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Foto: Hemera Technologies / photos.com
 
Gesundheitspolitik 5. Juli 2011

„Wir steigen aus!“

Die Reaktion der Ärzte auf die Probleme bei der E-Medikation stößt bei den Projektpartnern auf Unverständnis.

Das Projekt E-Medikation läuft im Rahmen von ELGA, der elektronischen Gesundheitsakte. Ziel ist es, sämtliche vom Arzt verordneten oder vom Apotheker rezeptfrei erhältlichen Medikamente elektronisch zu erfassen, um sie auf mögliche Wechselwirkungen zu überprüfen und Mehrfachverordnungen zu vermeiden.

 

Nach langwierigen Diskussionen über Projektinhalte und -architektur startete im April ein Pilotprojekt, an dem sich Ärzte, Apotheken und Patienten in drei definierten Regionen freiwillig beteiligen sollten. Das Projektmanagement erhoffte sich ursprünglich an die 50.000 teilnehmende Patienten, eine, wie sich aber rasch herausstellen sollte, zu optimistische Erwartungshaltung. Aktuell sind es gerade einmal 5.100.

Als wesentlichen Grund für diese Divergenz nennt der Hauptverband der Sozialversicherungsträger die Opt-in-Klausel, wonach jeder Patient einer Teilnahme mittels Unterschrift zustimmen muss. „Zurzeit haben wir ein doppeltes Opt-in, das funktioniert nicht. Es hat sich gezeigt, dass wir ein Opt-out brauchen“, sagt DI Volker Schörghofer, stellvertretender Generaldirektor und im Hauptverband für das Projekt E-Medikation verantwortlich.

Streit um Software

Außerdem beteiligten sich 55 Apotheken und 105 Ärzte am Pilotprojekt – zumindest bis zum Ausstiegsaufruf der Ärztekammer, der die Projektpartner via APA-Aussendung erreichte. Offizieller Grund für das „Stopp“ der Ärztekammer ist ein Bescheid des Bundesvergabeamtes, wonach die Auftragsvergabe für die Software des Projekts gesetzeswidrig ohne Ausschreibung erfolgte. Dem Projekt sei damit der rechtliche und organisatorische Boden entzogen, argumentiert die Ärztekammer und setzt die weitere Teilnahme so lange aus, bis die „Sachlage rechtsverbindlich geklärt“ ist. Die beteiligten Ärzte werden aufgefordert, keine neuen Patienten zu akquirieren und keine neuen Patientendaten in die Verordnungsdatenbank einzutragen. Dorner wies in einer aktuellen Aussendung neuerlich auf die rechtswidrige Auftragsvergabe an die Software-Firmen durch den Hauptverband hin. „Im Sinne der Wichtigkeit dieses Projektes wäre es jetzt dringend erforderlich, dass das Gesundheitsministerium und der Hauptverband umgehend dafür sorgen, dass der Testbetrieb der E-Medikation unter sauberen, rechtlich einwandfreien Bedingungen weiterlaufen kann“, forderte der Ärztepräsident.

Im Zusammenhang mit der Auftragsvergabe hob Dorner „den Dschungel der Vertragskette“ hervor. So habe die Bundesgesundheitskommission den Hauptverband der Sozialversicherungen mit der Projektleitung betraut, mit der Umsetzung des Gesamtprojektes E-Medikation wurde die Tochterfirma des Hauptverbandes SVC befasst. Weitere Verträge wurden mit zwei Arzt-Softwarefirmen und mit der pharmazeutischen Gehaltskasse abgeschlossen. Diese hat wiederum ein Vertragsverhältnis mit dem Apothekerverlag und der Firma Siemens. Hier müsste laut Dorner Transparenz hinsichtlich der Interessenslagen der involvierten Organisationen und Unternehmen geschaffen werden. Die Projektpartner zeigen sich vom Vorgehen der Ärztekammer überrascht und reagieren mit Unverständnis. „Ich finde es bedauerlich, dass ein so wichtiges Projekt durch bewusste Falschinformation und Verunsicherung gefährdet wird“, sagt Schörghofer und hofft, „dass die Ärzte auf die konstruktive Seite zurückkehren werden.“

Zumindest diese Hoffnung sollte sich erfüllen. „Die Ärztekammer boykottiert das Pilotprojekt nicht“, präzisiert MR Dr. Norbert Jachimowicz die Position der Standesvertretung, „sie setzt ihre Beteiligung nur bis auf Weiteres aus, bis die offenen Punkte juristisch eindeutig geklärt sind. Aber wir reden natürlich weiter mit dem Hauptverband.“

