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Dr. Peter Gausmann Geschäftsführer der Gesellschaft für Risiko-Beratung

 
Gesundheitspolitik 27. Juni 2011

Vernetzte Operation

Spitalsreform

Durch Kooperationen können sowohl die Effizienz und die Qualität der Behandlung als auch die Sicherheit des Patienten erhöht werden. Voraussetzung ist eine verbesserte Kommunikation.

Seit Monaten wird um die Eckpfeiler einer bundesweiten Spitalsreform gerungen. Im Fokus ist dabei stets die nachhaltige Finanzierbarkeit des Systems. Neben den bekannten Vorschlägen in Richtung Konzentration der Kräfte und Optimierung der Kapazitäten durch eine zentrale Planung könnte auch die verbesserte Kooperation der Gesundheitseinrichtungen ein adäquates Mittel zur Effizienzsteigerung darstellen.

 

Vorschläge zur Spitalsreform kommen fast im Stundentakt von allen maßgeblichen, manchmal auch von weniger maßgeblichen Stellen. Alle sind sie auf der Suche nach dem großen Einsparungspotenzial, um die immer weiter ausufernden Kosten des Systems zumindest einzudämmen. Viele meinen, dieses Potenzial in der Zusammenlegung von Spitälern, der Reduktion von Akutbetten oder dem Ausbau der ambulanten Einrichtungen finden zu können und argumentieren dies durchaus zwingend. Auf Landesebene wird mancherorts auch schon zur Tat geschritten, wie etwa in Oberösterreich, wo die Landesregierung erst kürzlich einstimmig eine umfassende Spitalsreform beschlossen hat, die innerhalb der nächsten zehn Jahre Einsparungen von 2,3 Milliarden Euro bringen soll. Kernpunkt der OÖ-Reform ist der Abbau von 778 Spitalsbetten, Zusammenlegungen und Umwandlungen von Abteilungen. Personalvertreter, die einen massiven Stellenabbau befürchten, sowie Kommunalpolitiker, die ihre regionalen Krankenhäuser ausgedünnt und filetiert sehen, haben zu Protestaktionen aufgerufen. Das Thema ist emotional aufgeladen und konfliktreich, gesellschafts- und sozialpolitische Diskussionen – aber auch Aktionen wie in Oberösterreich – sind nicht ausgeschlossen.

In die Diskussion kommen daher immer öfter auch alternative oder jedenfalls begleitende Maßnahmen, die ebenso Einsparungspotenzial versprechen, ohne dabei mit der Brechstange ans Werk gehen zu müssen. Eine solche Maßnahme sehen viele Gesundheitsexperten in der verbesserten Zusammenarbeit der Krankenhäuser. „In der öffentlichen Diskussion über die Finanzierungsprobleme im Gesundheitssystem geht es hauptsächlich um die Schließung von Spitälern und andere Leistungskürzungen“, kritisiert der Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe, Dr. Michael Heinisch, „darüber hinaus wird ein großes Potenzial für Einsparungen einfach ignoriert: Die Kosten könnten stark gesenkt werden, wenn die Krankenhäuser mehr kooperierten – auch die Leistung für die Patienten würde damit besser werden. Spitäler sind zu oft noch als Einzelkämpfer unterwegs – das treibt nur die Kosten in die Höhe, ohne echten Nutzen für die Patienten.“ Als Gegenentwurf präsentiert Heinisch das Modell der fünf Spitäler der Vinzenz Gruppe in Wien, die zu einem „Großspital an mehreren Standorten“ umstrukturiert wurden, indem Leistungen und Administrationsaufgaben sinnvoll gebündelt werden konnten (siehe dazu auch Kommentar „Standpunkte“ auf Seite 2).

