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Thailand gilt in Südostasien als Musterbeispiel für eine gute Gesundheitsversorgung. Das medizinische Personal ist gut ausgebildet.
 
Gesundheitspolitik 4. März 2009

Wie der König Thailands das Rauchen stoppt

Die Menschen in Thailand haben ein hohes Bewusstsein für Solidarität und sind medizinisch top ausgebildet, sagt der in Bangkok studierende Arzt Dr. Rainer Brandl.

Die jüngsten Konflikte und Demonstrationen in Thailand waren vor allem auf Spannungen zwischen sozialen Schichten zurückzuführen, vermutet der in Bangkok studierende Niederösterreicher Dr. Rainer Brandl. Protestiert haben aber nicht die Armen, sondern die Mittel- und Oberschicht, die fürchtet, durch soziale Reformen an Einfluss zu verlieren. „In Not- oder Krankheitsfällen ist der Zusammenhalt der Gesellschaft aber enorm“, erzählt der Arzt.

Dr. Rainer Brandl kennt viele Extreme. Der Niederösterreicher hat in Wien Medizin studiert und auch hier seinen Turnus und die Ausbildung zum Allgemeinchirurgen gemacht. Dann ging er nach Afrika, engagierte sich dort in der HIV-Hilfe. War ursprünglich nur ein halbes Jahr in Tansania geplant, so kündigte er dann seine Stelle in Österreich, blieb in Afrika und baute vor Ort ein HIV-Projekt und ein Krankenhaus auf. „Das Projekt ist dann aber an der Korruption und Kriminalität im Gesundheitswesen gescheitert“, bedauert Brandl.

Studium an Spezialuniversität

Das Thema HIV hat ihn dennoch nicht losgelassen. So ging er nach Bangkok, um an der international renommierten Mahidol University einen zwölfmonatigen Masterlehrgang in Tropenmedizin mit dem Schwerpunkt HIV und Aids zu machen. „Die Universität hat langjährige Kontakte mit Wien und gilt weltweit unter anderem als das Zentrum der Malariaforschung. Die Hälfte der weltweiten Forschung zu diesem Thema passiert hier“, erzählt Brandl. Es gäbe Forschungskooperationen mit allen wichtigen Universitäten der Welt und die meisten Publikationen zu Malaria in den Spitzenjournals.

Doch nicht nur fachlich sei das vermeintliche Entwicklungsland weit vorne. Beim Thema Malaria zeige sich wie auch bei den Themen HIV und Aids, dass man sehr breit denke. „Hier können etwa Forscher einen ganzen Malariazyklus nachbauen. Mückenforscher arbeiten eng mit Medizinern und anderen Wissenschaftlern zusammen.“

Nach dem verheerenden Tsunami vor rund vier Jahren sei es etwa in vielen Ländern zu Malaria-Epidemien gekommen, nicht aber in Thailand. Hier hätten Mückenforscher sehr früh vor der Gefahr gewarnt und Brackwasserstellen als Gefahrenquellen genannt. Mit Hilfe von Satelliten seien solche möglichen Brutstätten identifiziert und mit speziellen Bakterien, die gezielt die Mückenlarven angreifen, behandelt worden. Brandl: „Bis es gefährlich wird, dauert es bei Malaria und der Mückenentwicklung etwa vier Wochen. Die Thais waren durch ihr koordiniertes Vorgehen um eine Woche schneller.“

Seit zehn Monaten ist Brandl nun in Thailand und hat dort auch das Gesundheitssystem des südostasiatischen Landes kennengelernt. Auffallend sei der enge Zusammenhalt der Gesellschaft, wenn es um die Lösung von Problemen gehe. „Im Fall der Malariabekämpfung nach dem Tsunami lief alles über etwa 20 Leute an der Uni. Aber wenn diese irgendwo hinkommen und sagen, wie etwas getan werden muss, dann helfen die Leute. Der Erfolg wird dann auch als Verdienst aller oder der Gruppe gesehen.“ Brandl glaubt, dass sich die Menschen in Thailand als große Familie fühlen und hier sicherlich auch die Religionsphilosophie eine Rolle spielt. Gleichzeitig gebe es einen großen Respekt vor Autoritäten. „Wenn die sagen, dass irgendwo geholfen werden muss, dann entsteht eine Gruppendynamik. Über Arbeit wird dann auch nicht geraunzt, sie wird erledigt“, sagt der Mediziner.

