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Israel, kleines Land mit ebenso großer Geschichte wie Problemen. Doch das Gesundheitssystem und die Forschung gehören zu den besten der Welt.
 
Gesundheitspolitik 20. März 2009

Israel: Bei medizinischer Versorgung beispielhaft

„Das Gesundheitssystem in Israel ist mit jenem in Österreich vergleichbar, auch wenn es kosteneffizienter und besser ist“, sagt der Internist Dr. Jonas Zahler.

Der Standard der medizinischen Behandlung in Israel ist hoch. Eine hohe Qualität der medizinischen Mittel und der Forschungsarbeit, eine moderne Einrichtung der Krankenhäuser und eine beeindruckende Pro-Kopf-Versorgung mit Ärzten und Fachärzten sind kennzeichnend für dieses Land.

„Das Gesundheitssystem in Israel ist dem in Österreich sehr ähnlich“, erklärt der aus Österreich stammende Internist Dr. Jonas Zahler, Leiter der Ambulanz für Präventivmedizin am Herzliya Medical Center sowie Vertrauensarzt der österreichischen und deutschen Botschaft in Tel Aviv. „Das ist kein Wunder, waren es doch vor den Nazis geflohene österreichische und deutsche Ärzte, die das moderne israelische Gesundheitssystem in den 1930er-Jahren aufgebaut hatten.“

Noch im 19. Jahrhundert grassierten Krankheiten wie Ruhr, Malaria, Typhus und Trachom im heutigen Israel, damals eine unterentwickelte und vernachlässigte Provinz des Osmanischen Reichs. Um die jüdische Bevölkerung in der Altstadt von Jerusalem mit Gesundheitsdiensten zu versorgen, errichteten jüdische Gemeinschaften aus Europa eine Reihe von Kliniken in Jerusalem, in denen mittellose Bedürftige kostenlos behandelt wurden. Später expandierten sie zu Krankenhäusern: Bikur Cholim (gegründet 1843), Misgav Ladach (1888) und Shaare Zedek (1902). Alle drei existieren heute noch und sind mit modernster medizinischer Technologie ausgestattet.

Grundstock in der Mandatszeit

Der Grundstock des israelischen Gesundheitswesens mit einem Netz medizinischer Dienste wie Prävention, Diagnose und Behandlung wurde aber während der Mandatszeit von 1918 bis 1948 von der jüdischen Gemeinschaft und der britischen Mandatsverwaltung gelegt. Zum Zeitpunkt der Staatsgründung am 14. Mai 1948 war die medizinische Infrastruktur bereits weit entwickelt und den Kinderschuhen entwachsen. Darauf konnten die von den Nazis in die Emigration gezwungenen jüdischen Ärzte aufbauen.

Schon 1955 trat das Gesetz der obligatorischen Krankenversicherung für alle Staatsbürger in Kraft. Aber auch vorher waren bereits 96 Prozent aller Einwohner bei unterschiedlichen privaten Assekuranzen krankenversichert. Heute sind 100 Prozent der Einwohner Israels voll krankenversichert. Alle Staatsbürger – reich oder arm, Araber oder Juden, Frauen oder Männer – sind verpflichtet, einer der vier im Land tätigen Krankenkassen beizutreten.

„Klalit“ ist die größte und älteste Krankenkasse und versichert derzeit 54 Prozent der Gesamtbevölkerung. „Maccabi“ versichert 23, „Meuchedet“ etwa zwölf und „Leumit“ knapp zehn Prozent aller Israelis. „Vor ein paar Jahren“, erinnert sich Dr. Jonas Zahler, „hat es eine Gesundheitsreform gegeben, die das Kassenwesen auf eine neue Basis gestellt hat.“ Zahler wurde 1949 in Wien geboren, absolvierte sein Studium an der Universität Wien und danach am Wiener AKH seine Fachausbildung zum Internisten. As solcher war er dann dort lange Jahre als Oberarzt tätig, bis er 1994 mit seiner Familie nach Israel auswanderte. Zuvor, erzählt er, hätten die kleineren Kassen Patienten aufgrund ihres Alters, ihrer Erkrankungen oder aufgrund anderer Gründe ablehnen dürfen, heute müssten alle Kassen alle aufnehmen, die sich für diese Kasse entscheiden. Zudem werde nun nicht mehr direkt an die Kassen bezahlt, sondern an die staatliche Sozialversicherung – ein Teil direkt vom Lohn, der andere vom Arbeitgeber –, und diese verteile die eingehenden Kassengebühren je nach Patientenstand der Kassen auf die vier Anstalten. Hinzu kämen freilich Förderungen des Staates, der über das Gesundheitsministerium als zentrale Steuereinheit fungiere.

