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Foto: Life Ball
Wien war wieder Zentrum des AIDS-Charity. „Medikamente für alle!“, so lautete der eindringliche Appell aller Organisationen.
 
Gesundheitspolitik 25. Mai 2011

Appell zur Wende

Die WHO fordert eine frühe Verabreichung antiretroviraler Mittel, da diese das Übertragungsrisiko weltweit drastisch senken könnten.

Über 33 Millionen Menschen sind HIV-positiv, bestätigt der Welt-AIDS-Bericht der Vereinten Nationen. Zwei Drittel davon leben in Afrika, südlich der Sahara. Seit Ausbruch der Epidemie haben sich mehr als 60 Millionen Menschen mit HIV infiziert, nahezu 30 Millionen sind gestorben. Die Zahl der diagnostizierten Neuinfektionen sank allerdings in den letzten zehn Jahren um 20 Prozent auf etwa 2,6 Millionen. Dieser Trend ist in fast allen Weltregionen zu erkennen, ausgenommen Osteuropa und Zentralasien. Auch die Zahl der jährlichen Todesfälle sank in den letzten fünf Jahren um 300.000. Im Jahr 2009 starben dennoch 1,8 Millionen Menschen an den Folgen von AIDS.

 

Der rückläufige Trend basiert nicht zuletzt auf der Weiterentwicklung der Therapiemittel. Wird die Infektion in einem frühen Stadium diagnostiziert, senkt eine antiretrovirale Kombinationstherapie das AIDS-Erkrankungsrisiko um 90 Prozent. Üblich ist dabei eine Kombination von drei Substanzen, die auf unterschiedliche Wirkweise in die Virusvermehrung eingreifen. Dafür stehen rund 20 verschiedene antiretrovirale Substanzen zur Minimierung der Viruskopien im Blut zur Verfügung, neue Medikamente werden ständig erforscht.

Die Studienergebnisse sind revolutionär

Eine Studie des amerikanischen nationalen Instituts für allergische und Infektionskrankheiten hat eine weiterführende Fragestellung untersucht: Ab welchem Zeitpunkt sollte ein HIV-Infizierter Medikamente nehmen, die das Virus bekämpfen? Die Ergebnisse sind laut Studienautoren revolutionär: Bei einer frühzeitigen Verabreichung der Medikamente reduziere sich demnach das Übertragungsrisiko auf HIV-negative Partner dramatisch.

Die Studie startete 2005 und untersuchte 1.763 Paare aus Afrika, Asien, Süd- und Nordamerika – Paare, bei denen ein Partner infiziert war, der andere aber nicht. Eine Hälfte der HIV-positiven Probanden erhielt ab Studienbeginn antiretrovirale Medikamente, wobei elf Präparate eingesetzt wurden, die bereits am Markt sind. Bei der anderen Hälfte verordneten die Ärzte die Mittel erst – wie heute üblich – im Fall von bestimmten gesundheitlichen Veränderungen. Von den Teilnehmern, welche die ganze Zeit HIV-Medikamente genommen hatten, wurde im Rahmen der Studie ein einziger Partner angesteckt. Alle anderen infizierten sich bei Partnern, die nicht unverzüglich die Medizin erhielten. Insgesamt senkte die frühe Medikamentengabe das Ansteckungsrisiko um 96 Prozent. Nachdem fast alle untersuchten Paare heterosexuell waren, erklärten die Wissenschaftler, könne das Ergebnis allerdings nicht 1:1 auf homosexuelle Paare übertragen werden. Hier zeigten vorgelagerte Studien zwar einen vergleichbaren Trend, allerdings deutlich abgeschwächt.

WHO-Generaldirektorin Margaret Chan sprach anlässlich der Präsentation der aktuellen Studienergebnisse trotzdem von einer „entscheidenden Wende“. Und Michel Sidibé, Direktor des UNO-Programms UNAIDS, bezeichnete die Erkenntnisse als „Durchbruch, der das ‚Spiel‘ verändert“. Prävention werde damit zu einer neuen Option im Kampf gegen AIDS. Nun müsse man rasch sicherstellen, dass Paaren diese Möglichkeit auch zur Verfügung stehe.

