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Ghana ist kein Land, das aufgrund von Dürrekatastrophen oder politischer Instabilität Nahrungsmittelmangel hat. Das Problem liegt in der Verteilung.
 
Gesundheitspolitik 12. März 2009

Hohe Kindersterblichkeit im goldreichen Ghana

Mit Hilfe ausländischer Ärzte versucht Ghana das Gesundheitswesen zu verbessern. Die Wienerin Elisabeth Frank zog es mehrmals ins St. John of God Hospital in Afrika.

Ghana, die „Goldküste Afrikas“, ist reich an Bodenschätzen. Von diesem Reichtum profitiert die Bevölkerung aber kaum. Die Regierung ist bemüht, medizinische Versorgung und soziale Situation zu verbessern. Die Kindersterblichkeit sinkt kontinuierlich, aber noch immer sterben viele Menschen an den Folgen von mangelnder Hygiene, HIV-Infektionen und verseuchtem Trinkwasser, außerdem an Tropenkrankheiten, erzählt die Kinderärztin Dr. Elisabeth Frank.

„Ich habe noch nie so viele Kinder sterben gesehen“, erinnert sich Elisabeth Frank noch immer mit Entsetzen an ihren ersten Spitalseinsatz in Ghana vor einigen Jahren. Ein befreundeter Arzt hatte einige Zeit dort verbracht und nach der Rückkehr von den Problemen des afrikanischen Landes und dem dort herrschenden Ärztemangel berichtet. Uns geht es hier in Österreich gut, ich habe einen Beruf, mit dem ich Menschen helfen kann, das dachte sich die Wiener Kinderärztin und entschied: Da muss ich helfen!“ Im St. John of God Hospital der Barmherzigen Brüder in Sefwi Asafo war man froh, dass eine Kinderärztin aus Wien zur Entlastung der Ärzte kam.

Malaria als Gefahr für Kinder

Zu dieser Zeit herrschte gerade eine Malaria-Epidemie, wie sie regelmäßig auftritt. Für Kleinkinder ist die Krankheit lebensbedrohlich, vor allem wenn sie nicht sehr rasch ärztliche Hilfe erhalten. „Infizierte Kinder werden ganz schnell sehr stark anämisch, fallen ins Koma, und dann kann man oft nicht mehr helfen“, erklärt die Ärztin. Obwohl die einheimischen Eltern inzwischen über die Gefahr informiert sind und so schnell wie möglich mit erkrankten Kindern das nächste Krankenhaus bzw. Gesundheitszentrum aufsuchen, sterben noch immer mehr als 30 Prozent der Kinder unter fünf Jahren an Malaria. Für die Wiener Pädiaterin sind diese Tatsachen nach wie vor nur schwer zu ertragen. „Man möchte helfen, kann aber fast nichts tun“, beschreibt sie ihr Ohnmachtsgefühl.

Die Regierung bemüht sich bereits seit Jahren, den Aufbau eines effizienten Gesundheitssystems voranzutreiben. Seit 1992 investiert sie jährlich etwa sieben Prozent der gesamten Staatsausgaben in das Gesundheitswesen. Das Medizinstudium wurde ausgebaut. Frank war schon bei ihrem ersten Einsatz in Ghana beeindruckt von den hervorragend ausgebildeten Ärzten. Allerdings gibt es viel zu wenige Mediziner. „Da die Verdienstmöglichkeiten für einen Arzt in Ghana nicht riesig sind, wandern viele in Länder aus, wo sie mehr verdienen.“ Die Folge sei ein Ärztemangel.

Ärztliche Hilfe aus Kuba

„Zur Behebung werden Mediziner aus Kuba geholt“, sagt Frank. „Dort gibt es ein gutes Ausbildungssystem und zu viele Ärzte.“ Allerdings würden viele nur ungern zu Einsätzen nach Afrika kommen, sie werden dazu verpflichtet. Das führe zu Spannungen, unter anderem auch deshalb, weil die Kubaner meist nur wenig Englisch sprechen und die Verständigung mit den Patienten nur ungenügend funktioniere.

Die Regierung sei sehr bemüht, die Probleme in den Griff zu bekommen. Doch das brauche Zeit. Kinderärztin Frank ist überzeugt: „Ghana befindet sich auf einem guten Weg.“ Durch verbesserte medizinische Versorgung und Aufklärungsarbeit im Bereich der Hygiene sinkt die Kindersterblichkeit, die Versorgung der Mütter verbessert sich und die Zahl der Impfungen hat inzwischen eine Abdeckung von 80 Prozent der Bevölkerung erreicht.

Das St. John of God Hospital in Sefwi Asafo, einem kleinen Ort im Westen Ghanas, wurde 1956 von spanischen Missionaren gegründet, ein Jahr vor der Unabhängigkeit von Großbritannien. „Das Spital hat 250 Betten und versorgt jährlich etwa 30.000 Menschen“, schildert Frank die Situation. 2006 hat die Regierung in Ghana ein Krankenversicherungssystem eingeführt. Der Mitgliedsbeitrag beträgt zwischen sieben und 12 US-Dollar pro Jahr. „Langsam begreifen die Menschen, dass es wichtig ist, sich zu versichern.“ Die Schwierigkeit liege darin, dass viele über kein geregeltes Einkommen verfügen.

Ghana hat neben den üblichen medizinischen Anforderungen zusätzlich das Problem tropischer Krankheiten zu bewältigen. Außer Malaria sind Cholera, Typhus, Tuberkulose, Gelbfieber und Hepatitis A und B einige der verbreitetsten Krankheiten. Auch der sogenannte Guineawurm (Dracunculus medinensis), Bilharziose und Poliomyelitis verursachen große Probleme. 1974 sollen noch 75 Prozent aller Krankheiten in direkten Zusammenhang mit unsauberem Wasser gestanden haben.

Zehntausende Flüchtlinge

„Ghana ist kein Land, das aufgrund von Dürrekatastrophen oder politischer Instabilität an einem Mangel an Nahrungsmitteln leidet“, betont Frank. Die ungleiche Verteilung der Nahrungsmittel stelle jedoch ein Problem dar. Immer noch würden etwa 20 Prozent der Kinder unter fünf Jahren an Unterernährung leiden. Die Bevölkerung des afrikanischen Landes wächst rasant an und hat sich innerhalb der vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt. „Obwohl Ghana selbst noch als Dritte-Welt-Land bezeichnet wird, hat es inzwischen im Vergleich zu den Nachbarländern einen höheren Grad an Wohlstand erreicht“, betont Frank. Die Folge sind zehntausende Flüchtlinge aus Togo, Burkina Faso, Liberia, Niger und Nigeria, die meist sehr arm sind.

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Kasten:
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In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.

Tabelle:
Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet Ein afrikanisches Land holt aus

KennwerteGhana**OECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 44,0 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 8,07 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 560,9 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* k.A. 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 59,5 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner k.A. 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner k.A 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner k.A 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 0,057 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner k.A. 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben. ** Quelle: WHO
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Ghana ist kein Land, das aufgrund von Dürrekatastrophen oder politischer Instabilität Nahrungsmittelmangel hat. Das Problem liegt in der Verteilung.

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Dr. Elisabeth Frank, Kinderärztin aus Wien in Ghana

Von Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche

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