Autoritäten sind angesehen

In Thailand gelte das Wort von Autoritäten noch etwas. Das habe gerade auch in der Prävention durchaus positive Folgen, so Brandl. „Wenn der König, der sehr angesehen ist, sagt, das Rauchen schlecht ist, dann hört tatsächlich die Hälfte auf.“ Die Autoritätsgläubigkeit führe allerdings nicht dazu, dass das Land starr hierarchisch organisiert sei. Das Gesundheitswesen sei vielmehr von unten nach oben strukturiert. So gebe es etwa überall Basisgesundheitszentren, wo sich die Menschen behandeln lassen können. Für die Behandlung selbst werde pro Krankheit bzw. Diagnose ein Selbstbehalt von umgerechnet 50 Cent als eine Art Eintrittsgeld eingehoben. Für dieses Geld werde dann aber die gesamte nötige Behandlung durchgeführt. „Wenn jemand eine chronische Krankheit hat, zahlt er dennoch nur einmal.“

Establishment als Verlierer

Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gilt Thailand als eines jener Länder in Südostasien, das eine sehr fortgeschrittene Gesundheitsinfrastruktur besitzt. Auch das medizinische Personal gilt als gut ausgebildet. Die Gesundheitsausgaben der Regierung wurden im Zeitraum 1993 bis 2004 um etwa 50 Prozent angehoben, die öffentlichen Gesundheitsausgaben liegen bei rund 60 Prozent.

Die Entwicklungen haben nach Ansicht Brandls aber auch die jüngsten politischen Spannungen mitverursacht. Das zunehmende soziale Engagement der Regierung und die erstarkende Demokratie hätten dazu geführt, dass sich Mittel- und Oberschichten in ihrer Position gefährdet sehen. Brandl: „Die Blockade der Flughäfen ging nicht von den armen Leuten aus. Das waren Leute mit Multivans.“ Hier fürchte einfach das Establishment um seine Pfründe. Durch den Ausbau der öffentlichen Gesundheitsversorgung hätten etwa Privatspitäler und Privatärzte auch Geld verloren.

Hohe Alphabetisierungsrate

So hart, wie in Europa dargestellt, seien die Auseinandersetzungen aber nicht gewesen, schildert Brandl seine Erlebnisse. Gerade die Geschäftsleute hätten sehr schnell gemerkt, dass ihnen die Proteste auch schaden, weil etwa der Tourismus unter der Entwicklung leidet.

Umgekehrt genieße die Regierung bei unteren sozialen Schichten viel Unterstützung. Sie hat in den vergangenen Jahren nämlich auch viel in die Bildung investiert. Heutzutage sind laut WHO fast 93 Prozent der Bevölkerung alphabetisiert. Und Bildung gilt in Thailand viel. Brandl: „Es besteht der Anspruch: ‚Wer gut gebildet ist, schafft es auch in Toppositionen“. Das wird zwar teilweise durch Korruption etwas verwässert, aber Leute, die einen Topjob als Arzt wollen, müssen hier wirklich auch etwas können.“

In Konkurrenz zu westlichen Pharmakonzernen

Parallel hat die Regierung im Bemühen um eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung auch vor Auseinandersetzungen mit der weltweiten Pharmaindustrie nicht zurückgeschreckt. Thailand sei das erste Entwicklungsland gewesen, das begonnen habe, teure antivirale AIDS-Medikamente trotz des Patentschutzes billig selbst zu produzieren. Brandl: „Die Taiwanesen haben gezeigt, wie man diese Probleme angehen kann und dass die Versorgung in vielen armen Ländern schlicht am hohen Preis der Produkte gescheitert ist.“ Nach Thailand, das nun solche Medikamente auch in arme Länder verkaufe, habe auch Indien mit der Nachahmung begonnen, erzählt der Arzt.

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Deutschland: Von Innsbruck nach Berlin: Den Rechenstift im Kopf

Norwegen hat ein gesundes Luxusproblem

Rekordverdächtiges Tempo bei Reformen in Finnland

Nicaragua macht sich auf den Weg aus der Armut

Spanien, Land der langen Patienten-Wartelisten

Indien: Gute Ausbildung, aber fehlende Infrastruktur

Israel: Bei medizinischer Versorgung beispielhaft

In Belgien wird der Patient sofort zur Kassa gebeten

Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Tabelle:
Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet
Steigende Gesundheitsausgaben zeigen Wertigkeiten
KennwerteThailandOECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 323 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 3,5 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 7.440 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 60,0 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 69 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner k.A. 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner k.A. 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner k.A. 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 0,4 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner k.A. 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben.
Kasten:
Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten
In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.
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Thailand gilt in Südostasien als Musterbeispiel für eine gute Gesundheitsversorgung. Das medizinische Personal ist gut ausgebildet.

Foto: Privat

Dr. Rainer Brandl, Allgemeinchirurg und Tropenmediziner. Derzeit Student an der Mahidol University in Bangkok.

Von Martin Rümmele, Ärzte Woche 9/2009

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