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 Foto: Siegfried Büker

 

Wie wollen wir sterben? Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin Michael de Ridder 320 Seiten, € 20,60 Deutsche Verlags-Anstalt – DVA, 2010 ISBN: 9783421044198

 

 
Gesundheitspolitik 10. Mai 2011

"Ich habe die langfristigen Folgen von sinnloser Medizin miterlebt.“

Mit seinem Buch "Wie wollen wir sterben?" hat der Berliner Notfallmediziner Michael de Ridder die Diskussionen um die Grenzen einer Hochleistungsmedizin, deren Ziel die Lebenserhaltung um jeden Preis ist, wieder neu entfacht und damit sein wesentliches Ziel erreicht: das Aufbrechen des "Schweigekartells".

 

"Don’t try to live for ever, you will not succeed." Mit Bedacht hat Michael de Ridder dieses Zitat von G. B. Shaw gewählt, um es seinem Buch voranzustellen. Es beschreibt die möglichen Auswirkungen und drohenden Folgen einer modernen Hochleistungsmedizin, der es ausschließlich darum geht, Patienten um jeden Preis am Leben zu erhalten, das Sterben nahezu endlos hinauszuzögern. Ein aus Sicht des Autors mehr als fragwürdiger Versuch. Denn allzu oft würden sich Ärzte dabei über den Willen ihrer Patienten hinwegsetzen und alles tun, was medizinisch und technisch nur möglich ist. Das trage häufig eher zur qualvollen Sterbeverzögerung als zur sinnvollen Lebensverlängerung bei: „Teure Menschenrechtsverletzungen am Lebensende, die Ärzte hier verantworten“, nennt das der Autor provokant pointiert.

Respekt bewahren

Lebenserhaltung dürfe jedoch niemals zum Selbstzweck verkommen. Die Würde des Menschen ist für de Ridder unantastbar. Auch und gerade bei unheilbar kranken und alten Menschen müsse sie respektiert und bewahrt bleiben. Sein Buch ist in diesem Sinne ein Plädoyer für ein selbstbestimmtes Lebensende und will Bewusstsein schaffen, dass das Sterben ein Teil jeden Lebens ist.

„Wir müssen uns fragen“, sagt de Ridder, „ob wir den Auftrag der Medizin nicht dadurch verzerrt haben, dass wir den Heilungsauftrag absolut gesetzt und den palliativen Auftrag bei der Symptombehandlung und Schmerzlinderung vernachlässigt haben.“ Der Arzt dürfe sich nicht nur als „Heilender“ begreifen. Ebenso wichtig wie das Heilen sei für die Medizin nämlich der Auftrag, für ein gutes Sterben zu sorgen und es vor allem auch zuzulassen. Ärzte sollten daher auch ihre Aufgabe als Begleiter und Fürsorger wieder ernster nehmen, so will es jedenfalls de Ridder.

Der Intensivmediziner bekennt sich darüber hinaus als erster leitender Arzt in Deutschland öffentlich zu seiner Bereitschaft, einem hoffnungslos und schwerstens erkrankten Menschen einen freiverantwortlich gefassten und dauerhaften Wunsch nach ärztlicher Suizidhilfe zu erfüllen. Es gäbe immer wieder Situationen, in denen es nicht nur ethisch gerechtfertigt, sondern der Arzt vielmehr dazu verpflichtet sei, das Leid eines körperlich Schwerstkranken in einer aussichtslosen Lage zu lindern, und zwar so, wie er selbst es sich wünscht: „Insofern betrachte ich die Suizidbeihilfe als palliative Maßnahme, wenn auch eine sehr extreme.“

Die Frage, ob er selbst eine solche Beihilfe leisten würde, bejaht er dezidiert, verknüpft dieses Ja allerdings mit Bedingungen: „Wenn die Entscheidung dauerhaft ist, wenn sie ohne äußeren Zwang zustande gekommen ist und nachweislich keine psychiatrische Erkrankung vorliegt.“ Dazu müsse der Arzt den Patienten jedenfalls sehr gut kennen.

25 Jahre zwischen Leben und Tod

Michael de Ridder galt noch nie als Bequemer. Schon mit seiner Dissertation „Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge“ sorgte er in medizinischen Fachkreisen für Aufsehen. Darin zeichnet er den Weg von einem harmlosen Hustenmittel zu einem verteufelten und hohe Gewinne bringenden Suchtgift nach und thematisiert auch die Rolle der Industrie in dieser Entwicklung. Aber er ist nicht nur ein kritischer, sondern auch ein durch und durch kompetenter Geist, der seine in eigenen Erfahrungen wurzelnden Überzeugungen stets weiterentwickelt hat. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet Michael de Ridder in der Zone zwischen Leben und Tod. Als Notfallmediziner war er zuerst 15 Jahre als Rettungsarzt tätig, um anschließend sechs Jahre auf der Intensivstation zu verbringen, bevor er die Leitung einer der größten Rettungsstellen Deutschlands in Berlin Kreuzberg übernahm.

