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Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
Was in anderen Fachgebieten längst Usus ist, hält langsam auch in der Medizin Einzug: Mobile Arbeitskräfte, die auch im Ausland auf Jobsuche gehen.

Dr. Christoph Strehblow Präsident des Vereins www.turnusarzt.com – Plattform für Turnusärzte, plant eine europaweite Online-Plattform für Jungärzte.

Dr. Martin Andreas, MBA Referent für arbeitslose Ärzte und Jungmediziner in der Ärztekammer Wien, hat eine internationale Jobbörse für Jungmediziner eingerichtet.

 
Gesundheitspolitik 4. Mai 2011

Fernes Glück

Immer mehr Jungärzte wollen zur Ausbildung ins Ausland. Die meisten von ihnen planen ihre spätere Rückkehr, viele bleiben dann aber trotzdem für länger.

Kürzere Wartezeiten und der direkte Einstieg in die spezielle Facharztausbildung sind die wesentlichen Beweggründe für Absolventen der Medizinunis, ihr Glück im Ausland zu suchen. Der Markt hierfür ist groß und verlockend. Die Gefahr, dem österreichischen Gesundheitssystem könnte wertvolles Potenzial dauerhaft verloren gehen, ist virulent.

 

Österreichs Jungmediziner werden zunehmend mobil und wagen den Sprung über die Grenze, vor allem über die deutsche. Unser Nachbar sucht verbissen nach Nachwuchskräften und hat vielversprechende Lockangebote platziert – mit Erfolg, wie sich zeigt: Waren 1991 300 österreichische Ärzte in Deutschland beschäftigt, so sind es heute schon 2.500, Tendenz steigend. „Außerdem wissen wir“, sagt Dr. Susanne Lang vom Internationalen Büro der Ärztekammer, „dass rund 300 österreichische Mediziner in Großbritannien tätig sind und 53 in Süd-Dänemark. Auch Schweden scheint interessant zu sein, laut Schätzungen der Schweden werden pro Jahr fünf bis zehn österreichische Ärzte in Schweden registriert.“

Deutsche Nachfrage

„Für mich stellt sich die gegenwärtige Situation in Deutschland positiv dar“, sagt Dr. Martin Andreas, Mandatar der Sektion Turnusärzte in der Wiener Ärztekammer, „denn sie eröffnet unseren Ärzten hervorragende Möglichkeiten.“ Für viele deutsche Kliniken ist sie auf der anderen Seite prekär: Der Numerus clausus sowie jahrzehntelange schlechte Arbeitsbedingungen haben viele deutsche Mediziner in die Wirtschaft oder ins lukrative Ausland abwandern lassen. Ein massiver Ärztemangel ist die Folge.

Die Spitäler greifen zur Selbsthilfe und setzen dabei auf aggressive Rekrutierungsaktivitäten, um ihren Betrieb überhaupt aufrecht erhalten zu können. Noch schwieriger ist inzwischen die Situation im niedergelassenen Bereich, wo im ländlichen Raum bald bis zu 20.000 Ärzte fehlen werden. Gesundheitsminister Philipp Rösler hat jetzt reagiert und dem Parlament ein sogenanntes Versorgungsgesetz vorgelegt. Mit Zuschlägen und Anreizen, einer zielgenaueren Auswahl von Medizinstudenten und mehr Flexibilität soll zukünftig gegengearbeitet werden.

Insgesamt also gute Chancen auch für den heimischen Nachwuchs, findet Andreas: „Der deutsche Gesundheitsmarkt ist gezwungen, Ärzte zu importieren. Der Bedarf wird noch längere Zeit nicht gestillt sein. Die aktiven Bemühungen haben zudem zu einer deutlichen Verbesserung der Rahmenbedingungen mit individueller Betreuung und zielgerichteter Ausbildung, faireren Arbeitsbedingungen und besseren Verdienstmöglichkeiten geführt.“

Zudem können Uniabsolventen direkt in eine Fachausbildung einsteigen, was ihnen viel Zeit und noch mehr Ärger über mangelnde Qualität in der Turnusausbildung ersparen würde.

