammer (AK). „Wenn wir die Beschäftigung von Älteren erhöhen wollen, ist eine stärkere Befassung mit den krankmachenden Faktoren in der Arbeitswelt notwendig“, so Helmut Ivansits, Leiter der Abteilung Sozialversicherung und Gesundheitspolitik in der AK-Wien. Die Forderung: Eine rasche Neuordnung der Altersteilzeit und Unterstützung von Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung als präventive Maßnahme zur Erhaltung und Förderung der Arbeitsfähigkeit.

In den kommenden Jahren dürften die Fehlzeiten weiter zunehmen, meint Wifo-Experte Leoni. Als Gründe nennt er die demografische Entwicklung und den Trend, länger im Beruf zu bleiben. Durch die Schaffung „altersgerechter Beschäftigungsmöglichkeiten“ könne man allerdings gegensteuern, so Leoni. Es sei notwendig, das Gesundheitsbewusstsein aller Menschen zu fördern. Gesundheitsförderliche Maßnahmen auf betrieblicher Ebene haben die Möglichkeit, krankenstandsverhindernd oder -verkürzend zu wirken.

 

Dr. Stefan Bayer ist Präsident der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin (AAm).

Kasten:
Regionale Unterschiede bei den Fehlzeiten
Salzburg ist das Bundesland mit den geringsten Fehlzeiten, 2006 waren dort die Beschäftigten im Schnitt nur neun Tage im Jahr krank. Die niederösterreichische und die oberösterreichische Gebietskrankenkassen verzeichneten mit 12,9 respektive 12,4 Tagen die höchsten Krankenstände, in Wien drückte die hohe Krankenstandsquote der Frauen den Durchschnitt nach oben. Die Wirtschaftsstruktur kann einen Teil dieser Unterschiede erklären, erwartungsgemäß haben Bundesländer mit einem industriellen Schwerpunkt (wie z. B. Oberösterreich) höhere, solche mit einem großen Dienstleistungssektor tendenziell niedrigere Krankenstandsquoten. Es ist aber davon auszugehen, dass sich die Unterschiede zwischen den Bundesländern aus dem Zusammenspiel von einer Vielzahl von Bestimmungsgründen ergeben.

Von Dr. Stefan Bayer, Ärzte Woche 13/2009

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