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Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
 
Gesundheitspolitik 13. April 2011

Messen, um zu verbessern

Die bundesweit einheitliche Ergebnisqualitätsmessung in Spitälern wurde kürzlich beschlossen.

Bisher sind einige Pioniere, wie etwa die Vinzenz Gruppe oder die NÖ Landeskliniken-Holding, vorgeprescht und haben deutlich bewiesen, dass die Implementierung eines Qualitätsmanagementsystems in einem Krankenhaus viele Vorteile bringt. Vergleichbar waren die Aktivitäten bisher jedoch kaum. Ein Manko, das nun ein Ende hat: Mit den Austria Inpatient Quality Indicators (A-IQI) startet die bundesweite einheitliche Ergebnisqualitätsmessung aus Routinedaten. Die flächendeckende Einführung des Qualitätsmanagementmodells entspricht der gesetzlichen Forderung für das österreichische Gesundheitswesen und ist im Bundesgesetz zur Qualität von Gesundheitsleistungen festgelegt.

 

In Österreich lag der Schwerpunkt im Krankenhausbetrieb bisher vorrangig auf der Erfassung und Optimierung von Strukturen und Prozessen.

Qualitätsmanagement baut auf den Säulen Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität auf. Mittlerweile sind Strukturvorgaben flächendeckend erfüllt und die Abläufe liegen im Verantwortungsbereich der leitenden Personen in den Abteilungen. Die Abbildung relevanter Prozesse ist in vielen Spitälern „work in progress“ und wird die Gesundheitseinrichtungen noch Jahre beschäftigen. Noch weitgehend Neuland und von der Prozessbetrachtung nicht getrennt zu sehen ist die Frage, wie sich die Patientenversorgung bei bestimmten Behandlungen oder Erkrankungen darstellt. Darüber wissen noch die wenigsten Leistungserbringer tatsächlich Bescheid.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist jetzt gelungen: Das Gesundheitsministerium hat mitgeteilt, dass die bundesweit einheitliche Ergebnismessung beschlossen wurde. Als Vorbild dafür wird das System der Niederösterreichischen Landeskliniken-Holding herangezogen und auf alle Bundesländer umgelegt. „Transparenz und Vergleichbarkeit sind wesentliche Faktoren für eine hohe Qualität im Gesundheitswesen. Ich begrüße diesen Vorstoß einer einheitlichen Messung von Ergebnissen. Wir haben in der Vinzenz Gruppe schon umfassende Qualitätsarbeiten geleistet und sehen diesen Schritt als Erweiterung dieses Systems“, kommentiert Dr. Michael Heinisch, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Vinzenz Gruppe, die Entwicklung.

Vorbild Niederösterreich

Seit 2008 beschäftigt sich die Holding mit dem Thema, medizinische Qualität messbar zu machen. Ziel war und ist es, anhand von bereits vorhandenen Routinedaten darzustellen, wo der jeweilige Leistungserbringer steht. Vor rund einem Jahr hat die Holding ihr Qualitätsindikatoren-Handbuch als ein absolutes Novum im österreichischen Gesundheitswesen präsentiert. „Die NÖ Landeskliniken-Holding ist mit 27 Klinikstandorten der größte Klinikbetreiber in Österreich und arbeitet laufend an der Optimierung der Qualität. Niederösterreich ist mit dieser Art der strukturierten Ergebnisqualitätsmessung Vorreiter in ganz Österreich. Gemäß dem Motto ‚messen ist verbessern‘ sichern die Qualitätsindikatoren die bestmögliche Versorgung der Patienten.

National und international vergleichbar

Idealerweise wird dieses Indikatorensystem in ganz Österreich zur Anwendung kommen“, erklärte Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka bei der Veröffentlichung des Handbuches. Jetzt, rund acht Monate später, ist es soweit: Die Einführung ist beschlossen und schafft die Voraussetzungen, um die Forderung nach mehr Kostentransparenz und mehr Leistungsqualität national und international vergleichbar zu machen. Damit wird in Österreich ein einheitliches System der Qualitätsberichterstattung aufgebaut. Die Umsetzung beginnt nach dem Beschluss in der Bundesgesundheitskommission. Geplant ist, diese Berichte nach einer Erprobungsphase wie bereits in einigen anderen EU-Ländern der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, damit sich die Patientinnen und Patienten über die Qualität der medizinischen Einrichtungen informieren können.

Vergleichbare Datensammlung

Für eine flächendeckende Sicherung und Verbesserung der Qualität im österreichischen Gesundheitswesen muss die medizinische Qualität einheitlich messbar und damit darstellbar werden. Das gelingt mit der Entwicklung von Indikatoren aus Routinedaten, wie etwa der Anzahl an bestimmten Operationen, Wiederaufnahmen oder Komplikationen. Derzeit haben unterschiedliche Häuser auch unterschiedliche Qualitätsregister, die detailliertere Informationen liefern als die Routinedaten. Die Eingabe ist jedoch oft zeitaufwändig und die Datenqualität hängt sehr stark von den Mitarbeitern der jeweiligen Leistungserbringer ab.