Integrierte Versorgung

Neben einer verbesserten Kooperation zwischen einzelnen Krankenhäusern gibt es aber auch noch viel Optimierungspotenzial an den Schnittstellen, etwa zum niedergelassenen Bereich oder am anderen Ende zu den Pflegeeinrichtungen – Stichwort: Integrierte Versorgung. „Insbesondere pflegebedürftige Menschen wechseln mit steigendem Alter häufiger zwischen Pflegeheim und Krankenhaus. Um diese Anforderungen besser bewältigen zu können, sind Kooperationen notwendig“, sagt Heinisch. Dabei geht es oft gar nicht so sehr um den mangelnden Willen der Beteiligten, sondern um fehlende gesetzliche oder organisatorische Rahmenbedingungen: „Wenn ein Krankenhaus und ein Pflegeheim an einem Standort sind, dann dürfen nach heutiger Gesetzeslage die Spitalsärzte keine Bewohner im Pflegeheim behandeln. Das Pflegeheim muss jeden Patienten zu einem niedergelassenen Facharzt aus der Umgebung bringen – inklusive vorheriger Zuweisung durch einen Allgemeinmediziner, Krankentransport, Begleitperson und Wartezeit. Dieser unnötige Aufwand ist sogar notwendig, wenn die Spitalsärzte mit der Geschichte des Patienten bereits vertraut sind.“

Eine weitere Hürde sei auch die Finanzierung der Kurzzeitpflege, beispielsweise nach einer Operation: Derzeit wird es für die Patienten teurer, wenn sie einer Verlegung vom Krankenhaus in eine Pflegeeinrichtung zustimmen. Für die Zeit im Krankenhaus zahlen Patienten 10 Euro am Tag. In einem privaten Pflegeheim hingegen muss der Patient als Selbstzahler die Kosten der jeweiligen Pflegestufe tragen, zum Beispiel Pflegestufe 3 mit 3.500 Euro pro Monat – oder es werden über den Fonds Soziales Wien 80 Prozent der Pension einbehalten. Bei den Kosten für das Gesundheitssystem ist es genau umgekehrt: Ein Tag im Pflegeheim kostet die Steuerzahler nur ein Drittel im Vergleich zum Krankenhaus.

Standardisierte Kommunikationstools

120.000 Schadensfälle in Krankenhäusern hat die deutsche Gesellschaft für Risiko-Beratung (GRB) in den vergangenen 15 Jahren analysiert und dabei festgestellt, dass „sehr viele Schadensfälle passieren, weil an den Schnittstellen zu den vor- oder nachgelagerten Einrichtungen die notwendigen Informationen nicht fließen“, sagt Dr. Peter Gausmann, GRB-Geschäftsführer. „Eine verbesserte Kommunikation an den Schnittstellen zum Krankenhaus ist daher ein wesentlicher Schlüssel zu einer funktionierenden ineinander greifenden Kooperation im Sinne einer integrierten Behandlung“. Der Experte berät Krankenhäuser in der Frage, wie sich Behandlungsfehler vermeiden lassen. Er bewertet die Sinnhaftigkeit von Kooperationen vorwiegend aus der Perspektive des Klinischen Risikomanagements. Der Vernetzung der Akteure durch standardisierte Kommunikationstools komme in Zukunft jedenfalls wesentliche Bedeutung zu, meint Gausmann und hält in diesem Zusammenhang auch die Implementierung von elektronischen Hilfsmitteln wie etwa der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) als wichtige Instrumente zur Vernetzung zwischen den Gesundheitseinrichtungen für zielführend. „Mehr Transparenz innerhalb eines klar definierten Raumes dient eindeutig der Patientensicherheit“, ist Gausmann überzeugt.

Auf einen Punkt sollte bei allen Bemühungen jedenfalls nicht vergessen werden: Ökonomie und Wirtschaftlichkeit stellen wichtige Faktoren in den Reformplänen unseres Gesundheitssystems dar. Funktionieren werden solche Pläne aber am Ende nur dann, wenn die Verbesserung der Behandlungsqualität und der Patientensicherheit der wahre Motor hinter allen Überlegungen ist. Mehr Wirtschaftlichkeit wird dann ein angenehmer Begleiteffekt sein.

Von V. Weilguni , Ärzte Woche 26 /2011

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