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Die tiefen Gegensätze Indiens wirken sich auch auf das Gesundheitssystem aus. Das Entwicklungsland verzeichnet ein starkes Wachstum der Wirtschaft.
 
Gesundheitspolitik 5. März 2009

Indien: Gute Ausbildung, aber fehlende Infrastruktur

Die aus Linz stammende Ärztin Dr. Barbara Nath-Wiser lebt seit 30 Jahren in Indien. In der Nähe der tibetischen Grenze gründete und betreibt sie ein Krankenhaus.

Indien ist voller Gegensätze: rasant wachsende Wirtschaftsmacht und gleichzeitig Entwicklungsland. Einerseits bietet der Staat eine hervorragende medizinische Ausbildung, andererseits erschweren mangelhafte Infrastruktur und schlechte hygienische Bedingungen ein funktionierendes Gesundheitssystem. Gut ausgebildete Ärzte wandern deshalb ins Ausland oder in Privatkliniken für Reiche ab. Die Folge ist eklatanter Ärztemangel, vor allem in ländlichen Regionen.

„Die Gesundheitsversorgung auf dem Land hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verbessert“, beteuert Dr. Barbara Nath-Wiser. Obwohl auch abseits der großen Zentren sehr viele Erste-Hilfe-Stationen errichtet wurden, bestehe aber noch immer ein großes Stadt-Land-Gefälle, räumt die Ärztin ein: „In vielen Dörfern gibt es nach wie vor keine medizinischen Einrichtungen.“ Die Ursache liegt unter anderem in eklatantem Ärztemangel und schlechten hygienischen Bedingungen, es fehlen Sanitäranlagen und der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Weil die Arbeit am Land wenig attraktiv und zudem schlecht bezahlt sei, so Nath-Wiser, würden viele Ärzte ins Ausland oder in eines der zahlreichen neuen Privatspitäler für die Oberschicht gehen.

Lebenserwartung angestiegen

Trotz all dieser Probleme ist die Lebenserwartung seit 1980 um zehn Jahre auf 64,4 Jahre angestiegen. Indien ist ein sehr junges Land. Das statistische Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei knapp 25 Jahren. Mit mehr als 1,1 Milliarden Einwohnern ist Indien nach China der bevölkerungsreichste Staat der Erde. Auf einen Quadratkilometer kommen 349 Einwohner, in Österreich liegt die Bevölkerungsdichte bei etwa 100 Einwohnern pro Quadratkilometer.

Heute gelten die Inder als Computerspezialisten, in den 1970er Jahren war die Jugend in Europa von der indischen Kultur fasziniert – von der Mode, von bunten Textilien, von der Musik und natürlich von Yoga. Auch die Linzerin Barbara Nath-Wiser wollte unbedingt in dieses Land und reiste nach Abschluss ihres Medizinstudiums für drei Monate nach Indien, um Yoga zu lernen. Geblieben ist sie drei Jahre. Sie lernte die große Liebe ihres Lebens kennen, einen „Nath“, das ist einen hinduistischer Yogi, und gebar 1979 eine Tochter. Als die Kleine ein knappes Jahr alt war, übersiedelte die junge Familie nach Wien, damit Barbara Nath-Wiser ihren Turnus an der Universitätsklinik absolvieren konnte.

Sie bekam einen Sohn und kehrte 1984 mit ihrem Mann und den beiden Kleinkindern wieder nach Indien zurück. Eineinhalb Jahre später starb ihr Mann, die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt sieben und fünf Jahre alt. Barbara Nath-Wiser arbeitete die erste Zeit drei Tage in der Woche im tibetischen Delek-Spital in Dharmshala und erhielt dann die medizinische Leitung eines von der Industrie finanzierten Sozialkrankenhauses, wo sie fünf Jahre tätig war. „Während dieser Zeit wuchs mein Wunsch, in meinem Wohnort Rakkar ein eigenes kleines Spital aufzubauen“, erinnert sich Nath-Wiser. Dazu fehlte ihr allerdings das nötige Geld. Das erhielt sie aus Österreich. Die „Aktion Regen“ – eine private Initiative für Entwicklungshilfe-Projekte – trieb nicht nur die für den Bau des Krankenhauses benötigten 150.000 Rupien auf, sondern unterstützt Nath-Wiser und ihr Projekt „Nishtha“ seither tatkräftig.

