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Eine im Auftrag der Österreichischen Ärztekammer kürzlich durchgeführte Studie belegt, dass mehr als die Hälfte der Ärzte Burnout-gefährdet ist.
 
Gesundheitspolitik 26. April 2011

Hilflose Helfer – ein Systemfehler?

Die hohe Burnoutrate innerhalb der Ärzteschaft mutiert von der Privatsache einzelner Schicksale zu einem gesundheitspolitischen Pulverfass.

Was Burnout ist, wie vielfältig die Ursachen sind und welche körperlichen Symptome auftreten, wird seit Jahren in vielen Disziplinen diskutiert. Lösungswege gibt es – ebenso wie Ursachen – viele. Die meisten davon fußen auf der Bereitschaft zur ehrlichen Selbstwahrnehmung. Dazu gehört es, Fehler einzugestehen, Schwächen zu erkennen, Ziele zu verfolgen und auch die Verpflichtung zu bestimmten Werten. Damit dieses „gesunde“ Selbstmanagement auch mit den äußeren Anforderungen – beispielsweise einem Krankenhaus oder einer Ordination – in Einklang gebracht werden kann, ist auch das gesundheitspolitische System gefordert, Lösungen zu bieten, die den persönlichen Anforderungen nicht unähnlich sind: Fehler eingestehen, Schwächen erkennen, Ziele verfolgen oder die Verpflichtung zu bestimmten Werten. Eine verantwortungsvolle Gesundheitspolitik und gesunde Ärzte gehen Hand in Hand.

 

Die Universitätsklinik für Psychiatrie der Medizinuniversität Graz hat im Auftrag der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) kürzlich eine Studie durchgeführt, die belegt, dass mehr als die Hälfte der österreichischen Ärzte Burnout-gefährdet ist. Das Projekt unter der Leitung von Prof. Peter Hofmann lief von November 2010 bis Februar 2011 unter Beteiligung von österreichweit 6.249 Ärztinnen und Ärzten. Das Ergebnis lässt aufhorchen, denn knapp 54 Prozent der Befragten befinden sich in unterschiedlichen Phasen des Burnouts, die meisten davon in der noch vergleichsweise harmlosen Phase 1, die sich durch vorübergehende emotionale Erschöpfung sowie die Unfähigkeit zur Entspannung auszeichnet.

Unvermeidliches Schicksal?

Als besonders gefährdet haben sich männliche Spitalsärzte bis 47 Jahre herauskristallisiert, und hier vor allem jene, die sich in einer Ausbildung zum Facharzt befinden, sowie Turnus- und Fachärzte. Nachtdienste und Notarzttätigkeit lassen das Burnout-Risiko weiter steigen. Auch Singles, denen der soziale und emotionale Rückhalt einer Partnerschaft bzw. einer Familie fehlt, sind deutlich stärker gefährdet. Kurz und gut: Burnout ist kein unvermeidliches Schicksal, das Menschen in helfenden Berufen zwangsläufig trifft. „Es ist auch nicht an eine Persönlichkeitsstruktur gebunden oder die Unfähigkeit, mit dem Alltag zurechtzukommen“, wie die Klinische und Gesundheitspsychologin Prof. MMag. Dr. Jutta Menschik-Bendele feststellt. Die Ursache ist vielmehr eine Mischung aus arbeitsplatzbezogenen Faktoren und typischen Lebensphasen. Und dafür sind nicht nur die Ärzte selbst verantwortlich, sondern auch die Institutionen, in denen sie tätig sind, samt ihren Vorgesetzten und Kollegen.

Fehler im System

ÖÄK-Präsident Dr. Walter Dorner fordert daher jetzt nicht nur Handlungsbedarf bei den Betroffenen, sondern nimmt auch das System ins Visier. Reformen im Gesundheitswesen, vor allem in Spitälern, seien dringend notwendig, um dem flächendeckenden Problem entgegenzutreten. Dazu gehört etwa ein Überdenken der kollegialen Führung, das sich neben Faktoren wie langen Dienstzeiten, Überstunden oder häufigen Nachtdiensten sowie hohem bürokratischen Aufwand als elementarer Stressfaktor erweist. Auch die wenig zufriedenstellende Zusammenarbeit der einzelnen Berufsgruppen sowie chronischer Personalmangel machen der Spitalsärzteschaft bekanntermaßen schon längst das Leben schwer und sind wesentlich an der hohen Burnoutrate mitverantwortlich.