Verwunderung & Verunsicherung

Trotz der Gesprächsbereitschaft bleiben die Ärzte aber insgesamt kritisch gegenüber dem Projekt, sagt Jachimowicz: „Was wir bisher in der Pilotphase gesehen haben, stimmt uns nicht zuversichtlich.“ Zu technischen Problemen sowie ungeklärten finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen kämen auch inhaltliche Bedenken. So sei ein System, das dem Arzt passive Hilfe durch Informationen anbietet, zwar grundsätzlich okay, nicht aber, wenn es die ärztliche Entscheidungsfreiheit einengt oder Vorschreibungen macht. Denn letztendlich sei Medikamenteninteraktion eine äußerst diffizile Arbeit am konkreten Menschen, „die lässt sich weder standardisieren noch elektronisch abarbeiten. Jeder Mensch ist anders und damit auch die Wirkung der Medikamente.“

Sicherheit hat Priorität

„Das Projekt in der vorliegenden Form wird kein Erfolgsprojekt werden“, sagt auch Doz. Dr. Robert Hawliczek von der Ärztekammer Wien und erwartet sich noch deutliche Verbesserungen in Richtung Funktionalität und Datenqualität. Die Behauptung sei jedenfalls „skurril“, so Hawliczek in Richtung der Kritiker, dass die Ärzte die Patientensicherheit torpedieren würden: „Sicherheit hat für uns Ärzte höchste Priorität.“ Bei der E-Medikation gehe es der Wirtschaft ausschließlich darum, das System kosteneffizienter zu machen.“

„Wir haben das alles schon einmal erlebt, damals bei der Einführung der e-card“, sagt einer dieser Kritiker, Dr. Martin Gleitsmann von der Plattform Gesundheitswirtschaft in der Wirtschaftskammer. Gleitsmann spricht von einem „Déjà-vu-Erlebnis“, das ihn frappant an vergangene Debatten im Gesundheitswesen erinnere. „Es geht überhaupt nicht darum, dass wir gemeinsam ein gutes Projekt abwickeln. Es geht nur mehr darum, dass einzelne Berufsgruppen ihre Pfründe verteidigen wollen und blockieren.“ Für ihn sei der Aufruf der Ärztekammer jedenfalls „skandalös und vollkommen unverständlich“. Zurückhaltender drückt der Präsident der Apothekerkammer seine Kritik aus, wenn er von einer „nicht ganz verständlichen Vorgangsweise“ der Ärzte spricht: „Wir sollten den Pilotversuch durchführen und schauen, was rauskommt. Ich sehe derzeit eine zunehmende Bereitschaft von Apothekern und auch von Patienten, hier mitzutun.“

Patientenzustimmung

Trotz der geringen Teilnahme am Pilotprojekt kommt seitens der Patienten ein deutliches Signal in Richtung Zustimmung zur E-Medikation. Laut einer aktuellen Oekonsult-Umfrage sprechen sich 84 Prozent dafür aus und lehnen eine vorzeitige Beendigung ab. Viele Experten sehen daher den Hauptgrund für die zurückhaltende Teilnahme in einer mangelnden Informations- und Kooperationsbereitschaft der Ärzte. So meint etwa Heinz K. Becker, Generalsekretär des Österreichischen Seniorenbundes: „Viele unserer Mitglieder in den Pilot-Regionen haben vergebens versucht, bei ihren Ärzten Informationen dazu zu erhalten, wo und wie sie an dem für sie so interessanten Projekt teilnehmen können. Leider sind die Rückmeldungen ärgerlich und enttäuschend: Zumeist wurde so getan, als wüsste man nichts oder als berge die Teilnahme am Projekt Risiken für die Patienten. Das ist inakzeptabel und rasch abzustellen.“ Für Becker stellt die E-Medikation jedenfalls einen „wichtigen Schritt hin zu mehr Patientensicherheit und Transparenz“ dar.

Ganz anders sieht das der Österreichische Hausärzteverband, der seine Patienten per Plakat dezidiert vor einer Teilnahme warnt: „Überlegen Sie es sich gut, bevor Sie eine Zustimmungserklärung zum Projekt E-Medikation und ELGA unterschreiben. Wir Ärzte sehen keinen einzigen guten Grund, eine Zustimmungserklärung abzugeben, aber viele Gefahren für die Vertraulichkeit unseres Arzt-Patientenverhältnisses.“

Von V. Weilguni, Ärzte Woche 27/28/2011

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