Was nun genau wie zu messen ist, geben die „Austria Inpatient Quality Indicators“ (A-IQI) vor. Um einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess in Gang zu setzen, ist eine nachfolgende Analyse der gewonnenen Daten hinsichtlich des Verbesserungspotenzials für die einzelnen Abteilungen und Krankenhäuser notwendig.

Handbuch zur Umsetzung

Die NÖ Landeskliniken-Holding hat mit dem deutschen Klinikenträger HELIOS, dem Schweizer Bundesamt für Gesundheit und dem Fachgebiet Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin dazu ein Handbuch ausgearbeitet, das die in Deutschland entwickelten und auch in der Schweiz eingesetzten Indikatoren aus dem HELIOS-System (G-IQI, German Inpatient Quality Indicators) umfasst, die an die Kodierverfahren des österreichischen Dokumentations- und Abrechnungssystems angepasst wurden. Weitere, bisher in der NÖLH nicht verwendete Kennzahlen wurden aus dem HELIOS-System (veröffentlicht als G-IQI, German Inpatient Quality Indicators, Mansky et al. 2010) in den Indikatorensatz der NÖLH übernommen. Durch die mittlerweile zehnjährige Erfahrung seitens der HELIOS-Kliniken hinsichtlich der Entwicklung und des Einsatzes von Qualitätskennzahlen aus Routinedaten hat die NÖLH einen starken Benchmarkingpartner mit umfassendem Know-how mit an Board. Mittlerweile existieren neben den HELIOS-Indikatoren eigene Niederösterreich-Indikatoren, die ebenfalls im Handbuch erläutert werden. Die Kennzahlen werden für 35 medizinische Bereiche gebildet und umfassen 95 Qualitätsindikatoren – unter anderem Mortalität, Mengen für bestimmte Behandlungen, Operationen, Wahl der Operationstechnik bzw. des Behandlungsverfahrens, Intensivhäufigkeit bei bestimmten Operationen, Elemente des Behandlungsprozesses, Wiederaufnahmen, Komplikationen und Re-Eingriffe.

Kein Zusatzaufwand

Die Grundlagen dieses Indikatorensystems, wie die Berechnungslogik oder die Risikoadjustierung, sowie die genauen Indikatorendefinitionen der Austrian Inpatient Quality Indicators mit Diagnosen, medizinischen Einzelleistungen und demografischen Daten werden in diesem Handbuch erläutert und sind somit auch öffentlich zugänglich. „Die Vorteile des Systems liegen auf der Hand. Es ist effektiv, zeitsparend, international vergleichbar und es werden nahezu ein Drittel aller Aufenthalte abgedeckt. Die NÖ Landeskliniken messen sich bereits mit mehr als 240 Akutkliniken in Deutschland und in der Schweiz. Das Handbuch enthält die Inhalte der einzelnen Qualitätsindikatoren und eine Anleitung, wie diese EDV-technisch ausgewertet werden können“, erklärt Dr. Robert Griessner, Medizinischer Geschäftsführer der NÖ Landeskliniken-Holding. Die erforderlichen Daten für die Qualitätsindikatoren werden routinemäßig im Krankenhaus erfasst und sind im Zuge des Basisdatensatzes verpflichtend zu melden. Es fällt daher kein zusätzlicher Dokumentationsaufwand an.

Regelmäßig verbessern

Die Qualitätsmessung schafft Bewusstsein bei allen Beteiligten und zeigt Abweichungen strukturiert auf, der Grund für diese bleibt jedoch unklar. Um aber auch die gewünschte kontinuierliche Verbesserung zu erreichen, stellt das Peer Review-Verfahren einen zentralen Punkt und das Herzstück dieses Qualitätsmanagementsystems dar. Erst wenn bei Auffälligkeiten und Abweichungen eine strukturierte Analyse von Experten folgt, kann beurteilt werden, ob Verbesserungspotenzial besteht, die Datenqualität schlecht ist oder das Ergebnis „berechtigterweise“ nicht im Zielbereich liegt. Wenn Ergebnisse aus der Messung der Qualitätsindikatoren außerhalb des vorgegebenen Zielbereiches liegen, kommen so genannte „Peer Review-Verfahren“ zur Anwendung.

Im März hat die NÖ Landeskliniken-Holding erstmals in Österreich die zukünftigen „Peer Reviewer“, das sind rund 20 Primarärzte der NÖ Landeskliniken aus verschiedenen Fachgebieten, in einer speziellen Schulung mit der strukturierten Vorgehensweise des gesamten Verfahrens – von der Themenauswahl bis zum Abschlussgespräch – vertraut gemacht. Unterstützt wird die NÖ Landeskliniken-Holding dabei von Mitgliedern der „Initiative Qualitätsmedizin“, die in Deutschland bereits seit einigen Jahren vergleichbare Peer Reviews durchführt. „Ein wichtiger Aspekt der Peer Reviews ist die Kommunikation. Eine kollegiale und konstruktive Diskussion der einzelnen Fälle ist für das gesamte Verfahren von größter Bedeutung“, betont Griessner. Damit ist ein weiterer wesentlicher Meilenstein in einem österreichweiten Benchmarking gesetzt.

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 15 /2011

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