Sein Engagement für ein selbstbestimmtes Leben und ein ebensolches Sterben gründet sich also auf seinen persönlichen Erfahrungen. Und gerade deswegen ist er wohl so kompromisslos, etwa wenn es um die konsequente Befolgung von Patientenverfügungen oder um den Verzicht auf unnütze Therapien geht.

Grenzen der Hochleistungsmedizin

Es sei heute möglich, mit Dialyse, Beatmung und Sonden-Ernährung den Todeszeitpunkt beinahe beliebig hinauszuschieben, diagnostiziert der Autor den Status quo, um aber gleich die Frage damit zu verknüpfen, ob das denn immer dem Wohl des Kranken dient. „Ich selbst habe als Intensivmediziner Patienten behandelt, bei denen ich im Nachhinein gesagt habe: Das war keine gute Entscheidung. Ich habe die langfristigen Folgen von sinnloser Medizin miterlebt.“

De Ridder sieht sich mit seinen Anliegen von einem Großteil seiner deutschen Kollegen unterstützt, auch wenn viele unter ihnen immer noch informelle Diskussionsforen bevorzugen würden, anstatt sich öffentlich zu deklarieren.

Auch in Österreich hat sich im öffentlichen Bewusstsein zu dieser Thematik im letzten Jahrzehnt einiges bewegt, etwa was die Diskussion rund um die – nach wie vor strafbare – aktive Sterbehilfe betrifft. Laut einer repräsentativen Befragung im Auftrag der Med Uni Graz befürworten mittlerweile 62 Prozent der Befragten, dass ein Arzt einen Patienten auf dessen Wunsch töten darf. Das sind um 13 Prozent mehr als noch im Jahr 2000.

Michael de Ridder über…

… Ärzte als Anwälte des Lebens:
„Natürlich ist der Heilungsauftrag das Primäre. Doch der Auftrag, für ein gutes Sterben zu sorgen, ist ethisch gleichrangig. Tatsächlich aber wird die Reanimations- und Behandlungskette oft zum Selbstläufer. Der Mensch, dem sie eigentlich dienen soll, mit seinen individuellen Vorstellungen vom Leben und Sterben, spielt gar keine Rolle mehr.“

… ethische Entscheidungszwänge:
„Mediziner sind schlecht darauf vorbereitet. Es fehlen ihnen eigene Kriterien. Also achten sie zuerst darauf, rechtlich auf der sicheren Seite zu stehen: Ich habe alles gemacht, was möglich war, also kann mir nichts passieren. Das nimmt groteske Formen an.“

… über die Angst vor dem Sterben:
„Eigentlich haben wir mit der Palliativmedizin heute alle Möglichkeiten, das Sterben so zu gestalten, wie Menschen es sich wünschen, nämlich friedlich. Stattdessen arbeiten wir allzu oft dagegen und bereiten unzähligen Menschen ein schreckliches Ende.“

Quelle: Die Zitate stammen aus einem Interview, das Spiegel-Autorin Beate Lakotta anlässlich der Buchpräsentation mit dem Autor geführt hat.

Von Mag. Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 19 /2011

  • Herr Dr. Wilhelm Margula, 16.05.2011 um 09:44:

    „So sehr ich die meisten hier wiedergegebenen Ansichten des Hr. Dr. Michael de Ridder teile, so vehement möchte ich seiner Aussage widersprechen: "Insofern betrachte ich die Suizidbeihilfe als palliative Maßnahme, wenn auch eine sehr extreme".

    Suizidbeihilfe ist keine palliative Maßnahme, sondern fällt als Beihilfe zur Selbsttötung unter passive Sterbehilfe (die in Österreich verboten ist). Es bedarf niemals einer dosis letalis - nicht durch einen Arzt verabreicht; aber auch nicht von einem Arzt zur Verfügung gestellt - um palliativmedizinische Aufgaben zu erfüllen.

    Sehr geehrter Herr Mag. Weilguni,
    Das Thema Lebensende mit all seinen Facetten hat oberflächlich betrachtet vielleicht für Nichtmediziner fließende Übergänge. Nicht aber für einen Arzt. Denken Sie z. B. daran, dass ein Patient bei jedem Arzt einfordern können müsste, was gesetzlich erlaubt ist.

    Da in Ihrem Interview der Satz 'dazu müsse der Arzt den Patienten jedenfalls sehr gut kennen' nicht Dr. de Ridder zuzuschreiben ist (sonst müsste er unter Anführungszeichen zitiert werden und müsste lauten: "dazu müsste ich den Patienten jedenfalls sehr gut kennen") möchte ich niemandem Unrecht tun und feststellen, dass ich das Buch "wie wollen wir sterben" noch nicht gelesen habe - vielleicht haben die Aussagen des Dr. de Ridder (nur) vom Standpunkt des Intensivmediziners gesehen ihre Berechtigung, nicht aber aus meinem geriatrischen Blickwinkel.“

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