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Gesundheitspolitik 5. Juli 2011

Folgeschäden noch ungewiss

Erste Daten des EHEC-HUS-Registers in Deutschland werden etwa in einem halben Jahr erwartet.

Das Gröbste des EHEC-Ausbruchs ist überstanden, der neue Keim zirkuliert aber weiter. Für viele Patienten ist der Ausgang noch ungewiss, wie PD Dr. Karl Wagner von der Asklepios-Klinik Hamburg-Barmbek berichtet.

 

Herr PD Dr. Wagner, ist der aktuelle EHEC-Ausbruch aus Ihrer Sicht vorbei?

Wagner: Nein. Wir haben in unserer Klinik nach zehn Tagen ohne Neuzugänge am Donnerstag erneut einen Patienten mit hämolytisch-urämischem Syndrom (HUS) aufgenommen. Der Keim hat sich in der Umwelt festgesetzt, er wurde ja zum Beispiel aus einem Bach bei Frankfurt am Main isoliert. Unter den genesenden Patienten wird es möglicherweise EHEC-Dauerausscheider geben. Wir werden mit einer hoffentlich niedrigen Grundaktivität immer wieder Neuerkrankungen haben.

 

Die Asklepios-Klinik in Hamburg Barmbeck war von der EHEC-Krise mit am stärksten betroffen. Was waren die schwierigsten Aufgaben?

Wagner: Es handelt sich um eine ganz neue Dimension von EHEC-HUS. Die Betroffenen waren fast alle fünf bis zehn Tage auf der Intensivstation. Bei Rückgang der Hämolyse traten bei den Patienten dann überraschend häufig neurologische Komplikationen auf, von Aphasie über epileptische Anfälle bis hin zum Koma. Es gab Angstzustände und Orientierungsprobleme. Ursache der neurologischen Symptome sind sicher auch nachweisbare Läsionen im Hirnstammbereich.

 

Welche Belastungen gab es in der Klinik?

Wagner: Für die etwa 100 stationär aufgenommenen EHEC-Patienten haben wir zwei Stationen bereitgestellt. Zusätzlich waren 31 weitere Patienten an HUS erkrankt. Sie benötigten innerhalb von vier Wochen 245 Plasmaseparationen. Normalerweise machen wir 50 bis 60 Plasmaseparationen im Jahr. Für jede Behandlung sind 15 bis 20 Beutel Gefrierplasma à 250 ml erforderlich, das heißt, wir haben Plasma von 900 Blutspendern verbraucht. Unser Pflegepersonal hat Tag und Nacht gearbeitet und etwa 3.000 Überstunden aufgebaut. Für die Versorgung haben wir zusätzliches Personal von niedergelassenen Nephrologen und vom Kuratorium für Heimdialyse zur Verfügung gestellt bekommen. Alleine wäre diese Krise nicht zu bewältigen gewesen.

 

Welche Spätschäden sind bei den Patienten zu erwarten?

Wagner: Von unseren 31 HUS-Patienten sind aktuell noch drei Patienten an der Dialyse. Ein Patient ist gestorben und bei einem weiteren wird es wahrscheinlich zu einem dauerhaften Nierenversagen kommen. Die neurologischen Erscheinungen klingen zwar ab, aber bei einigen haben wir immer noch Angstzustände und andere psychische Störungen zu verzeichnen. Die Zukunft muss zeigen, ob Spätschäden bestehen bleiben. Betroffene behandeln wir weiter mit Eculizumab. Hier besteht die Hoffnung, dass die Komplementblockade mit dem Antikörper auch die noch bestehenden Schäden der Shigatoxin-Wirkung im Gehirn abmildert. Studiendaten für die Behandlung bei dieser besonderen Form von EHEC-HUS mit einem ganz neuen Keim gibt es nicht. Es ist daher sehr wichtig, dass jetzt die Therapien, sei es mit dem Antikörper oder der Plasmaseparation, bei den bundesweit über 600 HUS-Patienten mithilfe des HUS-Registers in der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie ausgewertet werden. Daten sind in etwa einem halben Jahr zu erwarten. Ich selbst habe den Eindruck, dass die Therapien gut gewirkt haben, kann mich aber irren.

Das Interview wurde von Wolfgang Geissel für die deutsche Ärzte Zeitung geführt. Die Langfassung kann im Web nachgelesen werden unter: http://www.springermedizin.at/fachbereiche-a-z/ i-o/innere-medizin/infektologie/?full=22814

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