Ein Spital am Hang errichtet

„Wir haben ein sehr schönes Krankenhaus an einem Hang errichtet“, erzählt die Ärztin voll Stolz. In dem Stein-Lehm-Bau gibt es im Eingangsbereich einen Warteraum, eine Hausapotheke, Toiletten, einen Behandlungsraum und einen Patientenraum mit vier Betten für Notfälle. In den Obergeschossen sind nochmals zwei Behandlungsräume, zwei Räume für schwer kranke Patienten und einen, der flexibel genutzt werden kann. Insgesamt sind zwei Ärztinnen, ein Apotheker, ein Verwalter, ein Chauffeur, eine Köchin und drei Hilfskräfte beschäftigt.

Das Krankenhaus ist nach österreichischen Vorstellungen eher eine Ambulanz-Station als ein Spital. Größere operative Eingriffe können nicht durchgeführt werden. „Patienten mit Verdacht auf schwere Erkrankungen werden von uns an staatliche Kliniken überwiesen“, erklärt Nath-Wiser. Dazu gehören beispielsweise auch Patienten mit Verdacht auf Tuberkulose. TBC ist vor allem in ärmeren Bevölkerungsschichten weit verbreitet und auch in Indien meldepflichtig, die Patienten müssen in staatliche Kliniken geschickt werden.

„Vor allem im Sommer haben wir sehr viele Patienten mit Durchfallerkrankungen aufgrund von verschmutztem Trinkwasser“, berichtet die Ärztin. Seit es im Ort eine Filteranlage für Wasser gibt, sei die Zahl der Durchfallerkrankungen jedoch stark zurückgegangen.

Seit 1998 hat Nath-Wiser die Aktivitäten ihres Projektes „Nishtha“ ausgedehnt. „Wir bieten Workshops für Frauen und Jugendliche zu den Themenbereichen Hygiene, Wasser, Ernährung, reproduktive Gesundheit und Geschlecht an“, erzählt Nath-Wiser. Dazu kommt noch ein Ernährungsprogramm für die Kinder der örtlichen Volksschule. Dieses Projekt liegt der Ärztin besonders am Herzen, „weil unzureichende Ernährung sehr negative Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern hat“. Sorgen bereitet der Ärztin auch das Problem des zunehmenden Alkoholmissbrauchs. „Durch Alkohol verursachte Gewalt in der Familie stellt in unserer Gemeinde eine sehr große Problematik dar“, bedauert Nath-Wiser. Durch Aufklärung, Unterstützung durch Psychologen und Hilfsprogramme für Frauen versucht sie, den Teufelskreis zu durchbrechen. Inzwischen erhält die rührige Ärztin tatkräftige Unterstützung von namhaften Persönlichkeiten in Indien, von Akademikern und Frauenorganisationen. Ihr kleines Krankenhaus ist zu einem anerkannten Zentrum geworden und zu einer Anlaufstelle für Frauen, die von Gewalt bedroht sind.

Einiges in Wahlheimat erreicht

Die Oberösterreicherin hat in ihrer Wahlheimat Indien einiges erreicht. Zufrieden gibt sie sich damit noch längst nicht. An den Berghängen oberhalb von Rakkar befinden sich einige Dörfer mit zusammen etwa 10.000 Einwohnern, davon sind rund die Hälfte Kinder. „In diesen Dörfern gibt es keine medizinische Einrichtung“, hat Nath-Wiser festgestellt. Sie hat auch schon einen konkreten Plan. „Ich würde gerne eine kleine Ambulanzstation einrichten, sozusagen als Verlängerung unseres Zentrums in Rakkar, um einige dieser vernachlässigten ländlichen Gemeinden mitzuversorgen.“

Eine einfache Ambulanzstation könnte ohne großen finanziellen Aufwand sofort eingerichtet werden, hat sie ausgerechnet. Es müsste lediglich ein bestehendes Gebäude renoviert werden. Aber falls sie eine größere Summe an Spendengeldern erhalten oder sich ein großzügiger Sponsor melden sollte, hat Nath-Wiser auch schon eine Idee: „Dann könnten wir eine richtige Zweigstelle unseres Krankenhauses bauen, um die Dörfer gut zu versorgen.“

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Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Tabelle:
Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet
Indiens Gesundheits- und Sozialsystem zeichnet sich durch mangelndes Budget aus.
KennwerteIndienOECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 2.460 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 5,0 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 796 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 36,0 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 64,4 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 1,8 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner k.A. 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner k.A. 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner k.A. 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner k.A. 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben.
Kasten:
Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten
In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.
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Die tiefen Gegensätze Indiens wirken sich auch auf das Gesundheitssystem aus. Das Entwicklungsland verzeichnet ein starkes Wachstum der Wirtschaft.

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Dr. Barbara Nath-Wiser, Linzer Ärztin im indischen Rakkar.

Von Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 10/2009

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