Die Bereitschaft der Ärzte zu entsprechender Selbstreflexion ist dringend gefragt und gerade in dieser Berufsgruppe besonders schwierig umzusetzen, denn Coaching und Supervision sind immer noch und gerade hier mit einem „esoterischen Psychotouch“ belegt. Obwohl Supervision nachweislich wirkt und hilft, belastende Situationen besser zu verarbeiten, gibt es eine Reihe von Hindernissen für die flächendeckende Umsetzung dieser arztspezifischen Hilfsangebote: zu wenig Zeit, zu wenig Wertschätzung für dieses Engagement und schließlich eine Führungskultur, die Fehler oder Schwachstellen ebenso wenig toleriert wie die Inanspruchnahme entsprechender Unterstützung.

Menschliche Spitalsreform

Über Reformen in heimischen Krankenanstalten wurde in den letzten Jahren viel diskutiert, im Mittelpunkt standen in erster Linie die Kosten und Leistungen, selten die behandelnden Ärzte. In Zeiten knapper werdender Budgets, steigender Kosten und einzusparender Stellen bei zumindest gleich bleibendem Arbeitsanfall gibt es unter dem Strich für den Einzelnen mehr zu tun – und manchmal ist es zu viel. Diese „Organisationslogik“ wird in erster Linie über Zahlen gesteuert und verursacht unweigerlich einen zunehmenden Leistungsdruck auf die Mitarbeiter. Diese sich drehende Negativspirale wird durch punktuelle Maßnahmen – die bisher bei Einzelschicksalen ansetzten – nicht aufzuhalten sein. Vielleicht ist den Zahlen nur durch Zahlen beizukommen, die jetzt am Tisch liegen: Wenn rund die Hälfte aller heimischen Ärzte von Burnout in der Phase 1 betroffen ist, ist es nur mehr eine Frage von (kurzer) Zeit, bis sie in Phase 12 angelangt sind und ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Was mit dem heimischen Gesundheitssystem passiert, wenn rund 50 % aller Mitarbeiter ausfallen, liegt wohl auf der Hand.

„Eine Spitalsreform muss das Hauptaugenmerk auf die im Spital tätigen Menschen legen und nicht nur auf wirtschaftliche Aspekte“, ist Dorner nun überzeugt. „Es sind nicht zuletzt Ökonomisierung, Rationalisierung und Effizienzsteigerung, die den aktuellen Zustand mitverschuldet haben.“ Nach Ansicht der ÖÄK braucht es flexible Arbeitszeitmodelle, spitalseigene Betreuungsplätze für Kinder und den Ausbau des niedergelassenen Bereichs. Auch die Führungsstrukturen in den Spitälern müssten, so Dorner, dringend angepasst werden: Die faktische Letztverantwortung der Ärzte im patientennahen Bereich müsse sich in den Führungsaufgaben klar niederschlagen und geregelt werden. Zur Entlastung der Spitalsärzteschaft von Administration und Dokumentation bedürfe es der flächendeckenden Installation von Administrationsassistenten und die durchgehende Dienstzeit sollte 25 Stunden nicht überschreiten dürfen. Die Umsetzung dieser Maßnahmen bedeute einerseits eine Entlastung für die Spitalsärzte, andererseits auch mehr Qualität für die Patienten, so Dorner.

Präventionsprojekt startet

Auch im niedergelassenen Bereich ist Burnout ein Thema. Speziell Journaldienste und Rufbereitschaft erweisen sich als Risikofaktoren, und auch hier ist man gegen überbordende Bürokratie und Dokumentation als Mitverursacher von Burnout nicht gefeit. Von Journaldiensten sind vor allem Landordinationen betroffen, deren gegenwärtige existenzielle Gefährdung man nicht hinnehmen dürfe, so Dorner. Der Beruf des Landarztes müsse aufgewertet und attraktiver gemacht werden, es bedürfe einer ausgewogenen Balance zwischen Niederlassungen und Spitälern, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung flächendeckend zu sichern.

Auf Wiener Ebene soll ein breit angelegtes Präventionsprojekt, durchgeführt von Prof. Wolfgang Lalouschek, MedUni Wien, das Burnout-Risiko der niedergelassenen Ärzte nachhaltig reduzieren. Die Ärztekammer plant zusätzlich ein Präventionsprojekt, das die nachhaltige Senkung des Burnout-Risikos in den Niederlassungen zum Ziel hat. „Das Projekt soll über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren zunächst in Wien stattfinden, regelmäßige Veranstaltungen wie Vorträge und Coachings sollen das Burnout-Risiko reduzieren“, führte Lalouschek die Eckpunkte des Projekts aus. Als Belastungsfaktoren im niedergelassenen Bereich sieht er einerseits die hohe Patientenfrequenz, andererseits die „Gefahr der Vereinsamung“. Prävention müsse dabei breit angelegt werden, erklärte Lalouschek. In Workshops sollen daher unter anderem (Ehe)Partner, aber auch Mitarbeiter einbezogen werden.

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 17 /2011

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