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Wer in Österreich unter der Armutsgrenze lebt, hat ein vierfach erhöhtes Risiko, Gesundheitsprobleme zu erleiden als Personen ohne Finanznöte.
 
Gesundheitspolitik 4. März 2009

Verteilungsgerechtigkeit von Gesundheitsleistungen

Nicht nur die herrschende globale Wirtschaftskrise führt zu Schieflagen in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung, sondern auch soziale Benachteiligung.

Armut macht krank oder manche noch kränker. Das bestätigt der „Sozialbericht 2007–2008“ des österreichischen Sozialministeriums, der Ende Jänner der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Ein Kernergebnis besagt, dass Personen in manifester Armut mehr als viermal so häufig Gesundheitsprobleme erleiden als Bürger und Bürgerinnen ohne finanzielle Schwierigkeiten. Die derzeitige Finanzkrise lässt befürchten, dass sozial und anders benachteiligte Bürger schon jetzt noch stärker in persönliche Bedrängnis geraten.

 

Via Massenmedien wird seit Monaten auf kommende „harte Zeiten“ vorbereitet. Nun beginnen sich die Prognosen der Wirtschaftsexperten zu bewahrheiten – die Wirtschaft schrumpft und die Zahl der arbeitslosen Menschen steigt an. Auf nationaler, europäischer und globaler Ebene werden Gegenstrategien entworfen, die von Bankenpaketen bis zu Verschrottungsprämien reichen.

Krankheit isoliert

Ausgehend von Gesundheit als Prämisse für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, lässt sich schlussfolgern, dass ein Mangel an Gesundheit die Möglichkeiten an Partizipation einschränkt. Ein solidarisches Gesundheitssystem sollte den Ausschluss von (chronisch) kranken sowie beeinträchtigten Menschen verhindern. Dieses gesellschaftliche Übereinkommen wird jedoch zunehmend durch die prekäre Lage öffentlicher Gesundheitssysteme bedroht: Knappe Budgets gefährden die Finanzierbarkeit medizinischer Leistungen.

Gleichzeitig drängen immer mehr kostenintensive Medizininnovationen auf den Markt, die teils fragwürdige Nutzeneffekte für Patienten aufweisen. Allen voran betrifft dies Medikamente, wie sie etwa in der Onkologie eingesetzt werden, während die (Forschungs- und Versorgungs-)Budgets etwa für psychisch kranke Kinder und Jugendliche sowie andere, durch „Deprivation“ betroffene Personen vergleichsweise knapp sind. Zunehmende Verteilungskämpfe zwischen den medizinischen Disziplinen sind die Folge.

Solche Schieflagen sind jedoch kein Produkt der Finanzkrise. Vielmehr folgen sie Mechanismen und Rationalitäten, deren Gründe zum einen in einer fehlgeleiteten Verteilung von medizinischen Leistungen liegen, zum anderen aber auch am gesellschaftlichen Status von benachteiligten Personen. Denn für diejenigen, die nicht jung, gesund und erwerbstätig sind und sich ohne entsprechende (gesellschaftliche und wirtschaftliche) Lobby wiederfinden, ist es nahezu unmöglich, einen vorderen Platz in der Gesundheitsversorgung zu erlangen.

Public-Health-Lösungsansätze

Welche Perspektiven könnten sich nun auftun, um mehr Verteilungsgerechtigkeit von öffentlichen Gesundheitsleistungen zu erreichen – und was könnte „mehr“ in diesem Zusammenhang bedeuten? Zum einen steht die Forderung nach mehr direkter staatlicher Unterstützung für sozial benachteiligte Gruppen im Raum. Am Beispiel Kinder und Jugendliche wird deutlich, dass dies vor allem eine breitere Sicht und Umsetzung von bildungs- und gesundheitspolitischen Maßnahmen erfordert, die eine finanzielle und personelle Aufbesserung von Versorgungsstrukturen innerhalb und außerhalb des Gesundheitssystems betrifft. Zum anderen sei aber auch auf die Bedeutung von bedarfsorientierter und interessensunabhängiger Forschung hingewiesen, die wesentlich das Angebot und die Verfügbarkeit von medizinischen und therapeutischen Leistungen determiniert. Letzteres impliziert auch die Forderung nach qualitativem Fortschritt in der medizinischen Forschung und Versorgung. Dieser muss nahe an den Lebensrealitäten derer sein, die Versorgung in Anspruch nehmen (müssen) und gleichzeitig ein stetiges Hinterfragen von Kosten-Nutzen-Relationen und institutionellen Strukturen ermöglichen bzw. fördern.

Die Tagung des Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment (LBI für HTA) „FairHealth: Verteilungsgerechtigkeit und Ressourcenallokation von öffentlichen Gesundheitsleistungen" gab Gelegenheit, aktuelle Problemstellungen und Lösungsansätze zu diskutieren.

 

Dr. phil. Roman Winkler, MSc ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann Institut für HTA

 

Der Originalbeitrag erschien im HTA-Newsletter Nr. 74, Februar 2009

 

Literatur:

BMSK: Sozialbericht 2007 – 2008, Kapitel Armutsgefährdung, Seite 256

 

http://hta.lbg.ac.at

www.bmsk.gv.at

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Wer in Österreich unter der Armutsgrenze lebt, hat ein vierfach erhöhtes Risiko, Gesundheitsprobleme zu erleiden als Personen ohne Finanznöte.

Von Dr. phil. Roman Winkler, MSc, Ärzte Woche

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