Therapie und Prävention

Ebenfalls positiv, wenn auch sachlicher, kommentieren österreichische AIDS-Experten die Ergebnisse der Studie. Dr. Brigitte Schmid, Oberärztin des Otto Wagner Spitals Wien, Leiterin der HIV-Ambulanz und ehemalige Präsidentin der Österreichischen AIDS-Gesellschaft, sieht darin eine „weitere Bestätigung bisheriger Forschungsarbeiten“. Die Annahme, dass eine frühzeitige antiretrovirale Behandlung das Infektionsrisiko senkt, werde in Fachkreisen schon seit Jahren vertreten. Wissenschaftler hatten etwa im Rahmen des Internationalen AIDS-Kongresses vergangenen Sommer in Wien betont, dass eine effektive Therapie der HIV-Infektion auch ein wirkungsvolles Mittel zur Prävention neuer Infektionen sein kann.

Doppelter Effekt

Bereits 2008 hatte eine Schweizer Studie für internationales Aufsehen gesorgt. Die Eidgenössische Kommission für AIDS-Fragen veröffentlichte eine Studie, wonach das Risiko, HIV zu übertragen, bei weniger als 1:100.000 liegt, wenn davor beim infizierten Partner eine mindestens ein halbes Jahr anhaltende Virusunterdrückung stattgefunden hat, die Therapie durch Ärzte überwacht wird und keine sexuell übertragbaren Krankheiten im Spiel sind.

Auch für Dr. Horst Schalk, Vorstandsmitglied der Österreichischen Aids-Gesellschaft und der Österreichischen Gesellschaft niedergelassener Ärzte zur Betreuung HIV-Infizierter, ist ein früherer Therapiestart als heute üblich ein sinnvoller Ansatz, sowohl für den Patienten selbst als auch hinsichtlich der Prävention: „Dadurch lässt sich ein doppelter Effekt erzielen. Der Infizierte wird wirkungsvoller behandelt und der Gesellschaft nützt es, weil das Übertragungsrisiko gleichzeitig deutlich sinkt.“

Der Therapieansatz sei damit eindeutig sinnvoller, weil zielgerichteter als eine so genannte Prä-Expositive Prophylaxe (PrEP). Dabei bekommt der Körper bereits Medikamente gegen ein Virus, bevor das Virus überhaupt im Körper ist. Auch dazu laufen aktuelle Untersuchungen, etwa in Großbritannien. Diese Studien hätten eher „akademischen Wert als Praxisrelevanz“, sagt Schalk, weil sie mehr Fragen aufwerfen würden, als sie beantworten. Zum Beispiel: Wer soll das Medikament vorbeugend bekommen? Und: Wer soll das am Ende bezahlen? „Eine PrEP-Medikation kostet einige Hundert Euro im Monat. Ich glaube nicht, dass jemand, der gesund ist, bereit ist, das privat zu bezahlen, um dadurch sein Ansteckungsrisiko zu senken.“ Da gäbe es billigere Methoden, etwa die Verwendung von Kondomen.

Der Mediziner wünscht sich daher vielmehr, dass die internationalen Therapieempfehlungen möglichst bald an die neuen Erkenntnisse angepasst werden. „Als Prinzip sollte gelten: jeder HIV-Infizierte wird behandelt, und das so früh wie möglich“, sagt Schalk. Sein Wunsch könnte bald in Erfüllung gehen. Margaret Chan kündigte an, dass die Ergebnisse der US-Studie die neuen Richtlinien bestärken würden, welche die WHO im Juli zu veröffentlichen plant.

AIDS in Österreich
In Österreich sind derzeit knapp 1.300 Menschen an AIDS erkrankt. Männer sind mit fast 80 Prozent signifikant öfter betroffen als Frauen. Die Hälfte aller AIDS-Patienten lebt in Wien.

Geschätzte 12.000 bis 15.000 Österreicher sind mit dem HIV-Virus infiziert, zwei Drittel davon Männer. Täglich kommt es zu ein bis zwei diagnostizierten Neuinfektionen. Im Jahr 2009 waren es 507. Fast 43 Prozent der Neuinfektionen erfolgte über heterosexuelle, 42 Prozent über homosexuelle Kontakte und 9 Prozent über intravenösen Drogenkonsum.

Von Mag. Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 21 /2011

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