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Foto: wikipedia/ Guido Gerding  / Ärzte-Woche-Montage
Mehr Wissensvermittlung über naturheilkundliche Inhalte würde auch die Ausbildung der Ärzte deutlich bereichern.
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Dr. Petra Zizenbacher Allgemeinmedizinerin und Notfallärztin, Leiterin des Naturheilzentrums Zizenbacher

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Dr. Gerhard Lötsch Geschäftsführer der Novartis Consumer Health – Gebro, Vizepräsident der IGEPHA, der Interessengemeinschaft Österreichischer Heilmittelhersteller und Depositeure

 
Gesundheitspolitik 31. Mai 2011

„Pro-Kamille - Petition“ gegen das Verbot von Heilpflanzen

Experten geben Entwarnung: Die Verwendung und der Verkauf von Heilpflanzen werden von der EU nicht verboten. Die geänderten Zulassungsbestimmungen könnten aber kleineren Anbietern schaden.

Der deutsche Spiegel berichtete in seinem „Protokoll eines Massenirrtums“ von „skurrilen Vorgängen“, der Fachverband der deutschen Heilpraktiker nannte es schlicht „Panikmache“ und für die Österreichische Apothekerkammer ist es eine „komplette Fehlmeldung“. Was war passiert?

 

Eine E-Petition an den deutschen Bundestag hatte im Netz nicht nur für Aufruhr und Emotionen gesorgt, sondern auch 120.000 Menschen veranlasst, eine Unterstützungserklärung abzugeben.

Die „Pro-Kamille-Petition“ warnt eindringlich vor einer EU-Bürokratie, die scheinbar nicht einmal davor zurückschreckt, Kamille, Knoblauch oder Salbei zu verbieten. Unter anderem ist darin Folgendes zu lesen: „Laut Europäischer Richtlinie zur Verwendung traditioneller und pflanzlicher medizinischer Produkte wird der Verkauf und die Anwendung von Naturprodukten stark eingeschränkt. Damit werden Naturprodukte zu medizinischen Produkten umdeklariert, die zugelassen werden müssen. In allen EU-Ländern wird es dann verboten sein, Heilkräuter oder Pflanzen zu verkaufen, die keine Lizenz haben. Nur, was man patentieren und mit einer Schutzmarke im Handel monopolisieren kann, ist erwünscht. Was einfach in der Natur wächst, ist illegal.“ Die Illegalität sollte laut Petition am 30. April 2011 in Kraft treten.

Eine Falschmeldung, wie alle Experten unisono versichern. Zum genannten Stichtag trat definitiv kein Verkaufsverbot von Heilpflanzen in Kraft.

Die angesprochene EU-Richtlinie 2004/24/EG wurde bereits 2004 beschlossen und wird in Österreich seit 2006 umgesetzt. Am 30. April lief lediglich eine Übergangsfrist für die Registrierung von Arzneimitteln aus, die zum Zeitpunkt des Beschlusses bereits am Markt waren. Denn bis zum Inkrafttreten der neuen Richtlinie war es in Österreich möglich, in einem vereinfachten Verfahren nach § 17a des früheren Arzneimittelgesetzes eine Zulassung zu bekommen. Aktuell sind davon laut Auskunft der IGEPHA, der Interessengemeinschaft Österreichischer Heilmittelhersteller und Depositeure, noch 643 Präparate betroffen, wovon aber nur mehr 215 tatsächlich lieferbar sind.

Die neue Richtlinie soll zu einer Vereinheitlichung der Registrierung führen. Sie definiert pflanzliche Arzneimittel und den Begriff „traditionell“, wonach ein Mittel seit mindestens 30 Jahren medizinisch eingesetzt werden muss, mindestens 15 Jahre davon in der EU. Der Hersteller hat nachzuweisen, dass die Wirksamkeit aufgrund langjähriger Anwendung plausibel und die Sicherheit gewährleistet ist, es also zu keiner Gesundheitsgefährdung kommt. Neben dem Gutachten ist auch ein Literaturüberblick vorzulegen.