Ebenfalls neu sei der Umstand, schildert Zahler, dass die vier Krankenkassen nun Zusatzversicherungen anbieten dürften: „Zu sehr, sehr günstigen Tarifen.“ Einzig die Zahnmedizin werde von keiner Kassa bezahlt. „Das müssen die Menschen komplett selber bezahlen, so, als ob sie zum Friseur gehen“, erklärt der Mediziner, „aber es ist nicht so teuer. Und wenn sie nicht zu einem privaten niedergelassenen Zahnarzt gehen, sondern in eines der staatlichen Zahnambulatorien, dann bekommen sie von der Kasse zumindest einen kleinen Beitrag retour.“

Kein Problem mit Generika

In Summe aber seien die Patienten in Israel relativ zufrieden, und das System rechne sich auch. Nicht zuletzt auch deshalb, weil überall dort gespart werde, wo es dem Patienten nicht schade: „Wenn ich ein Rezept ausstelle, tippe ich den Namen des Originalpräparats in den Computer. Und der gibt auf dem Ausdruck automatisch den Wirkstoff und sämtliche in Frage kommenden Generika dazu an. Kommt mein Patient dann mit dem Rezept zum Apotheker, erhält er von diesem in der Regel jenes Generikum, das gerade lagernd ist. Nur wenn ich auf das Originalpräparat bestehe, bekommt es mein Patient. Das muss ich aber rechtfertigen.“

Die Medizin als solche sei in Israel sehr an den Vereinigten Staaten orientiert, kommentiert Zahler. Und in der medizinischen Forschung, in die der Staat sehr viel Geld investiere, sei Israel sowieso Vorbild. Europäisch hingegen sei die geringere Starrheit und große Flexibilität. Der niedergelassene Allgemeinmediziner, in Israel übrigens ein eigener Facharzt, habe einen großen Stellenwert, wenngleich die Patienten in Bereichen wie Augen, HNO, Gynäkologie oder Haut die Fachärzte auch direkt und ohne Zuweisung aufsuchen könnten.

Zahler kam zufällig nach Israel: 1994 hat er sich ein Jahr Karenzurlaub von der Uni genommen und ist mit Frau und drei Kindern nach Israel gegangen, um aus der täglichen Routine auszubrechen. „Ich hätte genauso gut Italien wählen können, aber für uns Juden war Israel naheliegender.“ Nach einigen Monaten sei es der Familie klar geworden, dass sie bleiben will. „Nicht, weil es uns in Österreich nicht gut gegangen wäre, ganz im Gegenteil, sondern weil uns die mediterrane, kinderfreundliche, offene und ungezwungene, einfach lockere Lebensweise sehr entgegenkam“, erinnert sich Zahler: „Viel Wärme, Licht, Sonne, Meer, es war wie ein nicht endender Urlaub.“

Sohn studiert in Wien

Heimweh hat er keines: „Mit dem Flieger bin ich ja in drei Stunden in Wien, wo mein Sohn Medizin studiert, was mich stolz macht und weshalb ich noch Einblick in das österreichische System habe.“ Dass die Krankenkassen am Rande des Bankrotts stehen, sei ein weltweites Dilemma. „Ich glaube aber, dass in Österreich sehr viel in Bewegung geraten ist, und bin sicher, dass die berühmte Wiener Medizinische Schule, die zweimal zerstört wurde und neu anfangen musste, heute einem neuen Höhepunkt entgegengeht. Wenn man sie finanziell nicht aushungert. Ich glaube, es wächst hier eine Generation hervorragender Ärzte auf internationalem Spitzenniveau heran und ich würde eine engere Kooperation beider Staaten in Wissenschaft und Forschung sehr begrüßen.“

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Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Tabelle:
Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet
Das israelische System zeichnet sich durch hohe Lebenserwartung und hohe Ärztedichte aus
KennwerteIsraelOECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 2.263 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 8,7 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 23.840 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 66,5 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 79,7 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner k.A. 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner k.A. 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner k.A. 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 3,7 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner k.A. 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben.
Kasten:
Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten
In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.
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Israel, kleines Land mit ebenso großer Geschichte wie Problemen. Doch das Gesundheitssystem und die Forschung gehören zu den besten der Welt.

Foto: Privat

Dr. Jonas Zahler, Wiener Internist, lebt und arbeitet heute in Tel Aviv.

Von Andreas Feiertag, Ärzte Woche

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