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In Österreich werden grundsätzlich keine Non-Residents, also Menschen, die nicht im Inland wohnen, auf Organ-Wartelisten gesetzt.
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Prof. Dr. Ferdinand Mühlbacher Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie am AKH Wien und Leiter der Abteilung Transplantation der Medizinischen Universität Wien

 
Gesundheitspolitik 7. Juni 2011

Niemals gut genug

Österreich zählt bei Organspenden und -transplantationen zur europäischen Spitze. Zufriedenheit ist trotzdem fehl am Platz, denn noch immer sterben Menschen, während sie auf der Warteliste stehen. Letzte Woche war der Weltorganspendetag

Prof. Dr. Ferdinand Mühlbacher, Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie am AKH Wien und Leiter der Abteilung Transplantation der Medizinischen Universität Wien, im Interview über Erfolge, kriminelle Machenschaften und aktuelle Probleme der Transplantationschirurgie.

 

Was Transplantationen betrifft, ist Österreich Spitze in Europa. Parallel zur Quantität ist auch die Qualität hoch, basierend auf der entsprechenden Erfahrung und Routine bei chirurgischen Eingriffen. Für 2010 weist Österreich eine Quote von 23 Organspendern pro Million Einwohner aus. Das liegt zwar knapp unter dem Wert von 2009, ist aber immer noch ein europäischer Spitzenwert. Vor uns liegen nur Spanien mit deutlich über 30 Spendern, außerdem Portugal, Kroatien und Belgien. Klar hinter uns Deutschland oder England. Die gute Position Österreichs spiegelt sich auch in der Anzahl der internationalen Kongresse wider, die hierzulande stattfinden, oder in der Tatsache, dass die renommierte europäische Fachzeitschrift Transplant International in Österreich herausgegeben wird.

Zufrieden kann man als Transplantationsmediziner trotzdem nicht sein, solange über 1.000 Patienten auf den Wartelisten für eine Organtransplantation stehen und manche davon sterben. So erleben 20 bis 25 Prozent der Leute, die auf eine Lebertransplantation warten, diese nicht mehr. Und auch um den Medizinernachwuchs ist es nicht gut bestellt.

 

Warum gibt es bei Transplantationschirurgen Nachwuchsprobleme?

Mühlbacher: Ein Grund dafür sind die ungünstigen Rahmenbedingungen. Während Chirurgen im Allgemeinen mit überdurchschnittlichen Belastungen und Arbeitszeiten konfrontiert sind, kommt bei Transplantationschirurgen noch dazu, dass diese zum überwiegenden Teil abends, nachts oder an den Wochenenden stattfinden. Das hat etwas mit OP-Ökonomie zu tun. Transplantationen sind eben nicht planbar, werden daher in die Tagesrandzeiten gelegt, wenn die OP-Säle leer stehen. Auch die ständige Abrufbarkeit und Bereitschaft ist nicht familienfreundlich und hält viele Jungärzte davon ab, in diesen Bereich zu gehen. Aus meiner Sicht wird es notwendig sein, sich entsprechende Incentives zu überlegen, etwa Organentnahmen auf Honorarbasis anstatt auf Überstundenbasis durchzuführen. Das würde Ärzten einen Zusatzverdienst bringen und andererseits die Kosten für die Gesellschaft senken, weil Honorare dem Steuerzahler billiger kommen als Überstunden. In der Szene käme ein solcher Ansatz gut an. Wir haben es aber noch nicht geschafft, das nach oben hin auch durchzusetzen.

 

Lässt sich die Tatsache, dass Österreich bezüglich der Spender deutlich besser dasteht als etwa Deutschland, mit den unterschiedlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen erklären?

Mühlbacher: Das mag auf den ersten Blick so erscheinen, weil in allen Ländern, die in der Statistik vorne liegen, die Widerspruchsregelung gilt. Aber letztendlich ist das, was Politiker in Gesetze gegossen haben, nur eine Reflexion auf die Grundeinstellung der Bevölkerung. Wenn man etwa in Deutschland morgen allein das Gesetz ändern würde, hätte das aus meiner Sicht keinen signifikanten Einfluss auf die Quoten.

 

Wie weit ist die Transplantationsmedizin aus technischer Sicht heute?

