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Foto: ©iStockphoto.com/artstorm / Ärzte-Woche-Montage
 
Gesundheitspolitik 6. April 2011

Die e-Medikation läuft

Gesundheitsministerium, Sozialversicherung, Ländervertreter sowie Ärzte- und Apothekerkammer gaben den offiziellen Startschuss für das Pilotprojekt.

Vom Arzt verordnete oder vom Apotheker rezeptfrei erhältliche Medikamente werden in ausgewählten Testregionen seit Kurzem elektronisch erfasst. Damit sollen erwünschte und unerwünschte Wechselwirkungen leichter überprüft und bereits bei der Verordnung berücksichtigt werden. Für den Patienten bietet das ein Plus an Sicherheit, denn wer mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen muss, behält so leichter den Überblick. Auf Nachfrage können Arzt und Apotheker eine Liste aller Medikamente, die aktuell einzunehmen sind und gespeichert wurden, zur Verfügung stellen.

 

„Das ist ein guter Tag für das österreichische Gesundheitswesen“, meint LR Prof. Dr. Bernhard Tilg angesichts des offiziellen Startschusses zur e-Medikation in Teilen Wiens, Oberösterreichs und Tirols, der kürzlich gefallen ist. Ganz so optimistisch ist Dr. Walter Dorner, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), nach wie vor nicht: Er fordert einen klaren Patientennutzen, die Gewährleistung der Datensicherheit und vor allem die Verhältnismäßigkeit von Aufwand und Ertrag für die Anwender. Ob die e-Medikation all diese Kriterien zur Zufriedenheit erfüllt, wird der Probelauf in ausgewählten Testregionen zeigen.

„Ich sehe den Pilotbetrieb als Chance, die Bedienerfreundlichkeit des Systems auszuloten und auch die Mitarbeit der Patienten zu evaluieren. Ohne deren Commitment kann immer noch eine Lücke in der Aufzeichnung entstehen, die nicht ungefährlich ist. Die Verantwortung und Haftung dafür kann nicht den Ärzten übertragen werden“, mahnt der Ärztekammer-Präsident. Da die Patienten nicht zur Teilnahme verpflichtet sind oder auch die Dokumentation einzelner Präparate verweigern können, ist der Erfolg jedenfalls von der sorgfältigen Mitarbeit der Patienten abhängig.

Aufzeichnung mit Ablaufdatum

Von der Pilotphase zur e-Medikation erwartet er sich vor allem auch Aufschluss darüber, inwieweit der gesamte Aufwand mit angemessenen Mitteln in der Praxis zu erreichen ist. Auf dem Prüfstand stehen die organisatorischen, technischen und finanziellen Bedingungen und nur nach Vorliegen positiver Ergebnisse schätzt Dorner die österreichweite Umsetzung als einen – aus Sicht der Ärzteschaft – sinnvollen Schritt.

Ein zentrales Pro-Argument für die e-Medikation ist die Sicherheit für den Patienten. Das gilt insbesondere dann, wenn mehrere Ärzte aufgesucht oder auch Arzneimittel ohne ärztliche Verschreibung direkt in der Apotheke bezogen werden. Dorner dazu: „Der Aspekt der Selbstmedikation ist nicht ungefährlich. Die häufigsten unerwünschten Wechselwirkungen treten nach einschlägigen Erfahrungen jedoch bei Medikamenten auf, die sich jeder rezeptfrei besorgen kann.“ Ob jedes Aspirin dann tatsächlich in der individuellen Medikamentenliste aufscheint, bleibt abzuwarten.

Die Zugriffsberechtigung soll nach den Wünschen Dorners auch in Zukunft auf Personen beschränkt bleiben, für die Medikamentendaten zur Hebung der Patientensicherheit essenziell sind, also das medizinische Personal in Spitälern und Ordinationen. Ebenso hofft er, dass Medikationsdaten, die nicht mehr benötigt werden, auch tatsächlich gelöscht werden – im Regelfall nach sechs Monaten. „Eine längere Datenspeicherung zur Auswertung durch Sozialversicherungen, Bundesländer oder Pharmaindustrie ist zu unterbinden, da sie für die Patientensicherheit und die unmittelbare Behandlung eines Patienten unerheblich ist.“

