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Gesundheitspolitik 21. Juni 2011

Verschwenden oder verwenden

Die Politik ist gefordert, gesetzliche und strukturelle Maßnahmen für Blutkomponenten zu erarbeiten.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO haben 82 Prozent der Menschen keinen sicheren Zugang zu sauberen Blutspenden. Dieser Mangel hat weitreichende Auswirkungen auf die Sterberate, insbesondere in Entwicklungsländern. So könnten beispielsweise mit ausreichendem Blutersatz jährlich bis zu 150.000 Frauen gerettet werden, die an den Folgen einer komplikationsreichen Schwangerschaft oder Geburt sterben. Angesichts dieser Zahlen verwundert es wenig, dass Medienberichte über die „Blutverschwendung“ in heimischen Krankenhäusern die Volksseele wieder einmal erhitzten.

 

Blut und die daraus hergestellten Blutkonserven sind nach wie vor auf keine andere Art und Weise zu gewinnen als durch Blut von freiwilligen Spendern. Das Durchschnittsalter der Blutspender liegt derzeit bei rund 45 Jahren. „Der demografischen Entwicklung folgend, gibt es in Hinkunft immer weniger junge Menschen, die als Spender infrage kommen, und immer mehr ältere Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr spenden können“, mahnt Werner Kerschbaum, stellvertretender Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes. „Andererseits erlaubt es die medizinische Entwicklung, dass immer mehr operative Eingriffe auch noch in hohem Alter vorgenommen werden und demnach der Blutverbrauch nicht sinken wird. Das stellt das Rote Kreuz vor die Herausforderung, auch in Zukunft genügend Menschen für das Blutspenden zu motivieren.“

Land der Spender

Dass Blut grundsätzlich ein sensibles Thema in der Öffentlichkeit ist, hat auch das Forschungs- und Beratungsinstitut OEKONSULT kürzlich festgestellt. Unter dem Titel „Spenderblut 2011“ wurde eine Umfrage zur Einstellung der Österreicher zum Thema Blutspenden und Umgang mit Fremdblut durchgeführt. „Österreicher bleiben weiterhin begeisterte freiwillige Blutspender, wollen aber die Verschwendung von Spenderblut abgestellt wissen“, fasst OEKONSULT-Chef Joshi M.A. Schillhab die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Nach Medienberichten, wonach der Rechnungshof den sorglosen und teuren Umgang mit Spenderblut und Blutkonserven im Wiener AKH massiv kritisierte, ist der Ruf nach verbessertem Blutmanagement und verschärften Kontrollen besonders laut geworden. Für 95 Prozent der Befragten ist Blut etwas ganz Besonderes. Diese außerordentliche emotionale qualitative Besetzung birgt gleichzeitig einen unvergleichbaren gesellschaftlichen, aber auch kommerziellen Wert, auf der anderen Seite aber auch höchste Verantwortung, Risiko und Verpflichtung für alle, die mit Spenderblut zu tun haben. Schätzungen, wie viele Blutkonserven ohne echte medizinische Notwendigkeit verabreicht würden, gehen krass an der Realität vorbei, die in zwei Benchmarkstudien der Bundesgesundheitsagentur erhoben wurden. So meint jeder zweite Befragte, es könnten rund 10 Prozent an Spenderblut eingespart werden, die ohne echte medizinische Notwendigkeit eingesetzt würden. Experten sehen hingegen durchaus rund sechs Mal so hohe Sparpotenziale. Die Politik, und hier ganz besonders der Gesundheitsminister, ist nun gefordert, wirksame gesetzliche und strukturelle Maßnahmen zu erarbeiten, um die Gewinnung, den Einsatz und die Vermarktung von Spenderblut „öffentlich, transparent und nachvollziehbar“ zu machen. Diese Meinung vertreten 84 Prozent der heimischen Bevölkerung. „Wichtig für die Menschen ist, dass das mögliche Einsparungspotenzial keinerlei negative Auswirkungen für die Patienten nach sich zieht“, so Schillhab. Eine deutliche Mehrheit der Befragten, konkret 69 Prozent, spricht sich für professionelles Blutmanagement aus, weniger als 5 Prozent sind mit dem gegenwärtigen Status völlig zufrieden.