Ähnlich beurteilt der Präsident des Vereins www.turnusarzt.com – Plattform für Turnusärzte, Dr. Christoph Strehblow, die Situation, wenn auch etwas differenzierter: „Die Ausbildungsqualität hängt in Deutschland extrem von der jeweiligen Klinik ab. In manchen Häusern ist der Personalmangel bereits so groß, dass Auszubildenden und Ausbildenden aufgrund der Arbeitsbelastung gar keine Zeit für eine ordentliche Ausbildung bleibt.“ Auch Strehblow sieht den Kardinalvorteil in Deutschland in der Möglichkeit zur unmittelbaren Fachausbildung.

Exodus selbst verschuldet

Das Problem ist demnach hausgemacht: keine Assistenzstelle ohne Turnus, dazu lange Wartelisten. „Solange Turnusärzte als Systemerhalter bei katastrophalen Arbeitsbedingungen missbraucht werden, wundert es mich nicht, dass Ärzte ins Ausland abwandern“, sieht Andreas daher dringenden Handlungsbedarf: „Wir werden einen massiven Fachärztemangel bekommen. Die Ärztekammer weist seit Jahren darauf hin, aber nichts passiert. Es müssen mehr Facharztstellen geschaffen werden – das Gegenteil ist aber der Fall –, und die Leute müssen gleich in die Facharztausbildung gehen können.“

Für immer verloren?

Natürlich bedeutet der gegenwärtige Boom Richtung Auslandsaufenthalt nicht unbedingt, dass die Emigranten dem heimischen Gesundheitssystem für immer verloren gehen. „Zwar plant der überwiegende Teil eine Rückkehr nach Ausbildungsende, bis dahin kann aber dann vieles dazwischenkommen“, sagt Strehblow, der eine deutliche Diskrepanz zwischen Planung und Umsetzung ausmacht. „Viele Absolventen gehen alleine ins Ausland und finden dort ein neues privates Umfeld, das dann zu ihrem Lebensmittelpunkt wird.“ Aber auch bessere Verdienstmöglichkeiten oder Sozialleistungen, wie etwa im Fall von Skandinavien, können zu Argumenten im europaweiten Kampf um die Gunst gut ausgebildeter Mediziner werden.

"Das Gefühl gebraucht zu werden"
Interview mit einem Österreichischen Jungarzt in Finnland

Von Mag. Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 18 /2011

  • Herr Dr. Michael Reichhart, 06.05.2011 um 14:42:

    „Leider Gottes haben die sämtliche mit dem Turnus in Verbindung stehenden Behörden und Einrichtungen in Österreich inklusive Standesvertretung, Politik und Krankenhausbetreiber, die Zeichen der Zeit noch immer nicht erkannt. Solange Turnusärzte nur ausgebeutet werden, austauschbar sind und sich um Turnusplätze streiten müssen wird es mehr und mehr Jungmediziner in die Ferne ziehen. Daher hat man es sich in Österreich gar nicht anders verdient als einen Ärztemangel von deutschen Dimensionen, erst dann kann und wird ein Umdenken stattfinden. Turnusärzte werden leider nicht als wertvolle Zukunftsressource verstanden sondern bis in den Burnout hin zu sinnlosen Hilfstätigkeiten verdonnert und somit ausgelaugt. Ohne einer Neuausrichtung der Arbeitsverteilung im Krankenhaus, Verbesserung der klinischen Ausbildung, klarer Ausbildungsverantwortung eines Oberarztes für "seinen" Turnusarzt und Entlastung von rein administrativen, arztfremden Tätigkeiten wird es leider nicht gehen, und da sind mutige Schritte und Kraftakte notwendig.“

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