Keine Mehrfachverordnungen

Durch die e-Medikation sollen künftig Wechselwirkungen leichter überprüft und bereits bei der Verordnung berücksichtigt werden. Zudem Mehrfachverordnungen vermieden werden, die nicht nur ökonomisch ins Gewicht fallen, sondern auch eine gesundheitliche Gefahr für die Patienten darstellen können. „Die Sozialversicherung versteht ihren Auftrag als Anwalt der Versicherten in erster Linie in Sachen Patientensicherheit. Wenn es uns gemeinsam gelingt, mit e-Medikation unerwünschte Wechselwirkungen zu vermeiden und Mehrfachverordnungen zu verhindern, haben wir viel für die Erfüllung dieses umfassenden Auftrags vorangebracht“, erklärt Dr. Hans Jörg Schelling, Vorsitzender des Verbandsvorstands im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.

Pilotstart in drei Regionen

Tatsächlich gestartet hat der Pilotbetrieb e-Medikation Anfang April 2011 in drei Regionen: Im 21. und 22. Bezirk in Wien, in den Bezirken Wels-Stadt, Wels-Land, Grieskirchen und Eferding in Oberösterreich sowie in den Bezirken Reutte, Imst und Landeck in Tirol. Rund 100 niedergelassene Ärzte, mehr als 50 Apotheken und 6 Krankenanstalten haben sich bisher freiwillig zur Teilnahme bereit erklärt. Mit der e-Medikations-Software ausgestattete Apotheken können seit 1. April ihre Kunden zur Teilnahme am Pilotbetrieb anmelden. Die Ausstattung der niedergelassenen Ärzte mit der e-Medikations-Software erfolgt im Laufe des Aprils. Mit Ende April sollte die auch bei den Apotheken abgeschlossen sein. Wiener und Tiroler Krankenanstalten starten im Mai, das Klinikum Wels-Grieskirchen wird bereits ab Anfang April lesend auf e-Medikation zugreifen können.

Bis Jahresende sollen die laufenden Evaluierungen abgeschlossen werden, sodass im März 2012 ein erster Bericht über den Testlauf vorliegen wird. Mit einem Roll-out ist – abhängig von den Ergebnissen – in der zweiten Hälfte 2012 zu rechnen.

So funktioniert’s

Im Pilotbetrieb ist die Teilnahme für Patienten und Ärzte freiwillig. Ein Arzt kann nur teilnehmen, wenn seine Ordination in den Bezirken liegt, die für den Pilotbetrieb ausgewählt wurden. Die Anmeldung erfolgt über die Ärztekammer. Jeder teilnehmende Patient erhält ein „Arzneimittelkonto“. Darin werden die ärztlich verordneten und in der Apotheke bezogenen Arzneimittel für die Dauer der Einnahme und sechs Monate danach gespeichert. Der Arzt kann bei einer neuen Verordnung die aktuellen Daten abrufen und die neue Medikation entsprechend prüfen. Durch Stecken der e-card ist eine Prüfung auch in Apotheken möglich. Die technische Basis bildet demnach das e-card-System, wobei die persönlichen Arzneimitteldaten nicht auf der e-card selbst, sondern in einem Arzneimittelkonto gespeichert werden. Die e-card des Patienten dient dabei als Zugangsschlüssel zu den Arzneimitteldaten.

Die Teilnahme an e-Medikation ist nur mit Zustimmung der Patienten möglich. Aus gesetzlichen Gründen ist eine unterschriebene Zustimmungserklärung notwendig. Sie muss einmalig vor der erstmaligen Nutzung ausgefüllt und abgeben werden und kann jederzeit widerrufen werden. Entsprechende Formulare liegen in mehreren Sprachen auf. Damit bestätigt der Teilnehmer, dass Ärzte oder Apotheker ihre Medikamentendaten nach genauen Regeln ansehen und ergänzen dürfen.

Eine aktuelle Liste der teilnehmenden und bereits mit der e-Medikations-Software ausgestatteten Ärzte und Apotheken wird ab Pilotstart im Internet unter www.chipkarte.at/e-medikation veröffentlicht und laufend aktualisiert. Die teilnehmenden Arztordinationen, Apotheken und Spitäler werden außerdem mit gut sichtbaren Türklebern gekennzeichnet.

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 14 /2011

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