Mühlbacher: Bei den traditionellen Organen – also Niere, Herz und Leber – haben wir den Plafond ziemlich erreicht. Bei der Niere liegen wir bezüglich der Einjahres-Organfunktion bei 90 Prozent und einer Halbwertszeit von neun Jahren, bei Herz und Leber zwischen 85 und 90 Prozent sowie einer Halbwertszeit von 15 Jahren. Besonders erfolgreich sind wir auch bei Lungentransplantationen, wo inzwischen die Einjahres-Organfunktion ebenfalls über die 85 Prozent-Marke geklettert ist. In Wien werden mehr als 100 Lungentransplantationen im Jahr durchgeführt.

 

Machen wir einen Blick über die Grenzen: Sind kriminelle Machenschaften im internationalen Organhandel so präsent, wie sie in Spielfilmen und Dokumentationen dargestellt werden?

Mühlbacher: Nun, viele dieser grauslichen Geschichten sind leider wahr, auch wenn sich nicht abschätzen lässt, wie groß der illegale Markt tatsächlich ist. Ein Beispiel: Die Lebendspende auf kommerzieller Basis wird in fast allen Ländern strafrechtlich verfolgt. Es gibt aber immer wieder glaubhafte Berichte, dass Moldawier in die Türkei reisen, um sich ein Organ entnehmen zu lassen und dann mit entsprechender Gage, aber ohne ärztliche Betreuung wieder nach Hause fahren.

 

In Österreich wird aktuell viel über Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Medizin diskutiert. Welche Relevanz hat das in Ihrem Bereich?

Mühlbacher: Transparenz ist bei uns im Sinne der Nachvollziehbarkeit voll gegeben, auch wenn sie im Einzelfall für Betroffene nicht immer verständlich ist. Die Zuteilung der Spenderorgane erfolgt über die Eurotransplant mit Sitz in Holland. Sie organisiert die Zuteilung der Organe an geeignete Empfänger. Die Allokation erfolgt anhand von objektiven, zwischen den Mitgliedstaaten akkordierten Kriterien mithilfe eines Computerprogramms. Damit ist eine Berücksichtigung interner Interessen praktisch ausgeschlossen.

Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt es insofern, als in Österreich grundsätzlich keine Non-Residents – Menschen also, die nicht in Österreich wohnen und hier nicht in Behandlung sind – auf Organ-Wartelisten aufgenommen werden. Diese „Klub-Lösung“ ist aus ethischer Sicht umstritten, es herrscht in der Medical Community aber weitgehender Konsens. Wir sehen keine Alternative, ohne einem breiten Organspende-Tourismus Tür und Tor zu öffnen.

 

2010 wurde eine neue EU-Richtlinie für Transplantationen beschlossen, die bis 2012 umgesetzt werden muss. Hat das Auswirkungen auf Österreich?

Mühlbacher: Kaum, weil die Richtlinie vorwiegend Qualität und Sicherheitsstandards betrifft, Audits und Zertifizierungen verlangt. Da sind wir ohnehin schon auf einem hohen Niveau. Es wird sich höchstens der bürokratische Aufwand erhöhen. Für einige EU-Länder wie etwa Rumänien hingegen wird die EU-Direktive durchaus Verbesserungen bringen.

 

Das Gespräch führte Mag. Volkmar Weilguni

Transplant – Zahlen und Fakten
Laut Transplant-Jahresbericht des Koordinationsbüros für das Transplantationswesen (der Bericht 2010 wird erst veröffentlicht) wurden 2009 in Österreich 209 verstorbene Organspender gemeldet und in der Folge auch explantiert. Das sind 25 Organspender pro Million Einwohner. 725 Organtransplantationen mit Organen verstorbener Organspender wurden durchgeführt. Neben der Organspende von Verstorbenen gewinnt die Lebendspende zunehmend an Bedeutung, 65 Transplantationen konnten 2009 mit Organen von Lebendspendern erfolgen. Gegenüber 2008 wurden um 30 Prozent mehr Leber-, um 22 Prozent mehr Herz- und um 20 Prozent mehr Nieren-Transplantationen durchgeführt. Transplantiert wird in vier Transplantationszentren. Neben den drei Universitätskliniken, die grundsätzlich alle infrage kommenden Organe transplantieren können, bietet das Transplantationszentrum Linz (AKH und KH der Elisabethinen) ausschließlich Nieren-Transplantationen an.

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