Dr. Gerhard Lötsch, Geschäftsführer der Novartis Consumer Health – Gebro und Vizepräsident der IGEPHA, hält die strikte Definition von „traditionell“ für zumindest unglücklich: „Wenn die Verwendung einer Pflanze als Heilmittel keine Tradition hat, ist eine Zulassung praktisch unmöglich.“ Jede Form von Entwicklung und Innovation werde damit ausgeschlossen. Ein weiterer Nachteil sei das kostspielige Prozedere: „Das Verfahren ist teuer, das Dossier mit den notwendigen Analysen extrem aufwändig. Kleinere Firmen könnten Probleme bekommen, die Kosten am Markt zu refinanzieren.“

Lötsch hält daher eine Marktbereinigung für wahrscheinlich: „Viele Firmen sind jetzt gefordert, ihren § 17a Schatz neu zuzulassen, manche werden sich das aber nicht antun. Das wird zu einer Reduktion des pflanzlichen Arzneimittelschatzes führen, viele ehemalige § 17a Präparate werden vom Markt verschwinden.“

Versuch einer Standardisierung

Unterstützt werde dieser Trend durch die fehlende Möglichkeit des Patentschutzes für pflanzliche Arzneimittel. Das hält Unternehmen davon ab, in dem Bereich zu forschen und zu investieren. Es sei daher zu überlegen, neue pflanzliche Arzneimittel für einen gewissen Zeitraum zu schützen, um sie „für Firmen wirtschaftlich interessanter zu machen“. Andernfalls würden viele der Präparate zukünftig eher als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben, zum Teil wieder über die Apotheken, die sich darauf auch schon eingestellt hätten, zum Teil aber auch über den Lebensmittelhandel. Ein Trend in diese Richtung sei schon erkennbar: Das Marktsegment der nicht registrierten Nahrungsergänzungsmittel wächst deutlich stärker als das Arzneimittelsegment.

„Prinzipiell ist es sinnvoll, Heilpflanzen medizinisch zu verwenden, sie sind jahrhundertelang erprobt und stehen nahezu unbegrenzt in der Natur zur Verfügung“, sagt Dr. Petra Zizenbacher, Leiterin des Naturheilzentrums Zizenbacher in Wien 23. Gleichzeitig mit dem Wunsch nach mehr Natürlichkeit gehe allerdings das Wissen und das Gefühl für die Natur immer mehr verloren, ebenso wie die Erfahrung um die Wirkung der Heilpflanzen. „Wenn die Anwendung von wirksamen Pflanzen weder zum richtigen Zeitpunkt noch in der richtigen Dosierung und außerdem zu lange erfolgt“, meint Zizenbacher, „kann es zu Zwischenfällen kommen. Jeder Mensch und auch sein Krankheitsbild sind einzigartig. Die Anwendung von Arzneien sollte dem gerecht werden. Die westliche Medizin, wie sie derzeit ausgeübt wird, erfasst das multidimensionale Wesen Patient unzureichend. Der Mensch ist mehr als ein Körper, hat Emotionen, Tagesbefindlichkeiten und bringt Prägungen mit. Das mangelnde Verständnis um diese komplexen Zusammenhänge weckt den Wunsch nach Standardisierung. Ein Versuch, der nicht gelingen kann. Denn weder die Pflanze an sich noch der Mensch, der sie anwendet, sind standardisierbar.“

Zizenbacher arbeitet seit 16 Jahren mit Heilpflanzen, selten nur mit fertigen Substanzen. Sie vertritt einen ganzheitlichen Ansatz von Medizin und versucht – wie früher nicht nur in der Traditionellen Chinesischen Medizin durchaus üblich – die Rezeptur an den Menschen individuell anzupassen.

Nahrung als Heilmittel

Die Allgemeinmedizinerin wünscht sich, dass das Wissen über die Natur wieder mehr an Bedeutung gewinnt: „Jedes Kind zwischen 6 und 12 Jahren sollte mindestens 10 Heilpflanzen, 10 Gewürze, 10 Obstbäume und 10 Sträucher sowie deren Wirkung und deren Geschmack kennen.“ Die Ärzteausbildung sollte mit naturheilkundlich-praxisorientierten Inhalten bereichert werden. Dafür hat Zizenbacher noch einen ungewöhnlichen Vorschlag parat: „‘Die tägliche Nahrung soll unser Heilmittel sein‘, formulierte schon Paracelsus. Um dies zu erfahren, sollten Jungmediziner einmal eine Woche gemeinsam kochen und testen, was mit ihrem Körper passiert, etwa wenn sie spezielle Gerichte und Gewürze verkochen beziehungsweise Arzneitees trinken. Die meisten Krankheiten kommen von der Verdauung. Der Darm ist der Marktplatz, auf dem der Körper einkaufen geht. Daher kann ein Mediziner, der keine Ahnung vom Kochen hat, kein guter Mediziner sein.“

Von Volkmar Weilguni , Ärzte Woche 22 /2011

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