Die Benchmarkstudie

Die zweite Benchmarkstudie zur Optimierung des Einsatzes von Blutkomponenten im Auftrag der Bundesgesundheitsagentur stellt einen wichtigen Beitrag im Zusammenhang mit den dringlich notwendig gewordenen Umstrukturierungen im Krankenanstaltenwesen dar. „Bei nahezu allen untersuchten Krankenanstalten im Bereich der elektiven orthopädischen Chirurgie könnte bei unverändertem Krankheitsverlauf eine deutliche Reduktion des Verbrauchs von Blutkomponenten verzeichnet werden, ebenso bei zwei der sechs untersuchten herzchirurgischen Zentren. Insgesamt ist dies zwar eine klare Verbesserung, allerdings liegen die Transfusionsraten in Österreich immer noch weit über den internationalen Werten“, weiß Prof. Dr. Hans Gombotz, Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am AKH Linz, einem der Spitäler, die an der Studie teilgenommen haben. „Bei den orthopädischen Patienten kommen 16  Prozent anämisch auf den Operationstisch und bei den herzchirurgischen 26 Prozent, obwohl in der Regel genügend Zeit zur Verfügung stünde, die Anämie zu korrigieren“, sagt Gombotz. Als Folge erhalten diese Patienten immerhin bis zu viermal so viel Blutkonserven wie die nicht-anämischen bzw. diejenigen, deren Anämie vor dem Eingriff korrigiert wurde. Auch die Variabilität des Verbrauchs zwischen den einzelnen Krankenanstalten ist noch immer deutlich zu hoch: bei vergleichbaren Fällen wurden Transfusionsraten zwischen 7,3 und 58,1 Prozent beim Hüftgelenksersatz (Faktor 1 zu 8), zwischen 4,0 und 71,4 Prozent beim Kniegelenksersatz (Faktor 1 zu 18) und zwischen 42 und 74 Prozent bei Herzoperationen festgestellt.

Für Gombotz ist eine wichtige Ableitung aus den Ergebnissen der Benchmarkstudien, dass ein Patient Blood Management (PBM) nachhaltig und landesweit als Behandlungsstandard eingeführt werden soll. „Dazu ist es notwendig, das Benchmarking und die Evaluierung für den Einsatz von Blutkomponenten kontinuierlich fortzusetzen, denn Voraussetzung eines optimalen Einsatzes von Blutprodukten sind ein adäquates Datenmanagement und entsprechende Datenqualität“, so der Mediziner.

Nachhaltige Maßnahmen

Als eine Maßnahme zur Erreichung des empfohlenen Ziels sieht er die Errichtung und Ausweitung von Anästhesieambulanzen: „Diese Einrichtung ist wesentlich für die perioperative Behandlung von Patienten. Hier wird nicht nur die Narkose- und Operationstauglichkeit festgelegt, sondern auch die Behandlung von Risikofaktoren eingeleitet. Dazu gehört natürlich auch in Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Bereich die Behandlung der präoperativen Blutarmut, um das Anämie- und damit das Transfusionsrisiko zu reduzieren.“ Derzeit wird durch die EU-Richtlinien und abgeleitete österreichische Gesetze und Verordnungen die Produktsicherheit von Blut und Blutprodukten geregelt. „Das ist aber nicht ausreichend für die Gewährleistung der Patientensicherheit. Erst durch die Einführung patientenorientierter PBM-Leitlinien kann diesem Anspruch Rechnung getragen werden“, ist Gombotz überzeugt.

Aber auch in der Ausbildung seien Reformen notwendig, so etwa die Entwicklung von PBM-Curricula in den medizinischen Fakultäten: „Die Aufnahme des PBM-Konzeptes in der studentischen Ausbildung aller Medizinischen Universitäten wäre ein wichtiger Schritt und Grundlage für eine krankenhausspezifische Ausbildung, die bereits in einigen Krankenanstalten angeboten wird. Ein postgradualer drei-semestriger PBM-Lehrgang wird in Kürze an der Med Uni Graz angeboten“, freut sich Gombotz. Last but not least hofft der Mediziner auch auf Unterstützung in der Aufklärung der Öffentlichkeit: „Derzeit herrscht in der Öffentlichkeit noch die Meinung vor, dass die Bluttransfusion immer eine grundlegende lebensrettende Maßnahme sei. Dies kann in bestimmten Fällen richtig sein, neue Ergebnisse haben aber gezeigt, dass die häufig nicht-indizierten Transfusionen massive Nachteile für den Genesungsprozess haben. Daher sollte der Paradigmenwechsel hin zum Patient Blood Management der Bevölkerung durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit bewusst gemacht werden.“

Von R. Haiden, Ärzte Woche 25 /2011

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